© Marijan Murat Lupe
Alex Rühle ließ sich nicht stressen. Er war sechs Monate offline.
Offline
Alex Rühle war "Ohne Netz"
Mailen, surfen, telefonieren. Der digitale Mensch ist jederzeit erreichbar, immer verbunden. Im Internet gibt es alles und noch viel mehr: Infos, Entertainment, Freunde. Doch die bange Frage dabei lautet: Bleibt mein Restleben auf der Strecke? Alex Rühle wollte es wissen. Der Redakteur der "Süddeutschen Zeitung" hat sich sechs Monate lang abgestöpselt: kein Internet, keine Mails, kein Smartphone. "Ohne Netz" heißt sein jetzt erschienener Erfahrungsbericht.
"Ich hatte einen Blackberry, diese kleine Maschine, über die man Mails bekommt, und sie in der Tasche getragen", sagt Alex Rühle. "Ich habe die Mails sozusagen direkt ins Herz bekommen. Das hat immer vibriert. Man bekommt die Nachrichten in den Körper geschickt. Ich habe es nicht ausgehalten, nicht zu gucken. Wenn ich mit Freunden irgendwo saß und es vibrierte, dann musste ich gucken. Manchmal habe ich mich aufs Klo verabschiedet, um kurz zu schauen, wer geschrieben hat. Meist war es totaler Blödsinn: das Majolika-Museum Karlsruhe schickt neue Ausstellungshöhepunkte oder Viagra-Spam aus Nigeria, aber ich musste schauen. Ich habe gedacht, du spinnst ja völlig. Ich war nie süchtig, aber dieses Ding hat mich über Nacht wie eine elektronische Kopf-Fessel gefangen genommen." Und dem "Ding" wollte er es dann zeigen.

Bibliotheken, Briefkästen, Telefonzellen
Ohne Netz wird das Leben zusehends mühevoll. Statt zu googlen muss man in Bibliotheken gehen. Der Alltag wird zur Zeitreise: Endstation Technikmuseum. Wo gibt es eine funktionierende Telefonzelle? Rühles Arbeitstage geraten zum Kampf gegen die analogen Windmühlen. "Das war sehr schwer, sich auf einmal durch so eine analoge Restewelt zu tasten, mit Faxgeräten zu arbeiten, Briefkästen zu suchen, in Bibliotheken nach irgendwas zu stöbern und alle paar Wochen im Nieselregen zum Hauptbahnhof zu fahren, um mir internationale Zeitschriften zu holen, statt sie eben fangfrisch jeden Morgen im Netz präsentiert zu bekommen."

Rühles Fazit nach sechs Monaten lautet: Es ist herrlich und schrecklich zugleich, sich vom warmen Strom der Daten abzuklemmen. Man hat mehr Zeit zur Muße und weniger Ablenkung, aber auch viel zusätzliche Arbeit. Der Journalist hat den Entzug in allen Lebensbereichen ausprobiert. "Ich habe immer gewechselt: einen Monat Zeitung, einen Monat zu Hause. Diese Monate zu Hause waren sehr schön, konzentriert, ruhiger als sonst. Man taucht das in ein warmes Licht im Nachhinein, aber ich glaube, es war wirklich schöner, ruhiger und konzentrierter als sonst. Während dieser Arbeitsmonate hieß es wirklich: 'Survival of the fittest - oder the unfittest.'" Sein Smartphone will Alex Rühle auch nach der Auszeit nicht mehr wieder haben. Das sei sonst, als trage man die Arbeit immer in der Hosentasche mit sich herum. Sein Entzugstagebuch ist ganz analog und voller Sprachwitz - ein schöner Grund zu lesen und die Geräte auszuschalten.

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"Kulturzeit kompakt"
vom 12.07. bis zum 13.08.2010
montags bis freitags, um 19.20 Uhr

Wiederholungen:
um 22.15 Uhr im ZDFtheaterkanal
um 09.35 Uhr auf 3sat
Buchtipp
© Klett CottaLupeAlex Rühle
"Ohne Netz: Mein halbes Jahr offline"
Klett-Cotta 2010
ISBN-13: 978-3608946178