Die weibliche Asymmetrie
Susan Pinker erklärt "Das Geschlechter-Paradox" mit Biologie
Manchmal zum Schreien: die Unterschiede zwischen Mann und Frau  © mev
"Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Weib" – so sagt es die Schöpfungsgeschichte der Bibel. Eva wurde aus der Rippe des Adam geschält. Ist sie ein Teil von ihm? Sollte sie ihm untertan sein? Ihm gleich? Oder doch anders? Bis auf kurze Episoden des Matriarchats herrschte der Mann über die Frau. Die begannen sich gegen die männliche Vorherrschaft zu wehren, und das nicht erst seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts. Das Buch "Das Geschlechter-Paradox" von Susan Pinker rollt alte Fragen wieder auf.
Eine der ersten Frauenrechtlerinnen war Olympe de Gouges. Ihr ging es um die Gleichstellung der Geschlechter. Auch Simone de Beauvoir und Alice Schwarzer sagten dem anderen Geschlecht den Gleichstellungs-Kampf an. Und jetzt das: "Wir sind nicht gleich, sind es nie gewesen!", sagt Susan Pinker. Die kanadische Entwicklungspsychologin begründet in ihrem Buch "Das Geschlechter-Paradox" die Unterschiede zwischen Mann und Frau biologistisch. "In meinem Buch untersuche ich genau die Ironie, dass 50 Jahre, nachdem der Feminismus die Möglichkeiten für Frauen komplett verändert hat und ihnen unglaubliche Bildungserfolge gegeben hat, es dazu kommt, dass Frauen andere Jobs wählen und auch unterschiedliche Gehälter haben als Männer", so Pinker.
Der biologische Unterschied
Susan Pinker
Für Pinker bestimmen Hormone und Chromosome den Unterschied zwischen den Geschlechtern. Zusammen mit den neuesten Erkenntnissen der Naturwissenschaft über die Asymmetrie der Hirnhälften sei unser biologisches Geschlecht die einzige nachweisbare Bestimmung. Für Christel Eckart, Soziologin an der Universität Kassel, bleibt Susan Pinker jedoch in der Beschreibung stecken, geht nicht weit genug, zieht keine gesellschaftlichen Konsequenzen. "Der Hinweis auf Biologie, Gehirne, Hormone kann an manchen Stellen eine Anregung sein, sich auch an den Körper zu erinnern", so Eckart. "Aber es ist nicht eine Legitimation, eine Unterscheidung, die stehen bleibt." Die bloße Feststellung, dass wir als Mann und Frau leben, sei eine Trivialität, so alt wie die Menschheit, und müsse nicht immer mit großer Verve hervor gehoben werden.
Was soll also die immer wieder neu aufflammende Debatte um den kleinen Unterschied? Welchen Stellenwert hat die Naturwissenschaft in diesem Gefecht? Führen wir eine Scheindebatte? Geht es letzten Endes nicht darum, den "status quo" zu erhalten? "Es gibt mehrere solcher Etappen in der Geschichte", sagt Eckart. "Die früheren Frauenbewegungen, auch die im vorigen Jahrhundert, hat immer auch Ängste geschürt, dass es wirklich um grundlegende Veränderungen geht - vor allem männliche Lebensgewohnheiten, soziale Gesellschaft betreffen." Nicht nur Männer reagierten dagegen mit Abwehr, sondern auch Frauen seien auf der Suche nach Konstanten, auf die man sich unwiderruflich beziehen kann.
Glaube an die Chancengleichheit
Christel Eckart
Wir dürfen den Körper und damit die Natur des Menschen nicht marginalisieren, sagt Susan Pinker. Aber ihre Kritiker werfen ihr vor, dass sie damit jeden politischen Veränderungswillen durch die Frauen erstickt. “Ich glaube, die Vorstellung, das die Biologie als Vorwand genommen wird, die Wahlmöglichkeiten von Frauen einzuschränken, ist ein großes Missverständnis des Buches und auch meiner Ideen", so Pinker. "Ich glaube fest an die Chancengleichheit. Wenn wir uns ansehen, was Frauen idealtypischerweise wollen, so wollen 60 bis 80 Prozent der europäischen und amerikanischen Frauen ihre Arbeit mit der Familie kombinieren." Es gäbe viele Untersuchungen, die zeigen, dass Frauen weder Geld noch Macht oder Karriere oben auf ihrer Liste führen. Sie wollen Flexibilität und Autonomie am Arbeitsplatz, wollen mit Menschen zusammenarbeiten, die sie respektieren. Und dennoch wird Erfolg seit den 1970er Jahren darauf reduziert, wieviel jemand verdienen.
Pinkers Buch gibt den Anstoß, über die Geschlechterfrage neu nachzudenken. Aber ihre Analysen bleiben systemimmanent, stellt die bestehenden Strukturen nicht in Frage. Was wir brauchen, ist eine Veränderung unserer Gesellschaft, in der weibliche Werte den gleichen Stellenwert erlangen wie die männlichen. "Es geht es um Erfahrung von Fürsorge und zwischenmenschlichen Bindungen", sagt Christel Eckart. Pinker mache das insbesondere an den Kindern fest. "Aber das ist ja nicht das Einzige, das menschliche Leben zusammenführt. Erwachsene haben auch das Bedürfnis und die Notwendigkeit von Bindungen. Das ist tatsächlich ein Thema, das wir ganz wichtig und selbstverständlich in den Vordergrund stellen wollen."

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



Susan Pinker
Übersetzung: Maren Klostermann
"Das Geschlechter-Paradox: Über begabte Mädchen, schwierige Jungs und den wahren Unterschied zwischen Männern und Frauen"
DVA 2008
ISBN-13: 978-3421043610

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