Nüchterner Meister der Traurigkeit
Denis Johnsons neuer Roman "Ein gerader Rauch"
Der Vietnam-Krieg gibt den Hintergrund zu Johnsons neuem Roman  © AP
Manche nennen ihn Amerikas schwärzesten Romantiker: Denis Johnson. Regelmäßig zieht er die Bewunderung des literarischen Amerika auf sich. Eine Prosa von erstaunlicher Kraft und Schönheit attestiert ihm Schriftstellerkollege Philip Roth. Jetzt ist sein neuer Roman "Ein gerader Rauch" ("Tree Of Smoke") auf Deutsch erschienen.
Denis Johnsons erster Roman, "Engel", geschrieben 1983, ist erst knapp 20 Jahre später auf Deutsch erschienen. Johnson erzählt darin von einer drogenabhängigen Mutter und einem Kriminellen, begleitet ihn bis in die Todeszelle. Seine frühen Bücher handeln immer wieder von Menschen am Rand der Gesellschaft, von Ausgestoßenen.
Momentaufnahmen aus dem Leben eines Süchtigen
Denis Johnson  © pr
Johnson war selbst bis 1978 ein alkohol- und drogenabhängiger Außenseiter. Er habe alles genommen, was irgendwie high machte, hat er in einem seiner seltenen Interviews gesagt. Und genauso haben auch seine Freunde gelebt. Sie seien total kaputt gewesen, aber dennoch Menschen, sagt Johnson. Seine Momentaufnahmen aus dem Leben eines Süchtigen nennt er "Jesus' Sohn". Sie haben ihn Anfang der 1990er Jahren berühmt gemacht. 2006 sind sie neu übersetzt auf Deutsch erschienen.
In "Schon tot" von 1997 beschreibt Johnson das Kalifornien altgewordener Hippies und Aussteiger so finster und trostlos, dass das Land kaum wiederzuerkennen ist. Und in "Fiskadoro" entwirft er ein Endzeit-Szenario nach einem atomaren Krieg. Es ist eine Melange aus archaischen Riten und wuchernden Visionen von einer neuen Welt.
Seine Helden denken nicht groß über das Leben nach
Ein Arbeiterschicksal vom Anfang des 20. Jahrhunderts schildert Johnson hingegen in seiner preisgekrönten Novelle "Train Dreams" (2004). Darin verliert ein einfacher Waldarbeiter und Fuhrmann durch einen Waldbrand Frau und Kind. Johnson - für viele ein lapidarer Meister der Traurigkeit - erzählt nüchtern, ohne Wertungen und gerade darum packend.
Seine Helden denken meist nicht groß über das Leben nach und wenn doch, dann sagen sie, sie seien wohl die Opfer eines schlechten Witzes. Und genauso leben sie dann auch, in Gegenden, über die nicht viel zu sagen ist, in ebensolchen Häusern mit ebensolchen Autos.
Abgründe der US-Kriegsführung
Jetzt leuchtet Johnson in die Abgründe US-amerikanischer Kriegsführung. Sein Vietnam-Roman "Ein gerader Rauch" schildert das Trauma der amerikanischen Gesellschaft. Die Hauptfigur, ein junger GI, lässt sich von der CIA anwerben. Es ist ein Bericht aus der Hölle, und natürlich denkt der Leser heute den Irak-Krieg immer mit. Für dieses 900-Seiten-Buch ist Johnson 2007 mit dem National Book Award ausgezeichnet worden, dem bedeutendsten US-amerikanischen Literaturpreis.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr


Das Gespräch mit Hubert Winkels, Literaturkritiker (10.12.2008)



Denis Johnson:
Übersetzt von Bettina Abarbanell und Robin Detje
"Ein gerader Rauch"
Rowohlt 2008
ISBN-13: 978-3498032227

Menschen am Rande: Denis Johnsons Novelle "Train Dreams"
Himmel und Hölle: Denis Johnsons Kurzgeschichten-Sammlung "Jesus' Son" jetzt auf Deutsch

10.12.2008 / Annette Poppenhäger (Kulturzeit) / hs
zurück Seitenanfang Druckversion Artikel versenden 3sat / Kulturzeit [E-Mail]