Weg in die Freiheit
Die Geschichte der DDR-Fluchthilfe
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Die Geschichte der Fluchthilfe - bislang wurde sie entweder heroisiert oder kriminalisiert. Die Presse etwa nutzte das Genre und den Geldbedarf der Fluchthelfer für skandalträchtige Geschichten. Jetzt ist im Siedler-Verlag die erste umfassende historische Aufarbeitung der Fluchthilfe in den Jahren 1961 bis 1989 erschienen. Marion Detjen untersucht darin den Umfang der Hilfe und das Netzwerk ihrer Akteure zwischen echtem Idealismus und Kommerz. Vor allem zeigt sie, wie der bundesrepublikanische Staat zwischen Legitimation und Gesetzesbuch die Fluchthelfer gewähren ließ.
Für Tausende von Ostdeutschen waren die Fluchthelfer die einzige Hoffnung, aus der DDR herauszukommen - zur Not gegen mehrere tausend Mark und im Lieferwagen. Die Stasi nannte das "staatsfeindlichen Menschenhandel". Peter Bratz war einer, der dank der Fluchthelfer in den Westen kam. Er erzählt, wie er in einem umgebauten Wagen über die Grenze fliehen konnte: "Bei dem Wagen hatte man in die Ladefläche hinter dem Fahrersitz eine doppelte Wand eingezogen, und um diese Wand hat man die Ladefläche des Fahrzeugs verlängert. Wenn Polizisten nachgemessen haben, wie lang die Ladefläche ist, war die wieder gleich, und man konnte nicht feststellen, dass da eine doppelte Wand war. In dieser doppelten Wand haben wir gelegen, ein Mädchen und ich."
Mehrere tausend Menschen gerettet
DDR-Fluchtlaster, der 1988 durch die Sperranlagen gefahren war  © ap
In Stasi-Filmen legen die DDR-Volkspolizisten "Menschenschmugglern" das Handwerk. Doch mehrere tausend Menschen, Schätzungen gehen von weit mehr als 3000 aus, verdanken Fluchthelfern ihre Freiheit im Westen. Genaue Zahlen gibt es bis heute nicht, die Dunkelziffer ist hoch. Peter Bratz entschloss sich 1971, sich den Fluchthelfern anzuvertrauen. "Ich wollte immer flüchten", bekennt er, allerdings "ohne das Risiko einzugehen, erschossen zu werden. Deshalb haben wir versucht, einen Weg zu finden, wo man zwar mit einer Festnahme rechnen musste, aber doch mit dem Leben davon kommen konnte".
Die Toten an der Mauer waren ein Beweis für das brutale SED-Regime. Fluchthelfer galten als das geeignete Mittel des Widerstandes gegen den eisernen Vorhang. Die Historikerin Marion Detjen geht in ihrem Buch sogar noch weiter und kommt zu einer überraschenden These. Die Fluchthelfer hätten als Teil einer "nationalen Befreiungsbewegung" zum Untergang der DDR beigetragen. "Die haben nicht als Befreiungshelden agiert, aber in der Wirkung", sagt die Autorin. "Ende der 80er Jahre hatten die Fluchtbewegung, die eigentlich reformorientierte Opposition der DDR und unser Grundgesetz, das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, in der Wirkung zusammen gefunden, mit zerstörerischem Effekt für die DDR."
Fluchthelfer als nationale Befreier der DDR?
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Egon Bahr, Ost- und Sicherheitsexperte der SPD, hält diese These der "nationalen Befreiung" für etwas überspitzt. "Es sei denn, man sagt, eine national eingestellte Gruppe von Menschen zur Befreiung von Landsleuten aus einem anderen Staat. Dann ja. Die Entwicklungen, die zum Ende der DDR geführt haben, waren viel größer. Da spielte das Thema Fluchthilfe überhaupt keine Rolle mehr. Das war schon fast vergessen." Bahr war in den 70er Jahren Hauptverantwortlicher für die Verhandlungen mit dem Osten und sieht die Sache grundsätzlich differenzierter. Aber eines steht auch für ihn fest. Die Befreiung war eine Selbstbefreiung. Auch für die Fluchthelfer. Mit über 50 Tunnelbauten setzten in Westberlin lebende idealistische Studenten und Angehörige von DDR-Bürgern nach dem 13. August 1961 ein klares Zeichen des Widerstands - genauso mit waghalsigen PKW-Transporten.
Marion Detjen weiß, "Teile dieser Gruppen haben dann professionalisiert weiter gemacht". Sie glaubt inzwischen, "man muss sich das vorstellen wie einen Rausch. Die haben Leuten geholfen, die haben gesehen, da kann man etwas tun und sind süchtig geworden nach dieser Aktivität". Schon bald aber, so zeigen auch die Recherchen Detjens, machten sich kommerzielle Kreise in der Fluchthilfe breit. Und diese bringen die Fluchthilfe in Misskredit. Zum Beispiel der Schweizer Hans Lenzlinger, der wohl mehr um die eigene Sicherheit als um die der Flüchtlinge besorgt war, und an dem Unternehmen Fluchthilfe viel Geld verdiente. Zur Zersetzung des immer labiler werdenden Milieus der Fluchthelfer leistete das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) auch seinen Beitrag. Den Westberliner Bordellbetreiber Ulrich Dittmann, durch kriminelle Geschäfte schon oft in den Schlagzeilen, benutzten sie als Lockvogel und Spitzel.
Schauprozesse und versuchte Liquidation
"Das MfS hat einerseits versucht, die Fluchthilfegruppen im Westen mit Spitzeln zu durchsetzen, zum anderen die untergeordneten Kuriere und Schleuser, die in der DDR verhaftet werden konnten, in großen Schauprozessen so abzuurteilen, dass es eine abschreckende Wirkung hatte, aber auch die westliche Meinungsöffentlichkeit aufbringen konnte gegen die kommerzielle Fluchthilfe", weiß Detjen. Die Schauprozesse, im DDR-Fernsehen übertragen, sollten abschrecken. Und die Stasi ging noch weiter. Ab den 70ern versuchte sie, bekannte Fluchthelfer zu liquidieren. So überlebte 1981 Wolfgang Welsch nur knapp einen Giftanschlag.
Auch der Verkauf von Informationen an die Westpresse beschädigte den Ruf der Fluchthilfe. Schon 1962 veröffentlichte der "Spiegel" einen Artikel über das "Unternehmen Reisebüro". Er beschrieb die Aktionen der Fluchthelfer, die den Schweigekonsens aufgekündigt hatten und wegen Geldbedarfs den "Spiegel" mit Informationen fütterten. Auch die seriöse "Zeit" stellte den Heroismus der Tunnelbauer in Frage. Das war das gefundene Fressen für die Stasi - und eine "tragische Entwicklung" für Marion Detjen. Denn so wurden aus Heldengeschichten schnell Verbrechergeschichten. Und auch Egon Bahr erklärt: "Es war ein Zwielicht. Und das wurde erst anders, als wir Bilder gesehen haben in Illustrierten bei uns. Das war ein fabelhaftes Geschäft. Aber natürlich war jedes Bild, das einen Weg der Fluchthilfe zeigte, ein Mittel, um gleichzeitig zu verhindern, dass andere diesen Fluchtweg benutzten."
Die Risiken der Fluchthilfe boten den Nährboden für Spekulationen, Gerüchte, schmutzige Geschäfte und Verunglimpfungen. Die in der Grenzüberschreitung steckenden Widersprüche führten in Ost wie West dazu, die heldenhafte Arbeit von Fluchthelfern zu untergraben - Menschen, die bei allen Widersprüchen, einen einzigartigen Kampf gegen eine Diktatur führten.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



Marion Detjen
"Ein Loch in der Mauer"
Siedler 2005
ISBN: 3886808343
24,90 €

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30.09.2005 / Benedict Maria Mülder für Kulturzeit / se
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