Marktchance Dritte Welt
Wie die Global Player in den Armen weltweit neue Kunden entdecken
Mit Handy auf dem Maisfeld: "Jeder Mensch ist eine mögliche Marktchance"
Sie waren bisher unser Feindbild, galten für uns als Bedrohung für die Demokratie und die Armen der Welt: die "bösen Buben" des Kapitalismus, die Global Player, die "Heuschrecken". Doch genau sie können den Armen der Welt helfen. Und das auch noch wirkungsvoller als jede gutgemeinte Entwicklungshilfe. Diese erstaunliche These vertritt der aus Indien stammende Wirtschaftsprofessor C.K. Prahalad.
"Im Grunde geht es um einen Paradigmenwechsel in unserer Wahrnehmung: Jeder Mensch ist eine mögliche Marktchance. Sowohl als Mikro-Produzent als auch als Mikro-Konsument", meint Prahalad. Die Armen der Welt sind für ihn ein riesiger, bisher unerschlossener Markt an Klein-Unternehmern und Klein-Konsumenten.
"Arme wollen keine Almosen, sie wollen Chancen"
C. K. Prahalad
Eine Idee, die jetzt sogar für Friedensnobelpreiswürdig erachtet wurde, ist die Grameen-Bank für Arme. Meist sind Frauen die Kreditnehmer und die Summen in der Regel winzig: 30 bis 40 Dollar. Allein die von Friedensnobelpreisträger Yunus gegründete Bank in Bangladesh vergab bis heute 4,5 Milliarden Dollar an Krediten. Der Erfolg ist enorm: Die Rückzahlungsquote liegt bei knapp 99 Prozent. Wo es derartige Kredite gibt, verschwindet Kinderarbeit und werden Mädchen später verheiratet. Auch Armut verschwindet. "Arme wollen keine Almosen, sie wollen Chancen", sagt Prahalad. "Sie fragen nicht nach Gefälligkeiten, sie wollen Gerechtigkeit. Wenn wir das Prinzip der Fairness auf den Handel anwenden, erreichen wir auch soziale Sicherheit. Das hat die Grameen-Bank ohne Zweifel bewiesen."
Fair Play oder einfach nur Pragmatismus? Die Global Players haben den am stärksten wachsenden Handymarkt in Afrika inzwischen entdeckt. Erst neun von 100 Afrikanern besitzen ein Handy, die Wachstumsraten liegen bei 100 Prozent und mehr. Das ist ein riesiger Markt, den sich kein Konzern entgehen lassen kann. Denn in vielen, auch kriegsgeschundenen Staaten, existiert ein ganz brauchbares Funknetz. Telekommunikation ist nicht nur ein Grundbedürfnis und Statussymbol, sondern auch ein Weg aus der Armutsmisere.
Arme als Kunden für moderne Technik
Marktfrauen in Afrika  © AP
Prahalad meint, dass der Einsatz von Mobiltelefonen ein passendes Beispiel sei. "Wir glauben, dass bis 2010 drei Milliarden Menschen Handys benutzen werden. Die Armen sind also bereit, moderne Technik zu nutzen und neue Anwendungsmöglichkeiten zu entwickeln. Ein Fischer, der Fisch bei einer Auktion ersteigert oder, wichtiger sogar, der Satelliten-Aufnahmen im Dorf-Computer anguckt, bevor er zum Fischen hinaus fährt. Das ist neu. Das Problem sind nicht die Dorfbewohner, sondern die Verfügbarkeit der technischen Voraussetzungen."
Prepaid-Handys werden so zu einer zweiten Chance für Afrika. Mit dem mobilen Telefon lässt sich nicht nur der Getreide-Preis an der örtlichen Börse erfragen, wissenschaftliche Studien zeigen, dass mehr Mobiltelefone auch das Bruttoinlandsprodukt eines Entwicklungslandes wachsen lassen. "Ich denke der echte Nutzen werden Zugang, Verfügbarkeit und Erschwinglichkeit hochwertiger Produkte sein", sagt Prahalad. "Produkte, die ihren Bedürfnissen entsprechen, das ist echter Gewinn. Das mag eine gute Gesundheitsvorsorge sein, sauberes Wasser, ein Shampoo oder ein Moped, bessere landwirtschaftliche Produkte. Oder Mikro-Versicherungen, etwa für Gesundheit oder als Lebens- und Eigentumsversicherung, vielleicht auch eine Schlechtwetter-Versicherung für Bauern, das ist alles denkbar."
Mit Kreativität Produkte auf die Menschen zuschneiden
Kleinstkredite für Frauen in Indien
Um die Armen der Welt als Kunden zu erreichen, sind nicht nur genaue Kenntnisse der Lage vor Ort entscheidend. Mit Kreativität müssen die Produkte auf die Bedürfnisse armer Menschen zugeschnitten werden. Wenn aus Armen Kunden werden, bedeutet das für sie mehr als nur Zugang zu Produkten und Dienstleistungen. Sie erlangen Entscheidungsfreiheit, die vorher nur den Reichen und der Mittelschicht vorbehalten war. Sie erwerben Selbstachtung. "Es gibt eine heftige Debatte darüber, ob Globalisierung gut oder schlecht ist für die Armen", so Prahalad. "Wenn man die Frage so stellt, gibt es nur eine Antwort. Ich möchte die Frage gerne anders stellen: Was können wir tun, damit die Globalisierung allen nutzt? Das ist die eigentliche Herausforderung."
Vier Milliarden Arme auf der Welt, das sind vier Milliarden Menschen, die mit weniger als zwei Dollar pro Tag und Kopf auskommen. Für C.K. Prahalad sind das auch vier Milliarden potentielle Kunden. Ein riesiger, bisher unerschlossener Markt für Global Players.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



C. K. Prahalad, Harvey C. Fruehauf
"Der Reichtum der Dritten Welt. Armut bekämpfen, Wohlstand fördern, Würde bewahren"
Finanzbuch 2006
ISBN: 3898791467
29,90 €

Le Monde diplomatique (Hrsg.)
"Atlas der Globalisierung - Die neuen Daten und Fakten zur Lage der Welt"
taz-Verlag 2006
ISBN: 3937683070
12 €



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31.10.2006 / Annette Poppenhäger (Kulturzeit) / hs
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