"Abu Ghraib war überall"
Eine US-Soldatin schreibt über den Irak-Krieg
Kayla Williams
Sie war eine wilde Punkerin, bevor sie sich zu fünf Jahren im Dienste der US-Army verpflichtete, ein Pakt mit dem Teufel, wie sie selbst einmal sagte. Zu verlockend schienen 2000 US-Dollar im Monat. Sie war erst 23 Jahre alt und wollte noch studieren. Doch dann kam alles anders. Nun legt die ehemalige US-Soldatin Kayla Williams ein Buch über ihr Erleben des Irak-Kriegs vor. Sandstürme, Hitze und Todesangst - ein Jahr lang kämpft die junge Amerikanerin an vorderster Front in der irakischen Wüste.
Kayla Williams hatte in Florida einen palästinensischen Freund und war von seiner Kultur fasziniert. In ihrer Grundausbildung an der Militär-Uni lernte sie deshalb auch Arabisch. Sie ist eine der wenigen, die die Sprache des nächsten Feindes lernen. Drei Jahre später ist Krieg im Irak. Arabische Sprachkenntnisse stehen hoch im Kurs. Und Kayla Williams hat die zweifelhafte Ehre, eine der ersten in der Kampfzone zu sein.
Hautnah dabei, als zwei Welten aufeinander prallten
Kayla Williams
"Meine Hauptaufgabe war die militärische Aufklärung, das Abhören des Feindes", berichtet US-Sergeant Kayla Williams, "aber in Kriegszeiten springt man natürlich überall da ein, wo es notwendig ist. Wir hatten kaum Übersetzer, deshalb wurde oft verlangt, dass ich mit der Infanterie hinaus ging und zwischen der Zivilbevölkerung und den Offizieren übersetzte." Hautnah erlebt die Soldatin, wie zwei Welten aufeinander prallen. Und sie sieht Brutalität und Angst auf beiden Seiten. Die jungen US-Soldaten sind auf ihre Aufgaben in dieser fremdartigen Welt kaum vorbereitet. Weil Kayla Arabisch spricht und mehr weiß über die Kultur der anderen, muss sie immer wieder vermittelnd eingreifen, damit die Konfrontation zwischen Amerikanern und Zivilbevölkerung nicht eskaliert.
"Die Sprachbarriere und die kulturellen Unterschiede waren die größten Probleme", sagt Kayla Williams. "Die Iraker sahen uns wie Cops im amerikanischen Fernsehen. Wir traten einfach die Türen ein und übernahmen die Kontrolle über sie. Aber die Iraker macht es wütend, wenn Ungläubige die Türen aufbrechen, hinter denen ihre Frauen und Kinder sind. Sie wollen auch nicht, dass die Soldaten ihre Frauen beim Durchsuchen anfassen. Wenn ich ausging und Iraker traf, waren sie so erleichtert, mit jemandem in ihrer eigenen Sprache zu sprechen. Weil ich eine Frau war, trauten sie sich eher, sich uns zu nähern. Ich glaube, ich wirkte auf sie weniger einschüchternd und furchterregend."
Schlampe oder Zicke, nie Soldatin oder Frau
Allerdings wurde die Gegenwart junger, blonder Soldatinnen von den Irakern zunächst gründlich missverstanden. "Es gab viel Verwirrung über die Anwesenheit weiblicher Soldaten", sagt Williams. "Das ist nicht üblich. So etwas kennt man im Irak nicht. Es gab Zeiten, da haben uns die irakischen Zivilisten gefragt, ob wir Prostituierte seien, hier, um unsere Truppen zu unterstützen." 15 Prozent der US-Soldaten sind weiblich - nur wenige sind an vorderster Front dabei. Hitze und Langeweile in der irakischen Wüste sind manchmal unerträglich. Wochenlang kampiert Kaylas Einheit in sengender Sonne, ohne dass etwas passiert. Aggressionen und sexueller Frust bei den jungen Soldaten steigen parallel zur Quecksilbersäule. Kayla Williams muss erfahren: Ist sie nett und freundlich, wird sie als Schlampe verurteilt. Ist sie kühl und distanziert, beschimpft man sie als Zicke. Sie erhält eindeutige Angebote, Kameraden machen Witze über Vergewaltigungen, sammeln Geld, damit sie ihnen ihren Busen zeigt - ihre Blicke, ihre sexuelle Gier sind demütigend.
Sehr einsam, sagt Kayla Williams, habe sie sich manchmal gefühlt. "Die meisten Männer in der Armee sind zwischen 18 und 24 Jahren alt. Ich denke, ich war nicht geschockt, dass 18 bis 20-jährige Männer die ganze Zeit an Sex denken. Aber es war schockierend, wie sie sich benahmen, weil sie sich vor Frauen normalerweise nicht so verhalten. Aber ich war ja immer bei ihnen, und so entspannten sie sich und verhielten sich so, als wären sie unter sich."
Sie überschritt Grenzen, um andere zu demütigen
Auch Kayla Williams überschreitet Grenzen, wie ihre Kameraden. Bei einem Verhör von Gefangenen muss sie übersetzen. Abu Ghraib, sagt sie fast zynisch, gab es überall. Sie wundere sich nur, dass die Soldaten dort so dumm waren, Fotos dabei zu machen. In ihrem Buch schildert sie drastisch, wie ihre Kameraden brennende Zigaretten auf die nackten Körper der Gefangenen werfen, wie sie sie mitten ins Gesicht schlagen. Die Soldaten fordern Kayla auf, bei den Demütigungen mitzumachen. Nackt und wehrlos vor einer jungen Frau - schlimmer kann die Schmach für einen Moslem nicht sein. Worüber sie heute nicht mehr sprechen mag, schreibt sie in ihren Erinnerungen schonungslos: "Man drängt mich mitzumachen. Diesen nackten weinenden Mann zu verhöhnen. Was soll ich sagen? Was kann ich sagen? 'Glaubst du, dass du mit diesem Dingelchen da eine Frau befriedigen kannst?' frage ich, mit der Hand deutend."
Kayla schämt sich dafür, weigert sich, an weiteren Verhören teilzunehmen. Macht ihren Vorgesetzten darauf aufmerksam, dass er gegen die Genfer Konvention verstößt, aber sie zeigt ihn nicht an. Sechs Monate Krieg und Wüste, sechs Monate fern von daheim - da drehen viele Soldaten durch. Die einstigen Befreier aus dem Westen werden mit Hass und Gewalt verfolgt. Immer wieder Verluste unter den Kameraden, ständige Todesangst, ödes Konservenessen, tödliche Hitze - Kayla muss erleben, wie eine Kameradin sich umbringt. Sie selbst entzieht sich der Hölle auf andere Weise. "Es gab einen Punkt, an dem ich so erschöpft und müde von der ganzen Situation war, dass ich einfach nicht mehr da sein wollte. Ich wollte verschwinden", so Kayla Williams. "Ich wurde magersüchtig, dünner und dünner, so dünn, dass die Leute mich fragten, ob ich Malaria hätte."
Die Begegnung mit Brian hilft ihr aus der Krise. Ihn trifft sie beim Einsatz im Irak. Zurück in Amerika heiraten sie, wollen nie mehr Krieg sehen. Ein Jahr noch ist Kayla der Army verpflichtet, ein Jahr noch können sie sie zurückholen in den Irak. Aber eine Rückkehr hält sie für unwahrscheinlich - ihre öffentliche Kritik am US-Kriegseinsatz war wohl etwas zu deutlich. "Ich wollte, dass die Menschen verstehen, wie es da drüben wirklich ist und wie weibliche Soldaten wirklich sind. Gut und schlecht, tapfer und ängstlich, nicht nur Heldinnen, sondern auch Schurken." Ihr Kapitel Krieg soll mit diesem Buch zu Ende sein, sagt Kayla Williams. Endgültig und für immer.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



Kayla Williams, Michael E. Staub:
"Jung, weiblich, in der Army Ich war Soldatin im Krieg"
DVA 2006
ISBN: 3421059144
19,90 €

Chronik eines angekündigten Krieges
Kulturzeit berichtet über die Irak-Krise und ihre Folgen

20.03.2006 / Ursula Hopf für Kulturzeit / lj
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