Louise Bourgeois (r.) mit Sohn Jean-Louis in ihrer New Yorker Wohnung
Dieses zwingende Bedürfnis zu arbeiten
"Kulturzeit extra": Louise Bourgeois - Teil 1
Die Französin Louise Bourgeois lebt zurückgezogen in New York. Trotz ihres hohen Alters arbeitet die 1911 geborene Künstlerin mit ungebremster Energie. Uns hat sie gemeinsam mit ihrem Sohn, dem Kunsthistoriker Jean-Louis Bourgeois, ein Interview gegeben.
Außerdem haben wir mit ihrem Assistenten Jerry Gorovoy, mit Elisabeth Kübler, Direktorin der Galerie Lelong 1970-1994, dem Kurator Peter Weiermair, dem Drucker und Künstler David Procuniar und der Kuratorin Rosa Martinez gesprochen.

Louise Bourgeois:
Ich heiße Louise Josephine Bourgeois. Ich wurde am 25. Dezember 1911 in Paris geboren. Der schöpferische Impuls für alle meine Arbeiten der letzten 70 Jahre ist in meiner Kindheit zu suchen. Meine Kindheit hat nie ihre magische Kraft, nie ihr geheimnisvolles Dunkel, nie ihre Dramatik verloren. [...] Als Künstler geboren zu werden, ist nicht nur ein Privileg, sondern auch ein Fluch. Künstler kann man nicht werden, man kann die Gabe nur annehmen oder abweisen. Ich bin eine amerikanische Künstlerin. Meine künstlerische Erfahrung war die New Yorker Erfahrung. In meinem Werk drückt sich der Wunsch, dieses zwingende Bedürfnis zu arbeiten aus. Und das wiederum hat mit meinem Geburtsland Frankreich zu tun: Hier geschah alles, was mir wichtig ist. Alle meine Motivationen, Freude und Leid, stammen von dort. Doch ihre Umsetzung ist amerikanisch.


Eine Flucht vor Ihrem Vater vielleicht?

Ganz genau. Es war eine Flucht vor meinem Vater. Ich habe zahlreiche Arbeiten zu dem Thema "The Destruction of the Father" gemacht. Ich vergebe nicht und ich vergesse nicht. Das ist das Motto, das meine Arbeit nährt. Du kannst die Gegenwart nicht anhalten. Du musst einfach jeden Tag die Vergangenheit aufgeben. Kannst Du das nicht akzeptieren, dann musst du Bildhauer werden. Mich interessiert die Überwindung von Angst: Sich vor ihr zu verstecken, wegzurennen, sich ihr zu stellen, sie zu exorzieren, sich deswegen zu schämen und schließlich Angst vor der Angst zu haben. Das ist das Thema. Meine Mutter war meine beste Freundin. Sie war klug, geduldig, tröstend, feinfühlig, fleißig, unentbehrlich und vor allem, sie war eine Weberin - wie die Spinne.

"Die Spinne dominiert die Zelle" (Zum Vergrößern anklicken)
Da ist eine Uhr, ein Medaillon, ein Flakon, das sind alles Dinge, die der Vergangenheit angehören, sich auf ihre Mutter beziehen. Die Spinne ist eine Metapher, steht für ihre Mutter, die Weberin war, ähnlich wie eine Spinne. Ihre ersten großen Spinnen waren bauliche Strukturen, man konnte unter ihnen hindurchgehen. Sie waren nicht nur Objekte, sie bildeten einen Raum, einen Ort. In diese Skulptur baute sie eine Zelle, sozusagen ein Spinnennetz in architektonischer Form. Da ist der Gedanke der Erinnerung, man kann darin sitzen, man ist an einem geschützten Ort. Aber Louise mag auch klaustrophobische Plätze. Der Ort der Spinne steht in Bezug zum architektonischen Raum, und sie will diesen Raum eng halten, so dass die Idee des Spinnennetzes nicht verloren geht. Die Spinne dominiert die Zelle, behütet sie, so dass die Zelle sich nicht im Raum verlieren kann. Sie hing sehr stark an ihrer Mutter, bei ihrer Mutter war sie geborgen, ihre Mutter war eine Feministin. Das Verhältnis zum Vater war problematisch, da gab es große Spannungen. Von der Mutter bekam sie immer uneingeschränkte Unterstützung, aber der Vater war viel kritischer.

Hat es dir weh getan, dass deine Eltern eigentlich einen Jungen und kein Mädchen wollten?

Das stimmt.

Hat dir dein Vater das gesagt, hat er dich das fühlen lassen... permanent... oder manchmal?

Es gibt darüber einen Film. [...] Wenn ein Junge geboren wird, dann ist die Familie glücklich. Wenn ein Mädchen geboren wird, dann findet man sich damit ab, man toleriert die Tatsache.

Wusste deine Mutter, was los war?

Oh ja, sie wusste es. Sie war der Meinung, dass wenn sie die Mätressen im Auge behalten kann, dann hat sie auch ihn unter Kontrolle. Deshalb lebten die Mätressen in unserem Haus, unter dem Vorwand, Englischlehrerinnen für mich, meinen Bruder und meine Schwester zu sein. Es gab viele Mätressen vor Sadie, aber Sadie war die Hauptmätresse. Sie lebte über zehn Jahre mit uns im Haus.

Ich sah im MoMA in New York ihre Ausstellung und war total hingerissen. Ich dachte, da Louise Bourgeois bereits eine Ausstellung im MoMA hat, ist es ausgeschlossen, dass ich sie für die Galerie Lelong in Zürich begeistern kann. In Amerika war sie schon berühmt, aber hier noch nicht, und die Preise waren amerikanisch. Es war sehr schwierig, etwas zu verkaufen. Dann hat Peter Weiermair mit ihr eine zweite Ausstellung gemacht. Da haben sie Baselitz und andere Künstler das erste Mal so richtig wahrgenommen und schätzen gelernt. Über die Künstler ist dann ein Netz entstanden. Sie wurde aufgenommen. Das ging über auf die Museumsleute. Am Anfang geht es eher über die Künstler. Eine ganz unheimliche Sache, die wir hier leider gar nicht zeigen konnten, war die Performance, die Louise Bourgeois in New York gemacht hat, die Performance mit Brüsten, wie die Artemis, einfach Hunderte von Brüsten.

Aufnahmen mit Robert Mapplethorpe: Ich befürchtete eine Katastrophe, bereitete mich darauf vor. Ich nahm eine Arbeit mit, denn diese Arbeit gibt mehr von mir preis, als mein Äußeres. Und ich trug einen Mantel aus Affenhaar. Ich mag Affenfell. Es ist etwas sehr langes und strähniges. Ich liebe diesen Mantel, und ich liebe das Objekt, das ich mitbrachte. Diese Arbeit nennt sich Fillette. Fillette bedeutet kleines Mädchen. Wenn Sie sich an einer Interpretation gütlich tun wollen, könnten Sie sagen, dass ich eine kleine Louise mitgebracht hatte. Das gab mir Sicherheit.

Peter Weiermair
Louise Bourgeois sagt sehr schön: "Success could not kill me because success came so late" (Der Erfolg konnte mich nicht umbringen, weil der Erfolg so spät kam). Wenn Sie heute sehen, wie Künstler nur mehr ein Frühwerk haben und es geht dann sozusagen den Bach hinunter. Bei Louise Bourgeois ist das anders. Sie ist eine 94-Jährige, die nach wie vor mit einer Frische produziert, die bewundernswert ist. Das ist ein Phänomen. Ich sage oft zu den Leuten: Tizian hat ein Spätwerk, Rembrandt hat ein Spätwerk, überall dort, wo es Krisen im Stil gab, gibt es Spätwerke, aber Spätwerke heute sind etwas ganz seltenes, Spätwerke von solcher Qualität.

Die Daros Collection "Insomnia Drawings", ein Konvolut aus 220 Blättern, ist Ergebnis zahlreicher schlafloser Nächte. Können Sie uns von dem Thema Schlaflosigkeit in Ihren Arbeiten erzählen?

Nun, ich leide unter Schlaflosigkeit. Das ist sehr quälend. Ich lebe mit der Schlaflosigkeit und ich nehme keine Schlaftabletten.

Sie nehmen niemals Schlaftabletten?

"Insomnia" 1994-95
Nie. Ich arbeite an den Zeichnungen nachts im Bett, auf Kissen gestützt. Vielleicht mit ein bisschen Musik, oder ich höre einfach den Geräuschen auf der Straße zu. Meine Zeichnungen bewahre ich sorgfältig auf. Sie entspannen mich und helfen mir einzuschlafen. Zeichnungen sind Denkfedern, es sind Ideen, die ich mitten im Flug erhasche und auf Papier setze. Alle meine Gedanken sind visuell. Doch die Themen meiner Zeichnungen werden oft erst Jahre später in Skulpturen umgesetzt. Folglich gibt es viele Dinge, die in den Zeichnungen auftauchen, aber nie weitergeführt werden. Tusche und Kohle: Kohle ist so wertvoll, dass ich auch die kleinsten Stummel noch aufbewahre. Tusche ist endgültig. Eigentlich nicht ganz, denn die beste Tusche ist die weiße, mit der ich alles überdecken und löschen kann. Auf vielen Zeichnungen gibt es fünf Elemente, sie repräsentieren Robert, Louise, Alain, Jean-Louis, Michel - fünf Personen, meine Familie. Es gibt eine Menge von diesen Zeichnungen mit fünf Elementen.

Extra
"Kulturzeit extra": Louise Bourgeois - ein Porträt"
Samstag, 08.07.2006, um 19.20 Uhr (Wdh.)
Bericht in Bildern
Werke von Louise Bourgeois