Globalisierungs-Manifest
Michael Hardts und Antonio Neris Folgeband zu "Empire"
Das revolutionäre Potential der Globalisierungsgegner wollen die Autoren Michael Hardt und Antonio Negri mit einem theoretischen Konzept unterfüttern. In ihrem neuen Werk "Multitude" äußern sie die Sehnsucht nach weltweiter Freiheit und Gleichheit, nach einer offenen und einbeziehenden Gesellschaft.
"Mit der Multitude meinen wir ein neues Verständnis von Globalisierung," erklärt Hardt. "Dabei werden kulturelle, religiöse und politische Unterschiede erhalten, aber gleichzeitig ist Kooperation zwischen den unterschiedlichen Akteuren möglich. Oder kurz gesagt: Multitude ist gleich Autonomie plus Zusammenarbeit." Den Feind der "Multitude" hatten der amerikanische Literaturprofessor Michael Hardt und sein italienischer Co-Autor Antonio Negri bereits vor vier Jahren eindrucksvoll benannt: Als "Empire" bezeichneten sie in ihrem gleichnamigen Buch die dunkle Seite der Globalisierung.
Michael Hardt
"Empire" - das sei die Weltordnung des 21. Jahrhunderts, kontrolliert von einem dezentralen Netzwerk aus internationalen Konzernen, dominanten Industrieländern und supranationalen Organisationen. Kurzum: eine Machtmaschinerie, die mit Hilfe moderner Technologie alle Lebensbereiche infiltriere und die Menschen unterdrücke. Schnell wurde "Empire" zur Bibel der Globalisierungsgegner in aller Welt. Die Theorie von Hardt und Negri lieferte Erklärungen für eine ebenso bedrohliche wie schwer durchschaubare Weltordnung, schien den Protesten einen tieferen Sinn zu geben.
Utopie mit Handlungsperspektive
"Mit unseren Ideen wollen wir auf die Krise der Linken reagieren", sagt Hardt. "Eine Linke, die oft noch immer in überkommenen sozialen Strukturen denkt. Sie verharrt in einer Art Nostalgie für nicht mehr zeitgemäße Gesellschaftsmodelle. Deshalb wollen wir einen Ausweg aufzeigen." Der Anspruch von Hardt und Negri ist also Marx und Engels auf den neuesten Stand zu bringen. Ihre Anhänger priesen "Empire" gar als Kommunistisches Manifest des 21. Jahrhunderts. Jetzt legen Hardt und Negri nach und stellen der Analyse der herrschenden Verhältnisse eine Utopie mit konkreter Handlungsperspektive gegenüber.
Mit ihrem neuen Werk "Multitude" widmen sie sich der positiven Kraft der Globalisierung, dem Widerstand im Empire. "Es geht dabei um ein Konzept des politischen Widerstands, das nicht zwangsläufig konfrontativ angelegt ist", so Hardt. "Die Multitude funktioniert eher wie eine fernöstliche Kampfsportart, die die Schwächen des Gegners ausnutzt und sie geschickt gegen ihn wendet." Das entspräche übrigens der alten marxistischen Logik meint Hardt. Danach beruhe die Entwicklung des Kapitals auf Ausbeutung und Beherrschung, gleichzeitig trägt sie aber bereits den Keim der Befreiung in sich. Es stellt sich die Frage, ob die Multitude ein neues revolutionäres Subjekt ist, dass als eine Art Proletariat der globalen Informationsgesellschaft handelt, das die Infrastruktur des "Empires" nutzt, um von Innen heraus den Umsturz zu provozieren.
Kraft aus der Vielfalt
Vor allem das Internet soll die Grundlage der neuen Weltgesellschaft namens "Multitude" bilden. Es erlaubt den Menschen, sich zu verabreden, gemeinsame Interessen zu benennen und so weltweit die direkte Demokratie zu praktizieren. "Spätestens seit den Protesten von Seattle und den jüngsten Antikriegsdemos sehen wir eine neue Form der Zusammenarbei", sagt Hardt. "So gehen etwa Umweltschützer, Genderaktivisten und Bürgerrechtler gemeinsam auf die Strasse, ohne dabei ihre unterschiedlichen Ziele und Eigenheiten aufzugeben. Das ist neu - und genau dadurch unterscheidet sich die 'Multitude' auch von herkömmlichen Parteien und sozialen Klassen, die sich durch ihre Einheitlichkeit auszeichnen. Die neuen Netzwerke dagegen sind offen, beziehen Kraft aus ihrer Vielfalt."
Doch kann das tatsächlich funktionieren? Kann eine lose Weltgemeinschaft, die allein auf den Prinzipien der Heterogenität und Dezentralität beruht, dauerhaft überleben - ohne feste repräsentative Institutionen, einzig beseelt vom guten Willen ihrer Mitglieder? Und wie passen der wachsende religiöse Fundamentalismus und die Hegemonialbestrebungen einzelner Nationalstaaten zur Idee der "Multitude"? Sie scheinen der Vorstellung einer globalen Demokratie von toleranten und verschiedenartigen Mitgliedern zu widersprechen. Kann das Konzept der "Multitude" von Hardt und Negri also dem Realitätscheck standhalten?

"Natürlich stehen wir erst am Anfang eines langen politischen Kampfes", erklärt Hardt. "Diese Probleme lassen sich nicht von heute auf morgen lösen. Aber Toni und ich hoffen, dass wir der Multitude wenigstens einen politischen Kompass mit auf den Weg geben können, um dem Widerstand einen Sinn zu geben." Es gilt also das Prinzip Hoffnung - Hoffnung darauf, dass sich die heutige globaldemokratische Koalition der Willigen eines Tages zur Multitude auswächst. Wir dürfen gespannt sein, wie das funktioniert.

Michael Hardt und Antonio Negri:
Multitude. Krieg und Demokratie im Empire
Campus Verlag 2004
ISBN: 3593374102
ca. 34,90 €

Das Empire schlägt zurück: Die neue Weltordnung kennt kein Herrschafts-Zentrum

25.01.2005 / Nikolas Winter für Kulturzeit / gk / kb
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