Die Zukunft der Megastädte
Mike Davis Analyse der Stadt von morgen: "Planet der Slums"
Slum in der indischen Stadt Gurgaon  © reuters
"Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!", so wie eine Zeile aus Dantes Inferno könnte auch die Unterzeile zu dem neuen Werk des US-amerikanischen Urbanismustheoretikers Mike Davis lauten. Er hat einen globalen Slumbericht vorgelegt: "Planet der Slums", eine Analyse der Megastädte unserer Erde, die sich immer mehr in Slums verwandeln. Die Stadt von morgen wird nicht mehr aus Glas und Stahl gebaut sein, sondern aus Backsteinen, recyceltem Plastik und Stroh. Wie wollen wir in der Zukunft leben?
Die Welt zieht Grenzen, schottet Territorien ab, isoliert, kanalisiert Bewegungsströme. Jeder Zaun, jede Grenze ist eine Illusion von Kontrolle, von Distanz. Durch das Stadtgebiet San Diego/Tijuana führt die Grenze zwischen den USA und Mexiko. Es ist ein Zaun zwischen Arm und Reich, zwischen Nord und Süd, die längste Grenze zwischen Erster und Dritter Welt, die bekannteste zwischen Gewinnern und Verlierern, gewissermaßen ihr Prototyp.
Wohlstandsinseln schotten sich ab
Die grenze zwischen den USA und Mexiko bei San Diego  © reuters
Weltweit wiederholt sich das Muster der Abschottung der Wohlstandsinseln in einer Periode zunehmender globaler Verarmung. Zahlen der Vereinten Nationen belegen: Knapp eine Milliarde Menschen lebt heute in Slums, das ist jeder dritte Stadtbewohner. Einer mit globalen Blick über jeden Zaun hält diese Zahlen noch für konservativ. In seinem Buch "Planet der Slums" analysiert Mike Davis die weltweite Krise der Städte - und prophezeit Düsteres: Die Zukunft der Stadt ist der Slum, eine Abschottung von der Armut undenkbar.
"Wir sind an einem fundamentalen historischen Wendepunkt, nahezu gleichbedeutend mit dem Übergang zum Neolithikum, zur Jungsteinzeit", meint Davis. "Die Wende hat sich dieses und letztes Jahr vollzogen. Von nun an lebt die Mehrheit der Menschen in Städten. Die globale Landbevölkerung nimmt ab, eine riesige neue Population von Städtern entsteht. 95 Prozent von ihnen werden in den Städten des Südens, in den armen Städten leben. An diesem Wendepunkt wird sich die Zukunft der Menschheit entscheiden."
Amerikas radikalster Urbanist
Ein totaler Pessimist kann der vierfache Familienvater und Teilzeithausmann Mike Davis nicht sein. Trotzdem gilt der US-amerikanische Stadtsoziologe als Apokalyptiker. Davis ist vermutlich der radikalste Urbanist Amerikas. Das Verschwinden öffentlicher Räume, ausufernde Siedlungssysteme, Segregation, soziale Verelendung, Migration und Rassismus sind seine Themen. Die Verlierer und die Zukurzgekommenen seine Helden.
Spätestens seit seiner zum Klassiker avancierten Los Angeles Studie "City Of Quarz" gilt Mike Davis als einer der brillantesten Kritiker der US-amerikanischen Gesellschaftsentwicklung. Sie nennen ihn auch den dunklen Propheten von Los Angeles. Davis' globaler Slumbereicht ist eine Tour de force, die dem beeindruckenden Zahlenmaterial des UN Habitat Report "The Challenge Of Slums" von 2003 folgt. Nach Davis ist es "die erste wirkliche globale Untersuchung städtischer Armut". Selbst gereist ist er nicht.
Davis: Die urbane Welt versinkt im Elend
Die sozialen Fronten der Globalisierung treffen schon bei seinem Wohnort San Diego in radikaler Weise aufeinander. Bush plant eine mehr als 1000 Kilometer lange Sperranlage an der Grenze zu Mexiko. Die Reform des Einwanderungsrechts wird gerade eifrig diskutiert. "Es ist eine der schärfsten Grenzen zwischen der Ersten und der Dritten Welt", sagt Davis. "Ich bin hier an der Grenze aufgewachsen und habe gelernt, sie zu hassen. Grenzen sind Gitter, Zäune. Die Grenze ist ein soziales System der Gewalt, gegen Immigranten, gegen Minderheiten. Als 16-Jähriger bin ich - aufgewachsen im San Diego des Kalten Krieges, in der jede globale Perspektive, jede Anti-Krieges-Haltung streng verpönt war - jedes Wochenende nach Downtown-Tijuana in einen Buchladen gegangen, geführt von einem spanischen Anarchisten, El Dio Books hieß der. Dort habe ich zum ersten Mal radikale Ideen entdeckt, das erste Mal einen Sozialisten, einen Kommunisten, einen Anarchisten getroffen."
Davis war immer ein Außenseiter und akademischer Querkopf, seine Arbeit mehr von Instinkt als von Forschung geprägt. Trotzdem behielt er fast immer recht. Nun prognostiziert er anhand der UN-Daten, dass die urbane Welt Mitte des 21. Jahrhunderts im Elend versinkt. In rund 30 Jahren wird sich die Zahl der Slumbewohner auf zwei Milliarden verdoppelt haben. Das ist die Hälfte der Stadtbewohner. Davis hält "überhaupt nichts von dem Argument, der Grund für die Armut seien zu viele Menschen auf der Welt. Das wirkliche Problem ist nicht Überbevölkerung, sondern Ungleichheit", sagt er.
Die Ursachen der Armut bekämpfen
Auch Uno-Experten geben ihm recht. Es muss darum gehen, die ökonomischen Verhältnisse zu ändern, die Ursache dieser Armut sind. In diesem Sinne braucht Armut eine Grenze, und Reichtum ein Maß. In den Elendsvierteln wächst eine soziale Zeitbombe mit kreativem Potential, eine neue Arbeiterklasse. Aber auch die Schlachtfelder der Zukunft liegen dort, in den Slums der neuen Mega-Cities: Manila, Dhaka, Kairo, Shanghai, Jakarta, Karatschi, Delhi, Kalkutta oder Lagos."
Bemerkenswert ist, dass das Problem der globalen Slums schon lange - seit über einem Jahrzehnt - ins Blickfeld der Militärstrategen gerückt ist", sagt Davis. "Regelmäßig werden Modelle durchgespielt, wie sich Truppen in die Slums von Lagos oder Port au Prince, Lima oder Kinshasa, einschleusen lassen. Und natürlich hat die ganze Erfahrung der Besatzung im Irak - Faludscha, Bagdad - die Dringlichkeit unter US-amerikanischen Militärstrategen verstärkt. Die reden nicht in demselben Diskurs wie Präsident Bush oder Dick Cheney, die reden nicht über Gut gegen Böse, auch nicht über El Kaida, oder über den Kulturkampf, sie sprechen von Krieg."
Krieg gibt es auch an der amerikanisch-mexikanischen Grenze, wo ein kleiner Ausschnitt aus einer gewaltigen globalen Migration sichtbar wird. Die Wut wächst. Aber erst das Folgewerk "Government of the Poor" wird Antworten geben auf Fragen nach dem Widerstand der Elendsbevölkerung gegen den globalen Kapitalismus. Das vielleicht Verstörendste an "Planet der Slums" ist die Nüchternheit der Bestandsaufnahme, seine Trostlosigkeit. Das Ambitionierte daran ist: Mike Davis öffnet den Blick, über alle Grenzen hinweg.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr


Mike Davis:
"Planet der Slums"
Assoziation a 2007
ISBN-13: 978-3935936569
20 €



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26.04.2007 / Nico Weber für Kulturzeit / hs
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