Eine deutsche Affäre
Rüdiger Safranksi zeigt, wie das Romantische bis ins 20. Jahrhundert wirkte
Romantische Felsenlandschaft in der Sächsischen Schweiz - Vorbild für Caspar David Friedrichs "Felsenpartie"  © dpa
Mit vielgelesenen Büchern über Arthur Schopenhauer, Martin Heidegger und Friedrich Nietzsche hat sich der in Berlin lebende Philosoph und Schriftsteller Rüdiger Safranski einen Namen gemacht. Safranski gilt als einer, der auch komplexe Sachverhalte verständlich darzustellen versteht, ohne sie unzulässig zu vereinfachen. Nun ist ein neues Buch aus seiner Feder erschienen: "Romantik - Eine deutsche Affäre". Safranski geht darin der Frage nach, wie das Romantische auch ins 20. Jahrhundert hineinwirkte, bis hin zum Nationalsozialismus und zur 68er-Bewegung.
In den 1790er Jahren vollzog sich Unerhörtes in deutschen Landen. Während Napoleon sich anschickte, die alte europäische Ordnung zu zertrümmern, rotteten sich in Jena und Berlin umstürzlerische Dichter mit ihren Gefährtinnen zu einer Art WG zusammen: Ludwig Tieck und die Schlegel-Brüder, Clemens Brentano, Novalis, Fichte, und Schelling. Sie alle träumten von einer Umwertung aller Werte. Gegen die "Entzauberung der Welt" durch Industrie und Technik setzten die Romantiker den Traum, den Exzess, den mystischen Rausch. Wo die Aufklärung den Menschen vor allem als Vernunftwesen sah, rückten die Romantiker das Irrationale in den Vordergrund.
Mehr als bloßes kulturhistorisches Phänomen
Rüdiger Safranksi  © zdf
Für den Philosophen Rüdiger Safranski ist die Romantik mehr als ein bloß kulturhistorisches Phänomen. In seinem neuen Buch befasst sich der 62-Jährige mit dem Fortwirken des Romantischen bis in unsere Tage hinein. "Die frühromantische Bewegung, die Gebrüder Schlegel, Novalis, Schleiermacher, Tieck, Fichte, und wie sie alle heißen, war revolutionär, von Frankreich her, da hatte die Revolution stattgefunden", erklärt Safranski. "Sie wollten den Geist der Revolution in die Kultur, die Literatur, die Philosophie tragen." Sie hätten das Gefühl gehabt, eine neue Ordnung zu schaffen und die alte zu beseitigen, so der Autor.
Die berühmteste Definition des Romantischen stammt von Novalis: "Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es." Ein Verfahren, das sich immer wieder bewährt hat in der Kulturgeschichte - bis heute. In seinem ebenso spannenden wie materialreichen Buch analysiert Safranski die erstaunliche Karriere des Romantischen in der europäischen Kultur- und Geistesgeschichte. Immer wieder haben Künstler und Philosophen die Sprengkraft romantischer Ideen für sich entdeckt. Ausführlich widmet sich Safranski den Versuchen Richard Wagners und Friedrich Nietzsches, romantische Konzeptionen für die Moderne fruchtbar zu machen.
Auch die Lebensreform-Bewegung des Fin de Siècle war zutiefst romantisch geprägt: Wandervögel und Nudisten, Naturkostanhänger, Anarchisten und FKK-Fetischisten protestierten gegen die Industrialisierung und Ökonomisierung der Welt mit Konzeptionen, die letztlich auf Brentano, Tieck und Co. zurückgingen.
Der Nationalsozialismus und die Romantik
Und der Nationalsozialismus? Die Nürnberg-Romantik der Reichsparteitage? Die bombastischen Inszenierungen eines Albert Speer? Die wandervogelhafte Naturbegeisterung der Hitlerjugend und allerhöchster NS-Kreise? "Der Nationalsozialismus hat sich aus der deutschen Kultur bedient", meint Safranski. "Er hat sich auch bei der Romantik bedient. Leni Riefenstahl mit der Parteitagsinszenierung "Lichtdome" - das alles ist Wagnerianismus. Auch das hat schon ein romantisch-verzauberndes Element."
Dennoch, so Safranski, war der Nationalsozialismus nicht in erster Linie eine romantische Bewegung. Im Zentrum der NS-Ideologie standen Biologismus, Rassismus und Sozialdarwinismus - pervertierte Formen der Naturwissenschaft also, ergänzt durch einen ganz und gar unromantischen Technikkult. Aus dieser spezifischen Mischung bezog die Nazi-Ideologie ihre mörderische Brisanz.
Romantische 68er?
Überhaupt überrascht Safranski in seinem Buch mit verblüffenden Einsichten. Auch die Jugendbewegung der späten 1960er Jahre, so seine These, war eine ganz und gar romantische Bewegung, mögen ihre marxistischen und neomarxistischen Proponenten selbst das auch ganz anders gesehen haben. "Es gehört zu dieser Generation und natürlich war es sehr romantisch, wenn in Paris an der Mauer stand: 'Fantasie an die Macht'", so Safranksi. "Was ist romantischer als eine solche Lust, das Realitätsprinzip zu verändern?"
Rock in den "Roaring Sixties" - das waren dionysische Saturnalien, wie Nietzsche und Wagner sie sich nicht effektvoller hätten ausdenken können, behauptet Rüdiger Safranski. Er muss es wissen, war er doch als Philosophie-Student selbst mit dabei beim großen romantischen Aufbruch von Anno 1968. Dennoch sollten Romantik und Politik besser keine Verbindung miteinander eingehen, lautet Safranskis Schlussfolgerung. Das Romantische setzt auf Exzess und Entgrenzung, die Politik auf Mäßigung und Kompromiss. Anders ausgedrückt: In der Kunst sind Schwärmer, Abenteurer, Extremisten aller Art ein Gewinn. In der Politik sind sie gefährlich.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



Rüdiger Safranski
"Romantik. Eine deutsche Affäre"
Hanser 2007
ISBN-13: 978-3446209442
24,90 €

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29.08.2007 / Günter Kaindlstorfer für Kulturzeit / hs
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