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Lesen analog - bald ein Relikt vergangener Tage?
Die Angst der Verlage
"Kulturzeit extra" aus Klagenfurt:
Fällt die letzte Bastion des Analogen?
Nirgends könne man den Grad einer Kultur schneller und besser kennenlernen als in den Bibliotheken, so Heinrich von Kleist. Und in der Tat: Nirgends, so scheint es, erfährt man dieser Tage mehr über den Grad unserer digitalen Kultur als in einer Bibliothek, genauer: in der Universitätsbibliothek Darmstadt - und durch ihren Rechtsstreit mit dem Stuttgarter Ulmer-Verlag.
Vordergründig geht es um elektronische Leseterminals, die ein Buch des Verlags in digitalisierter Form verfügbar machen. Hintergründig aber geht es um mehr: darum nämlich, wie weit die seit 2008 im Urheberrecht verankerte Digitalisierung in Bibliotheken gehen darf - und damit auch um eine Urangst der Verlage.

"Die Angst, dass die Bücher digital im Internet verschwinden und auf Tauschplattformen stehen", so der Verleger Mathias Ulmer - und das legitimiert durch die Unibibliothek Darmstadt.

Papierkopie: ja - elektronische Kopie: nein
Das Landgericht Frankfurt hat jetzt entschieden - maßgeblich zugunsten der Bibliothek. Eine Urheberrechtsverletzung liege durch Digitalisierung nicht vor. In einem Punkt aber gibt das Gericht dem Ulmer-Verlag Recht: Das Kopieren auf USB-Stick ist grundsätzlich verboten. Papierkopie: ja - elektronische Kopie: nein. In der Unibibliothek stößt das auf Unverständnis. Hans-Georg Nolte-Fischer, Direktor der ULB Darmstadt, erklärt: "Deshalb ist jetzt die für uns nicht nachvollziehbare Situation eingetreten, dass der Nutzer das Buch aus dem Regal nehmen und am Kopierer auch eine digitale Kopie fertigen kann. Aber am elektronischen Leseplatz darf er das nur ausdrucken und keine digitale Kopie ziehen."

Hinter Nolte-Fischer steht der Deutsche Bibliotheksverband, hinter Ulmer der Börsenverein des deutschen Buchhandels. Der Rechtsstreit zieht einen Graben: zwischen den Bibliotheken, die sich medialen Neuerungen öffnen - und den Verlagen, für die Digitalisierung auch im Schreckensgewand einer neuen Gratis-Mentalität daherkommt. Setzen die einen auf neue Nutzformen, würden die anderen das Rad der Zeit am liebsten ganz zurückdrehen. "Heute glauben alle, sie könnten nur noch von zu Hause aus Bibliotheken nutzen", Verleger Mathias Ulmer. "Die können auch in eine Bibliothek gehen. Es ist nicht verpflichtend, dass Wissenschaft auf dem Sofa stattfindet."

Von "Wissenschaft auf dem Sofa" ist in Darmstadt keine Spur. Die Terminals sind ohnehin nur bibliotheksintern nutzbar. Gedruckt und digital - in friedlicher Koexistenz. Die Download-Generation vor Ort weiß sehr wohl um den Unterschied zu üblichen Raubkopierstätten im Netz. "Bei der Musik spielt es unter Umständen wirklich keine Rolle, ob ich die als Musik habe oder als MP3", so der Nutzer Andreas Kaminski. "Es macht aber beim Buch einen großen Unterschied, ob ich es digital habe oder in Papierform. Wenn ich mir kurz einen Überblick verschaffen möchte, greife ich auf digital zurück. Aber das Lesen, die intensive Studienarbeit, die findet am Papier-Exemplar statt."

"Nutzer entscheiden nach Gebrauchssituation"
Hans-Georg Nolte-Fischer, Direktor der ULB Darmstadt, erklärt: "In den letzten zehn Jahren haben wir eine Verdopplung der Ausleihe von gedruckten Werken, obwohl wir das digitale Angebot ausgebaut haben. Das ist eine zusätzliche Mediennutzung. Die Nutzer entscheiden nach Gebrauchssituation." Das Gericht hat die Bibliothek bestärkt. Unabhängig von bestehenden Digitalangeboten des Verlags darf sie Bücher einscannen.

Mathias Ulmer will das Verfahren deshalb fortführen. Ihm und dem Börsenverein geht es um Grundsätzliches: die wirtschaftliche Existenz. Das ganze Gewicht seines Lehrbuchbestandes wirft Ulmer in die Waagschale. "Wir machen dann eben keine Lehrbücher mehr", sagt er. "Und wie dann die Studenten ihr Studium bewältigen sollen, ohne Lehrbücher, da wird sich dann der Staat drum kümmern müssen."

Darmstädter Bibliothek gegen Ulmer-Verlag - ein Musterprozess inmitten einer medialen Revolution. Der Streit könnte den Weg ebnen für eine weitere Neuformulierung im Urheberrecht. Wessen Recht wird dann gestärkt? Das der Nutzer und Bibliotheken oder das der Verlage und Urheber? Ein Richtungsstreit, bei dem man schnell vergisst: Auch in Zukunft geht es für die einen nicht ohne die anderen.

Sendedaten
"Kulturzeit extra" aus Klagenfurt
Donnerstag, 25.06.2009
Freitag, 26.06.2009
jeweils gegen 13 Uhr
Schwerpunkt
33. Tage der deutsch-
sprachigen Literatur
vom 24. bis 28.06.2009
Moderation
Eva Wannenmacher und Andreas Isenschmid führen durch die "Kulturzeit extras"
Mediathek
Interview mit Brigitte Zypries zum Urheberrecht (15.06.2009)
Links
ORF: Bachmannpreis 2009
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24.06.2009 / Andrea Maurer (Kulturzeit) / se