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Alles neu: Michael Hardt und Antonio Negri propagieren für "Common Wealth".
Das Ende des Eigentums
Die Idee des "Common Wealth"
Luft, Wasser und Erde sind die wichtigsten Rohstoffe in einer Zukunft, in der wir anders sein werden. Diese Schätze werden wir bald gemeinsam besitzen, hüten und nutzen. Das behaupten zumindest die beiden Starphilosophen Michael Hardt und Antonio Negri in ihrem Buch "Common Wealth". Darin liefern sie das theoretische Fundament für die Welt von morgen: das Gemeinsame. Sie propagieren ein radikales Umdenken der Begrifflichkeit "Eigentum".
"Wir meinen mit dem Gemeinsamen neben der Natur auch relativ neue und abstrakte Güter wie Ideen, Wissen, Sprache, Affekte. Das sind zunehmend zentrale Aspekte der kapitalistischen Wirtschaft, die immer wichtiger werden", sagt der Autor Michael Hardt. Er ist Kulturtheoretiker aus den USA. Zusammen mit Antonio Negri sorgte er vor zehn Jahren mit dem Buch "Empire" für Furore. Ihre These: Die Welt von heute wird beherrscht von einem globalen Imperium, einer diffusen Macht ohne Zentrum. Fünf Jahre später beschrieben die beiden den Teil der Menschheit, den das Empire ausbeutet in ihrem Buch "Multitude". "Ich sehe die drei Bücher als so etwas wie die Empire Trilogy", so Hardt.

Geistige Ressourcen sind umkämpft
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Michael Hardt
Die Multitude birgt laut Hardt das revolutionäre Potential unserer Zeit: die Biomacht. Überall auf der Welt rumort es, fordern Globalisierungsgegner den Schutz unserer Ressourcen und demonstrieren gegen den Neoliberalismus. Es sind lauter Einzel-Aktionen, die noch nicht zusammen gegen das Empire arbeiten, aber das Potential dazu haben. Dazu passt, dass auch geistige Ressourcen wie Wissen schon jetzt heiß umkämpft sind - nicht nur bei Globalisierungsgegnern. Google digitalisiert ungefragt Bücher und entfacht einen internationalen Urheberstreit. Die Open-Access-Bewegung setzt sich für freien Zugang zum Wissen ein. Das Internet kollidiert bereits heute mit unserem herkömmlichen Besitzdenken.

"Das ist eigentlich unsere zentrale These", sagt Michael Hardt. "Dass dies die Schauplätze sind, auf denen sich die politischen Kämpfe der kommenden Zeit abspielen werden: die Natur und erzeugte immaterielle Güter." Hardt und Negri liefern mit "Common Wealth" ein beinah romantisches Manifest der Neomarxisten. Den richtigen Zeitpunkt müsse man erkennen, schreiben sie, um die Multitude zu aktivieren - und beschwören leidenschaftlich einen Funken, der "einen Steppenbrand entfachen soll". Was offen bleibt, ist, wie die Revolution hin zum Gemeinsamen aussehen wird.

Das Ende allen bürgerlichen Daseins
Ihr Archetypus von Revolution sei so etwas wie die Stürmung des Winterpalastes, so Hardt. "Aber dieses Revolutions-Modell ist nicht mehr möglich, weil es keine zentrale Macht mehr gibt und auch keinen Winterpalast. Die heutigen Möglichkeiten von Revolte und Revolution liegen darin, sich der Macht zu entziehen. Das ist ein anderer und viel breiterer Konflikt." In der postrevolutionären Welt der Zukunft des "Common Wealth" wird sich die Menschheit selbst demokratisch regieren. Das bedeutet laut Hardt nicht nur das Ende des Kapitalismus. Er nutzt die Gelegenheit und läutet das Ende allen bürgerlichen Daseins ein. Neben Staat und Unternehmen schafft er als eine weitere Wurzel des Übels auch die bürgerliche Familie ab.

"Es ist doch armselig, dass die beiden Orte, an denen wir am stärksten das Gemeinsame spüren, Familie und Arbeit sind", findet der Autor. "Oft fliehen doch Menschen vor dem Horror der Familie in die Arbeit oder vor dem Horror der Arbeit in die Familie. Und mit Familie meine ich die Familie, die aus der Ideologie des Kapitalismus entstanden ist, die hierarisch und patriarchisch ist und die die geschlechterspezifische Aufteilung der Arbeit festgelegt hat.“ Es geht um Alternativen des Zusammenlebens. Hardt und Negri haben die Globalisierungsdebatte der vergangenen zehn Jahre entscheidend geprägt. Mit der Idee des Gemeinsamen führen sie uns nun aus der Finanzkrise in eine Welt jenseits des Kapitalismus. Aber wenn wir ihnen folgen wollen, müssen auch wir uns ändern.

Ideologie jenseits der Ideologien
"Man muss die sozialen Strukturen und die Eigentumsverhältnisse verändern, eine neue gesellschaftliche Subjektivität herstellen, und so wie wir momentan leben, können wir das nicht", erklärt Hardt. "Common Wealth" ist eine leidenschaftliche Idee, die uns in ein Utopia jenseits von Kapitalismus und bürgerlicher Enge führt. Das klingt verführerisch, ist aber letztlich auch wieder eine Ideologie. Denn wenn alle alles gemeinsam besitzen, gibt es auch in dieser Welt kein Entrinnen.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buchtipp
© CampusLupeMichael Hardt, Antonio Negri
"Common Wealth. Das Ende des Eigentums"
Campus 2010
ISBN-13: 978-3593391694
01.04.2010 / Sönje Storm (Kulturzeit) / tm