Stations: Anton Reyle
"Kulturzeit"-Reihe: Meisterwerke zeitgenössischer Kunst - Teil 31
Eines von Anselm Reyles Folienbildern: "Ohne Titel"
Der Künstler Anselm Reyle gibt seinen großformatigen Folienbildern keine Namen. Sein Atelier in Berlin Kreuzberg ist organisiert wie die Werkstatt alter Meister. Schon Rubens ließ seine Barockgemälde nach Anweisungen produzieren. In Reyles Atelier arbeiten bis zu 80 Mitarbeiter an der Verwirklichung seiner Ideen, aber nur ganz wenige Werke gibt Reyle für den Markt frei. Er hat die Großen der abstrakten Moderne studiert, in seinen Arbeiten bezieht Reyle sich auf Fundstücke, die er in der Kunstgeschichte oder im alltäglichen Leben entdeckt hat.
Anselm Reyle sucht neue Strukturen und findet dabei Bilder. Das System entstehe eher "aus einem sehr unsicheren Suchen", erklärt Reyle. "Das erste Folienbild fand ich erst einmal ziemlich peinlich. Aber diese Peinlichkeit hat mich auch interessiert, dieses Dekomotiv direkt aus dem Schaufenster in meine Malerei mit rein zu nehmen, das hatte etwas unangenehm Kreatives." "Direkt aus dem Schaufenster" - Anselm Reyle verwendet handelsübliche Dekofolie. Er setzt auf den visuellen Effekt. "Wenn Folienbilder, dann mehrere, weil ich eben viel verwerfe und später dann selektiere", so der Künstler.
Spiel mit der Abstraktion
Reyle produziert seine Bilder in einer Werkstatt
In Anselm Reyles Berliner Atelier entsteht ein Bild. Auf einer schwarz gestrichenen Leinwand wird silberne PVC-Folie drapiert. Ein Spiel mit der Abstraktion. Kaum 15 Minuten dauert der Prozess. Auf diese Weise entstehen mehrere Bilder hintereinander. Welche Folienbilder für die Ewigkeit bestimmt sind, entscheidet der Künstler später. Anselm Reyles Folienbilder erhalten zum Schluss einen Rahmen aus Plexiglas. Zur Zeit arbeitet der Künstler daran, die fragile Folie durch einen ewig haltbaren verchromten Aluminiumguss zu ersetzen. Das gegenstandslos Banale wird spektakulär.
Es gehe ihm um Einfachheit, sagt der Künstler, "dass es möglichst ungezwungen daherkommt. Eigentlich geht es um das Konzept: Folie auf Leinwand, und das soll möglichst unmittelbar rüber kommen und nicht zu unnötig kompliziert werden. Also: Je einfacher, desto besser, aber nicht langweilig. Irgendwo muss eine Überraschung stattfinden - und das entscheide ich dann später."
Eine ganze Werkstatt arbeitet an einem Bild
Anselm Reyle
Der Chef entscheidet selbst. Die Arbeit machen viele. In Reyles Atelier arbeiten zur Zeit 30 Assistenten an seinen Werken. Viele von ihnen sind selbst Künstler. Im Kreuzberger Loft gibt es eine eigene Schreinerei und ein Entwicklungslabor für die verschiedenen Werkstoffe, aus denen Bilder und Skulpturen bestehen. Schon bei Rubens waren die Arbeitsprozesse in einer Künstlerwerkstatt ähnlich organisiert. Das Atelier Anselm Reyle ist ein mittelständischer Kunstbetrieb. Hier wird nach den Ideen des Meisters Kunst produziert, katalogisiert und vertriebsfertig gemacht.
"Am Anfang war es sehr chaotisch", erinnert sich Reyle. "Ich selbst bin eigentlich auch sehr chaotisch. Die Assistenten haben angefangen, eine Struktur rein zubringen, weil niemand mehr etwas gefunden hat. So ging es dann Schritt für Schritt weiter. Irgendwann hat mir das auch Spaß gemacht, eine Struktur zu haben, weil das vollkommen neu war für mich. Mittlerweile interessiert mich das Atelier und die Struktur hier genauso wie das, was zum Schluss dabei heraus kommt."
Nur wenige Bilder werden verkauft
Extra für den Bunker hergestellt
Nach der Herstellung kommt der Vertrieb. Nur wenige Bilder verlassen seine Werkstatt. Anselm Reyles Bilder werden hoch gehandelt. Im Boros-Bunker, einer privaten Kunstsammlung in Berlin, hängt eines seiner Folienbilder, das extra für diesen Ort entstand. Es ist ein monumentales Bild, schillernd, eine glänzende Verlockung in der Tristesse des Weltkriegsbunkers. "Es geht mir nicht rein darum, Bilder für den Kunstmarkt zu machen", sagt Reyle. "Ich weiß: Kunstmarkt ist Teil der Arbeit, da kann ich auch nichts dagegen tun. Da kann ich mich auch nicht dagegen wehren, deswegen versuche ich affirmativ damit umzugehen. Als Thema interessiert mich auch Kunstgeschichte, die Geschichte der Moderne und was da passiert ist."
In der Moderne entdeckten die Künstler das Einfache. Es heißt, Anselm Reyle habe die Folie zuerst in einem Berliner Optikerladen entdeckt - durch die Folie sollte Unattraktives attraktiver werden. Die Folie ist ein Effekt. Anselm Reyle lässt diesen Effekt sich selbst kommentieren. Die Folie wird zum Knallefekt.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



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Reihe: Meisterwerke zeitgenössischer Kunst - Teil IV



Was ist Kunst?

11.02.2009 / Lotar Schüler (Kulturzeit) / hs
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