Louise Bourgeois (r.) mit Sohn Jean-Louis
Alles ist möglich in New York
"Kulturzeit extra": Louise Bourgeois - Teil 2
Die 94-jährige Künstlerin Louise Bourgeois hat mit "Kulturzeit extra" über ihr Leben in New York im Vergleich zu Paris und über ihr Arbeiten gesprochen.
Außerdem haben wir ihren Assistenten Jerry Gorovoy, den Drucker und Künstler David Procuniar und die Kuratorin Rosa Martinez interviewt.

Warst du freier hier in New York als in Paris?

Ja! Weil hier alles möglich ist. Was immer du machst, es wird immer jemanden ansprechen.

Und in Paris?

Nein, in Paris war man immer die Gefangene eines vorherrschenden Geschmacks und eines gewissen Chic.

Skulpturen von Louise Bourgeois
Eyes - Augen: Sie haben Miss Liberty fest im Blick und sie blicken nach Europa, nach Frankreich - jenseits des Atlantiks. Obwohl ich Französin bin, kann ich mir nicht vorstellen, diese Arbeiten in Frankreich gemacht zu haben. Diese Arbeiten sind amerikanisch, von New York. Ich liebe diese Stadt, ihre scharfen Konturen, ihren Himmel, ihre Gebäude, ihre wissenschaftliche, grausame, romantische Ausstrahlung. Meine Formen sind einfacher geworden, ihre Beziehungen zueinander dagegen komplexer. Mein ganzes Tun ist getragen vom Wunsch, Überflüssiges zu eliminieren, um klare und grundlegende Relationen zu schaffen, deren einfache strukturale Rhythmen visuell bedeutungsvoll sind und folglich eine symbolische Stimmung ausstrahlen. Die Skulptur hat nichts mit dem Künstler zu tun, die Skulptur muss für sich stehen, deshalb betone ich immer wieder, dass es völlig belanglos ist, mich zu fragen, was ich in meiner Arbeit sehe, du musst es selbst sehen.

Jerry Gorovoy
Ursprünglich arbeitete Louise an einzelnen Holz-Skulpturen. Sie standen isoliert, alleine. Ich glaube, es reflektierte ihren Gemütszustand in jenen frühen Jahren in New York. Sie hatte ihre Familie verlassen, sie hatte Heimweh und sie hatte Sorgen. Die Skulpturen sind sehr steif. Aber mit der Zeit ging es ihr besser, sie war entspannter. Vorher waren es isolierte Formen, dann führte sie die einzelnen Skulpturen auf einen Sockel zusammen und das ergab die Familieneinheit von fünf. Louise ist in der Mitte, die Frau mit den Paketen, den drei hängenden Formen. Es ist eine wichtige Arbeit. Sie spiegelt die Wandlung von der Isolation zur Geborgenheit in der Familie wider."

Nein, ich habe nie genug von einem bestimmten Thema. Ich mache etwas, ich zerstöre es, ich mache es neu und ich komme immer wieder darauf zurück. Es ist ein Privileg zu sublimieren. Viele Leute können nicht sublimieren. Sie haben keinen Zugang zu ihrem Unbewussten. Es ist fast wie ein Wunder, wenn du dein Unbewusstes sublimieren kannst, und sehr schmerzlich, es zu verarbeiten. Ich nehme das Geschehene in die Hand und manipuliere es tatkräftig, um zu überleben. Ich wende das Passive ins Aktive, die Freudsche Identifikation mit dem Aggressor. Das muss man können. Ständig möchte ich manipulieren, anstatt manipuliert zu werden. Kunst ist Manipulation ohne jedwede Intervention.

"Die Spinne ist die Mutter"
Ich finde, dass dieser Versuch, sich ihrer Vergangenheit zu vergegenwärtigen, etwas von Marcel Proust hat. Was war diese Vergangenheit, was war diese Kindheit? Es war eine Kindheit im Schutz einer großbürgerlichen Familie, mit dem ganzen Charme der Bourgeoisie, mit einer Mätresse im Haus, mit einer Mutter, die von ihr ungeheuer bewundert wurde und die dann in einen Weberknecht verwandelt wird. Dieser Weberknecht, die Spinne am Ende ihrer Karriere, ist, wenn Sie Louise fragen, ihre Mutter. Die Spinne ist die Mutter, die sich kümmert. Sie hat die Langmut, sie wartet ab, bis das Futter bereit ist. Diese ganze Faszination mit der Vergangenheit hat durchaus etwas von Marcel Proust. Nicht nur die Lebenswelt, 1911, 1920 könnte noch von Marcel Proust stammen, auch das Leben in diesen großen Häusern, an diesen Bächen, an denen die Teppiche ausgeschwemmt werden.

Mein Vater brachte die verschlissenen Wandteppiche nach Hause und dann wurden sie mit dem hohen Qualitätsstandard meiner Mutter ausgebessert. Sie übernahm die ganze Restauration. Es war viel Arbeit. Tapisserie gehörte zur Familientradition, ein Familiengeschäft, seit Generationen. Ich war acht Jahre alt, als ich anfing beim Ausbessern zu helfen und sie ließen mich gewähren, weil ich nützlich war. [...] Der Hausmeister legte seine Hände auf die Hände meiner Mutter, und ich merkte, dass er zudringlich war. Weil die Hände meiner Mutter auf diese Weise berührt worden waren, verabscheute ich sie.

David Procuniar
2001 rief ich sie an. Ich arbeitete damals bei einer Internet-Firma und einmal, nach der Arbeit, suchte ich ihre Nummer im Telefonbuch und rief sie an. Sie lud mich ein zu ihrem Salon, und ich zeigte ihr meine Arbeiten: die Siebdrucke, die ich mache, und die Kupferstiche und die Bilder, die Arbeiten mit anderen Leuten. Als Louise sich entschied mit mir zu arbeiten, wählte sie Bettlaken aus, die ihre Kinder benutzt hatten als sie klein waren. Die Bettlaken sind wahrscheinlich 50 Jahre alt, manche haben Flecken, andere sind sauberer und gestärkt. Wir bedrucken sie mit abstrakten Zeichnungen. Eine limitierte Auflage von je drei Exemplaren. Hinter der Kokon-Form verbirgt sich der Gedanke, dass etwas eingewickelt ist. Für Louise bedeuten abwärts gerichtete Pfeile 'Nein'. Sie hat einen ruhelosen inneren Drang, etwas treibt sie immer weiter zur nächsten Arbeit. Wenn etwas gelöst ist, sagt sie: "Mach' eine kleine Edition". Dann geht alles um die neue Arbeit und die letzte Arbeit tritt in den Hintergrund. Natürlich vergisst sie ein Werk nicht, weil es sich immer aus früheren Arbeiten nährt, aber sie hat den ruhelosen Wunsch, noch mehr zu machen.

Welches Material bevorzugen Sie, Bronze oder Marmor?

Die beiden Materialien sind ganz unterschiedlich. Bei Marmor arbeitet man mit dem Meißel, Bronze ist ein Gussverfahren.

Aber für Sie persönlich, welches Material bevorzugen Sie?

"sleep II", 1967
"ch arbeite lieber mit Marmor. Rosa Marmor, diese Farbe erinnert an Fleisch. Der Marmor in vielen meiner neueren Arbeiten bedeutet Fleisch. Man nennt ihn Portugalo, und das Rosa wird oft durch grüne Adern verdorben. Ich kann das nicht dulden. Manchmal passen die grünen Adern aber auch zum Thema - Blutadern. Also ist dieser Marmor etwas sehr Spezielles. [...] Das Auf und Ab bei meiner Arbeit findet beim Gießen, dann beim Zurechtschneiden statt. Symmetrische, menschliche Körper... ineinander verschlungen. Die hängende Position verweist auf Passivität, das Material hingegen ist Ausdruck von Widerstand und Ausdauer. Heute gibt es in meinen Arbeiten eine starke emotionale Motivation, aber sie ist eine Art formaler Kontrolle unterworfen. Die beiden Dinge müssen Hand in Hand gehen. Die Motivation ist emotional und mörderisch oder wie auch immer, doch die Form muss absolut streng und rein sein. [...] Ich habe mich nie um Erfolg bemüht. Ich habe immer gearbeitet, weil es mir Freude bereitet.

Rosa Martinez
Ich lernte Louise Bourgeois in New York kennen. Ihre Energie, ihre Augen haben mich fasziniert. Es ist ein Blick, der die ganze Welt widerspiegelt. Ich bewundere sie als Künstlerin und als Mensch. Und für mich ist sie die jüngste Künstlerin der Ausstellung, mit der größten Kraft, ihre Welt auf sehr elegante, kraftvolle, intensive Weise zum Ausdruck zu bringen. Ihre Skulpturen - Mutter und Tochter - gerade für uns Frauen und Mütter ist es interessant zu sehen, wie sie das Thema zum Ausdruck bringt. Das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter. Sie sind eng miteinander verbunden, haben aber auch Spannungen, denen sie nicht entfliehen können und doch können sie sich nicht weit voneinander entfernen. Das hat sie auf außergewöhnliche Art zum Ausdruck gebracht.

Sendedaten
"Kulturzeit extra": Louise Bourgeois - ein Porträt"
Samstag, 08.07.2006, um 19.20 Uhr (Wdh.)
Berichtinbildern
Werke von Louise Bourgeois