"Kulturzeit" schärft den Blick
Moderator Ernst A. Grandits zum zehnjährigen Jubiläum
"Kulturzeit"-Moderator Ernst A. Grandits
Kunst ist ohne Theorie und Geschichte nicht zu verstehen. "Ohne Kunsttheorie ist schwarze Malfarbe einfach schwarze Malfarbe und nichts anderes", schrieb der Philosoph Arthur C. Danto in seinem Buch "Die Verklärung des Gewöhnlichen". Natürlich gibt es beim Verstehen von Kunst auch einen wichtigen "nichtsprachlichen" Anteil. Doch das komplexe Gesamtbild kann nur mit beiden dechiffriert werden. Kunst ist ein verdichteter Blick auf die Welt, ein Spiegel der kulturellen Epoche. Das gilt auch für die Kultur.
Was immer der einzelne unter dem strapazierten Begriff verstehen mag. Kultur ist ohne Reflexion nicht zu verstehen. Dazu gibt es das Feuilleton, die Kulturmagazine und andere sich den kulturellen Phänomenen widmende Formate, in Print- und TV-Medien. Wir versuchen, den Blick zu schärfen, für das (die) Andere(n) und den Blick auf uns selbst. Das ist auch das Spannende an diesem Unterfangen.
Kultur selbst im Bombenhagel
Ich war während der Belagerung Sarajevos einige Male in dieser multikulturellen k. u. k.-Stadt. Umzingelt und unter Beschuss von den serbischen Truppen, lebten in der Stadt weiterhin Serben, Kroaten, Bosnier, Juden und Moslems zusammen. Und bei der Sprache unterschied man damals noch nicht und sagte: "Lass uns in 'unserer' Sprache sprechen".
Ich war als "burgenländischer Kroate" (eine Minderheit, die seit mehr als 400 Jahren im Burgenland siedelt), für die Belagerten nur eine weitere Variante einer kulturellen und sprachlichen Ausprägung des "Balkanischen" und mehr als herzlich willkommen. Inmitten dieser Barbarei des Terrors von Heckenschützen und Granaten, gab es ein reges "Kulturleben". Man organisierte Ausstellungen, verlieh Bücher, lief im Bombenhagel ins Theater, saß im Mantel im eiskalten Konzertsaal, in dem auch noch das Licht ausfiel und die Musiker im Dunkeln weiterspielten ...
Die Design-Gruppe Trio gestaltete das "Enjoy Coca-Cola" zu "Enjoy Sarajevo". In der mit diesem Sujet vollständig tapezierten Disco gab es heftige Diskussionen zum Beispiel über Susan Sontags "Godot"-Inszenierung in Sarajevo. Kultur war in dieser Situation ein Überlebensmittel und, wie ein Künstler sagte: "Ein Mittel, mehr über uns in diesen barbarischen Umständen zu erfahren."
Kultur ist in Zeiten der Globalisierung zum Wirtschaftsfaktor geworden, zur Handelsware. Auch fürs Dekor ist sie zu haben. Dies alles begleitend zu vermelden, einzuordnen und zu kommentieren, bleibt unsere Aufgabe als "Kulturzeit"-Moderatoren.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



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Ernst A. Grandits, geboren in Wien, studierte an der Filmakademie Wien und ist seit 1975 beim ORF. "Kulturzeit" moderiert er seit 1996. Den größten Teil seines journalistischen Schaffens machen zahlreiche Dokumentationen aus, in denen er sich mit dem Einfluss von Politik auf die Kultur auseinandersetzt. Einen Schwerpunkt bildet dabei die osteuropäische Kultur. Er führte Regie in mehreren Shows von André Heller. Außerdem gestaltete er mehrere Sendereihen, in 3sat vor allem das Reisemagazin "Stadt-Land-Österreich", und er ist Moderator bei den "Tagen der deutschsprachigen Literatur" in Klagenfurt.

Ernst A. Grandits - Biografie

14.09.2005 / Ernst A. Grandits / hs
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