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Den Vormarsch von SS-Truppen in Richtung Kiew beschreibt der Autor Jonathan Littell genau so in seinem Roman, wie sie in der "Deutschen Wochenschau" von 1942 zu sehen waren: aus der Sicht eines SS-Mannes, der ohne Schuldgefühle frei von der Seele weg erzählt, was er alles erlebt und überlebt hat. In Frankreich verkaufte sich Littells Roman 800.000 Mal. Im deutschen Feuilleton stieß er bisher weitgehend auf Ablehnung. "Dokumentarischer Rapport", "widerwärtiger Kitsch", hieß es etwa in der "Zeit". Der Autor und Regisseur Claude Lanzmann sieht den Roman "Die Wohlgesinnten" aus einem anderen Winkel: "Da die Nazis per Definition und aus Prinzip nicht sprachen", erklärt er, "weil sie sagten, es war doch ein 'Führerbefehl', wir folgten doch nur Anweisungen, so gibt es doch jetzt endlich jemanden, der sich in ihre Haut versetzt und sie zum Sprechen bringt."
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Bekenntnis im Rückblick
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Littels SS-Held Max Aue bekennt sich im Rückblick zu den Taten. Ohne Umschweife, direkt und krude. Er rechtfertigt die Notwendigkeit der NS- Aktionen. Diese Freimütigkeit ist schamlos und ungewohnt. Ein Kunstgriff des Romanciers. Denn die Täter stahlen sich in der Wirklichkeit durch Lügen oder Schweigen aus der Verantwortung. Littells Aue gehörte zur Speerspitze der SS, zum "Sicherheitsdienst" (SD). Die Einsatzgruppen des SD organisierten die ersten Ermordungen von Juden im Osten zusammen mit der Wehrmacht. "Die Einsatzgruppen, das ist ein großes Loch, eine Leere", so Claude Lanzmann. "Littell hat sie romanhaft wieder erschaffen. Historisch ist alles, was er erzählt, korrekt. Wenn er zum Beispiel von Babij Yar erzählt, vom Marsch der Juden von Kiew zu den tiefen und engen Schluchten von Babij Yar, dann macht er das mit einem großen schriftstellerischen Talent."
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Das Wunder von Jonathan Littell
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Jonathan Littell überbietet diese Freiheit noch. Er erschafft nach seinem Willen den SS-Übermenschen Max Aue. Er vereint alle Greuel, Allmacht und Effizienz der SS in dieser abscheulichen, ästhetischen Figur. Und er lädt sie mit homosexuellen Fantasien auf. Ein faschistischer Männer-Traum und Golem, der das Grauen als Gespenst und als Drohung überlebt und einem nicht mehr aus dem Kopf geht. Seine Brüder könnten ihm wieder Leben einhauchen. Er könnte als Wiedergänger aus der längst vergangen geglaubten Geschichte wieder auftauchen. "Das ist ein Mysterium, das Wunder von Jonathan Littell selbst", sagt Claude Lanzmann. "Ich denke, er ist sehr weit von dem allen entfernt, er ist kein Zeitgenosse dieser Ereignisse. Ich denke, es ist ein eigenartiges Phänomen der Aneignung."
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 Jonathan Littell
"Die Wohlgesinnten"
Berlin 2008
ISBN-13: 978-3827007384
36 € |  |
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