© Musée du Louvre,Angèle Dequier,2009 Lupe
Umberto Eco wird mit einer Austellung und Veranstaltungen im Louvre geehrt.
Gesammeltes Weltwissen
Umberto Eco und "Die unendliche Liste"
In Paris stürzen sich die Fans auf einen der berühmtesten Professoren Europas: Umberto Eco stellt dort sein neues Buch vor. "Die unendliche Liste" erscheint in 13 Sprachen gleichzeitig auf der Welt, ist fast eine Art "Harry Potter" der Geisteswissenschaft. Der Pariser Louvre widmet Umberto Eco dazu einen ganzen Monat lang Ausstellungen und Vorträge als Ehrengast. Dabei zielt Ecos Buch gar nicht auf ein breites Publikum. Es ist eine Hommage an ein Stiefkind des europäischen Denkens: die Liste - die Aufzählung, Aneinanderreihung von Namen und Dingen.
Seit Platon nimmt kaum ein Philosoph die Technik der Liste ernst. Jetzt hat Umberto Eco sie für sich entdeckt. "Die gesamte westliche Tradition hat uns gelehrt, dass die Definition eines Dinges seine Essenz beschreiben soll", erklärt Eco. "Aber stellen Sie sich einmal vor, Sie sind ein Mars-Mensch, der zum ersten Mal auf die Erde kommt und noch nie einen Hund gesehen hat und Sie fragen mich: 'Was ist ein Hund?' Wenn ich Ihnen eine essentielle Definition geben soll, sage ich: 'Das ist ein Säugetier aus der Familie der Hundeartigen'. Ihnen als Mars-Mensch sagt das gar nichts. Kein normaler Mensch antwortet so, sondern sagt: 'Ein Hund ist ein Tier, das etwa so oder so groß ist, vier Beine hat und ein Fell, das bellt und mit dem Schwanz wedelt.' Kurz: Man erklärt Ihnen den Hund durch eine Liste seiner Eigenschaften."

Das Museum: eine Liste von Werken
© ap Lupe
Umberto Eco 2009
Nicht nur Außerirdische hätten daran Freude, das beste Beispiel sei der Louvre selbst, sagt Umberto Eco. Jedes Museum ist eine gigantische Liste von Einzelwerken - zumindest für den Besucher. Systematische Ordnung sieht, so Eco, meist nur der Kurator. Doch auch die ausgestellten Werke bieten endlose Listen, ebenso wie die großen Werke der Literatur. Schon Homer zählt in seiner Illias 300 Verse lang die griechischen Schiffe auf, die nach Troja fahren. Von den Heiligen-Litaneien bis hin zu Andy Warhols Suppendosen-Serien: Die westliche Kultur ist vernarrt in Listen. Nur - warum?

"Die literarische Liste entspringt dem Schauer des Unendlichen", erklärt der Autor. "Denn nicht immer ist es das Amt des Dichters, die Dinge zu nennen. Das ist ein Schwachsinn, den sich Heidegger ausgedacht hat, der auch sonst viel Stuss geredet hat. Im Normalfall teilt ein Dichter uns doch eher mit: 'Ich bin nicht fähig, Dir zu sagen, wie sehr ich Dich liebe, wie Gott beschaffen ist oder wie schön eine Blume ist'. Der Topos der Unsagbarkeit ist ungeheuer wichtig in der Literatur. Er überlässt es Dir, dem Leser, die Dinge weiterzudenken. Ich, der Dichter, bin nicht in der Lage, Dir alles zu nennen. Also versuche, Dir den Rest zu denken. Und genau das ist Funktion der literarischen Liste."

Auch das Schaufenster ist eine Liste
© Musée du Louvre,Angèle Dequier,2009 Lupe
Eco im Louvre
Ein Graus ist die Liste dagegen für den Wissenschaftler: Sie ist ohne Hierarchie, ohne System, ein Chaos von Einzeldingen. Jeder Forscher möchte die Welt in eine logische Struktur zwängen. Doch nur zu oft spielt die Welt dabei nicht mit. Gerade in unserer Konsumgesellschaft. Die moderne Großstadt ist voll von Listen und Kapitalisten, ohne Sinn und Ordnung, von endlosen Namen, Bildern und Produkten. "Das Schaufenster ist ein wunderschönes Beispiel für eine Liste", sagt Eco. "Denn es zeigt eine riesige Reihe von Objekten. Dabei suggeriert uns das Schaufenster immer: Hier gibt es nicht nur das, was ihr seht. Wenn ihr hereinkommt, findet ihr noch viel mehr. Das Schaufenster ist also ein gewaltsames Angebot an Gütern, aus denen es eine aufreizende Liste erstellt, um bei uns die Kauflust zu erwecken. In meinem Buch zitiere ich einen Satz von Marx - den Anfang von 'Das Kapital'. Der lautet: 'Die heutige Gesellschaft erscheint als eine ungeheure Warenansammlung'."

Nicht nur das Warenangebot explodiert, sondern auch die Menge unseres Wissens. Seit Jahrhunderten häufen Bibliotheken Bücher über Bücher - bis ins Unermessliche. Längst gibt es keinen Universalgelehrten mehr, der diese Bibliothek von Babel noch überblickt. Man braucht einen Katalog, eine Liste von Titeln, die niemand selbst gelesen hat. Doch selbst der größte Katalog wird gesprengt durch die Informationsfülle des Internet. Wegweiser sind dort die Listen der Suchmaschinen. Und die setzen alle Ordnungskriterien außer Kraft.

Das Netz: die Mutter aller Listen
"Das Internet ist die Liste der Listen", so der Schriftsteller, "die große Mutter aller Listen. Denn es ist eine endlose Aneinanderreihung von Daten. Und hat mit anderen Listen vor allem eines gemeinsam: die absolute Unordnung. Ich kann im Netz ebenso eine Kant-Biografie finden wie ein Bild vom Angriff der Riesen-Ameisen oder einen Porno. Das Problem ist, man müsste in der Schule eine Technik unterrichten, wie man unterscheidet, was davon brauchbar ist und was nicht. Doch diese Technik gibt es nicht." Seinen Schülern rät Eco daher: Lernt bei den Alten Meistern, bei den großen Autoren, die ihr Wissen ohne moderne Mittel ordnen mussten. Sein eigenes Lieblingsbuch, das er mit auf die einsame Insel nähme, stammt allerdings von keinem dieser Meister. Es ist selbst eine riesenhafte Liste.

Alle würden Shakespeare, Tolstoi oder Dante Alighieri mitnehmen, so Eco. Das sei jedoch ein großer Fehler. "Wenn sie so ein Werk zwei-, drei- oder viermal gelesen haben, wird es ihnen langweilig", sagt der Autor. Er nähme deshalb lieber das Telefonbuch mit. Mit all diesen Namen von Leuten erfinde er dann unendliche Geschichten. Ist letztlich das ganze Leben eine endlose Liste von Ereignissen, ohne vorgegebene Ordnung und mit offenem Ende? Ein melancholischer Unterton schwingt in Ecos neuem Buch mit. Es ist ein Alterswerk, ein Abgesang auf alle Theorien, die die Wahrheit gepachtet haben. Gerade deshalb gehört es unbedingt auf die Lektüre-Liste.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buchtipp
© HanserLupeUmberto Eco
"Die unendliche Liste"
Hanser 2009
ISBN-13: 978-3446234406
Kulturzeit extra
Der Bestsellerprofessor
Umberto Eco
Info
Das in Zusammenarbeit mit Umberto Eco erstellte Programm im Louvre präsentiert neben nächtlichen Lesungen, Konzerten und Filmen auch eine Ausstellung:

"Mille e Tre"
07.11.2009 bis 08.02.2010

Die Schau vereint mehr als 30 Papierarbeiten, in deren Mittelpunkt die Liste im Sinne von Verzeichnis, Aufzählung oder Sammlung steht. Zu den von Umberto Eco ausgewählten Werken zählen Bilder von Théodore Rousseau, Jean-François Millet, Christian Boltanski oder John Baldessari.
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13.10.2009 / Florian Borchmeyer für Kulturzeit / tm