Schwere Geburt
"Kulturzeit extra: Gegor Schneiders 'Cube' in Hamburg" - Teil I
Der "Cube" - wenn er denn fertig aufgebaut ist
Gregor Schneiders "Cube" ist eines der schwierigsten Kunstprojekte der Gegenwartskunst, von einem Künstler mit enormem Durchhaltevermögen, der auf der Biennale in Venedig 2001 den Goldenen Löwen gewonnen hat. Aus einer vieldiskutierten Idee wird ein konkretes Kunstwerk. Seiner Eigenart entsprechend, überlässt Gregor Schneider nichts dem Zufall. Akribisch begleitet er jeden technischen Einzelschritt, damit das Werk so wird wie er es sich seit Jahren wünscht.
Selbst der Künstler ist mittlerweile ungeduldig: "Ich möchte endlich den Kubus sehen", sagt er. "Ich möchte sehen, was vorher vorverurteilt wurde. Ich möchte mir endlich ein Urteil erlauben. Ich weiß genauso viel wie alle anderen Beteiligten. Ich hab' sie auch noch nicht gesehen. Deswegen bauen wir sie ja."
Als Kunstwerk von Bestand?
Gregor Schneider, Künstler
Wie selbstverständlich laufen die Bauarbeiten auf dem Plateau zwischen Kunsthalle und Galerie der Gegenwart ab. Fast vergisst man, dass der Kubus, der die Maße der Kaaba in Mekka haben und genau wie der heiligste Ort des Islam schwarz verhüllt wird, gegen so viele Widerstände kämpfen musste. Der Diskurs über die Widerstände - zwischen Panikmache und Terrorangst - ist vom Werk nicht mehr wegzudenken. "Wer hat Angst vor Gregor Schneider? Wer hat Angst vorm schwarzen Würfel. Als wir das dann machen wollten, hieß es: Kunsthalle wagt temporäres Tolernazmahnmal." In Hamburg darf der Kubus nun beweisen, ob er als Kunstwerk Bestand hat.
"Was mir sehr wichtig ist: Wir haben hier Dönerbuden und Moscheen um die Ecke. Hier kommt der Kubus im realen Leben an, und wir haben hier nicht einen reinen Kulturtourismus á la Venezia", so Gregor Schneider. In Venedig, dem heutigen, italienischen Mekka für Millionen von Touristen, hätte Schneider seinen Kubus am liebsten gebaut. Es ist Symbol für kulturellen Reichtum und kirchliche wie weltliche Macht vieler Jahrhunderte. Doch es sei ihm schriftlich mitgeteilt worden, erklärt Schneider, "dass der Kubus aufgrund einer politischen Entscheidung verboten wird. Alternative Orte waren verboten worden".
Persona non grata
So hätte es in Venedig aussehen können...
"Wir sind dann zu der Überzeugung gelangt, dass die Entscheidung innenpolitische Gründe hatte", so Manfred Teupen von der Galleria Massimo de Carlo. "Der italienische Norden ist Gebiet der Lega Nord, die überaus fremdenfeindlich ist. Diese Partei war mit Berlusconi in einer Koalition. Und man wollte nicht das Risiko eingehen, dass es hier zu Demonstrationen von Seiten der Lega kommen würde, die dieses islamische Symbol nicht auf dem Markusplatz haben wollte." So beginnt im Herzen Venedigs die Geschichte der Verhinderung eines Kunstwerks. An Argumenten fehlt es nicht. Die Muslime könnten sich beleidigt fühlen, Terrorangst wird herbeigeredet. Der scheue Schneider wird zur öffentlichen Gegenwehr gedrängt und illustriert die Qualität seines Projektes, damit es nicht lautlos verschwindet. Im Katalog der Biennale darf er seine Meinung nicht mehr äußern. Er wird zur Persona non grata.
Ronald Jay Jr. Magill, Journalist
"Da entwickelt sich eine Wut, weil nicht nur ich und Gregor, sondern ganz viele andere Leute Energie da hineingesteckt, weil sie an diese Arbeit geglaubt haben", echauffiert sich Michael Staab, Projektmanager Venedig 2005. "Und wenn dann plötzlich außerhalb des Kunstproduzierens von der Politik so ein Projekt verboten wird, das tut natürlich weh." Die Biennale schweigt beharrlich. Möchte nichts mehr von diesem Projekt hören. Wie ein Stein lastet das Schweigen auf der Freiheit der Kunst und nagt am Image einer Kulturmetropole, die sich sonst so gern weltoffen gibt. Der Journalist Ronald Jay Jr. Magill erklärt: "Die Journalisten, die in den USA berichtet hatten, waren geschockt von der Verhinderung, besonders in Venedig. Und sie fragten sich, wo die Gründe liegen könnten. Es wurde vermutet, dass die Begründung sei, dass man Muslime damit verärgern könnte, aber auch, dass es politische Gründe gab, das wurde nicht sehr positiv aufgenommen." Und Manfred Teupen von der Galleria Massimo de Carlo mekt an: In Deutschland und im englischsprachigen Raum sei die Sache mit ganzseitigen Artikeln in wichtigen Zeitungen diskutiert worden - "während in Italien keine einzige Zeile" erschienen sei.
Der Islamwissenschaftler Raoul Motika ist der Überzeugung: "Durch solch eine Maßnahme wird ein Bild des Anderen, des Barbarischen, des letztlich unverständlich reagierenden Muslim, das so in der Realität gar nicht existiert, erst konstruiert."
Der Wunsch nach Verwirklichung seines Projekts wird für Gregor Schneider zum Spießrutenlaufen. Wie in Venedig so lädt ihn in Berlin das "Museum für Gegenwart - Hamburger Bahnhof" ein, den Kubus zu bauen - um ihn dann in der Luft hängen zu lassen. Eugen Blume vom Museum "Hamburger Bahnhof" redet sich heraus: "Ich habe, glaube ich, genug dazu gesagt. Es ist eine Diskussion zwischen P.K. Schuster und mir gewesen. Und er hatte das Gefühl, diese Skulptur sei schon realisiert worden, nämlich in Venedig. Trotz des Scheiterns ist diese Skulptur schon in der Welt gewesen."
Argument: Terrorangst
Hubertus Gaßner, Direktor Hamburger Kunsthalle
Hubertus Gaßner, Direktor der Hamburger Kunsthalle, ist über das Vorgehen empört: "Ich finde das unmöglich, so sehr ich sonst mit Herrn Schuster d'accord bin. Das Verbot als Realisierung zu sehen, das ist keine Dialektik mehr, sondern schlichtweg Zensur. Man kann sich ja nicht mit einer Zensur zufrieden geben, sondern man muss das für die Freiheit der Kunst und auch der Ästhetik verteidigen." In Berlin wird nicht mehr offen mit Terrorangst argumentiert, sondern man versucht, der Arbeit die künstlerische Berechtigung abzusprechen, bevor sie überhaupt in die Welt kommen darf. "Die Angst der Politik, die Hysterie der Medien, alles das kommt in eine Gemengelage, so dass man sich fragen muss, was ist Aufgabe von Kunst, und was ist die Aufgabe von denjenigen, die über die Kunst zu Gericht sitzen", fragt der Jesuitenpater Friedhelm Mennekes. "Das sind die Kuratoren, die sich alle verscheißern in ihre Ecken, entweder aus Eigenverdrängung oder aus Angst."
Zeitgenössische Kunst, wenn sie im öffentlichen Raum stattfindet und relevant sein will, kann sich gesellschaftlichen und politischen Wechselwirkungen nicht entziehen. Schneiders Kubus ist mit Bedeutungen und Ängsten aufgeladen, die nicht zu kontrollieren sind. Die Wahrnehmung des Werkes funktioniert immer noch über Terror- und Islamfurcht. Das einfache und zugleich komplexe Kunstwerk läuft Gefahr, nur noch als Kommentar zum Islam interpretiert zu werden. Doch für den Gerüstbauer Marco Westendorff "hat das nichts mit Religion zu tun, für mich ist es eine Baustelle". Eine Baustelle mitten in Hamburg, das auch schon als Keimzelle des internationalen Terrorismus bezeichnet wurde. Doch Ramadan Ucar, Imam der Centrum Moschee erklärt: "Terroristen, die von Hamburg aus etwas gemacht haben, die können nicht unser wirkliches Bild zeigen. Aber solche Kunstwerke, die bringen uns näher."

"Kulturzeit extra: Gregor Schneiders 'Cube' in Hamburg"
Samstag, 24.03.2007, um 19.20 Uhr



Der Aufbau des "Cube"

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23.03.2007 / Peter Schiering (Kulturzeit) / se
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