Das Ende des Ölzeitalters
Andreas Eschbachs Ökothriller "Ausgebrannt"
Schreckensvision: Brennende Ölquellen, wie hier im Golfkrieg  © AP
In seinem Ökothriller "Ausgebrannt" führt Andreas Eschbach vor, wie eine Welt ohne Öl aussehen würde - und zeigt auf, wie wir in nur 100 Jahren vom Erdöl abhängig geworden sind. Andreas Eschbach bietet einen spannenden Blick hinter die Kulissen des Ölgeschäfts und der globalen Ölpolitik.
Die Welt starrt gebannt auf ein apokalyptisches Schauspiel: Terroristen haben eine Schlüsselstelle der saudi-arabischen Ölwirtschaft in Brand gesetzt und so den Ölfluss zum Stillstand gebracht. Der Super-Gau für die weltweite Energieversorgung. Saudi-Arabien kann kein Öl mehr liefern. Die Situation spitzt sich zu. Um die saudischen Ölquellen unter ihre Kontrolle zu bringen, greifen die USA militärisch ein. Die Ölmärkte kollabieren, denn die gewaltigen Fördermengen Saudi-Arabiens sind nicht zu ersetzen.
Beklemmend realistische Visionen
Andreas Eschbach
Saudi-Arabien versinkt im Chaos, als die Bevölkerung den vorrückenden US-Streitkräften verzweifelten Widerstand leistet. So sieht Andreas Eschbachs beklemmend realistische Vision vom plötzlichen Ende des Ölzeitalters aus. Wir treffen ihn, den viele für einen deutschen Michael Crichton halten, in der Hafenstadt Brest, im Département Finistère, buchstäblich am Ende der Erde. Das Ölzeitalter ende nicht, wenn kein Öl mehr da sei, sondern dann, wenn weniger gefördert werden könne, als nachgefragt werde, stellt Andreas Eschbach fest. "Ab dem Zeitpunkt beginnt die Schere auseinanderzuklaffen und das Öl kann dann beliebig teuer werden."
Auch Deutschland lässt der Thriller in einer Welt ohne Öl landen. Wie in der Ölkrise der 70er Jahre gehören Autobahnen und Straßen wieder den Radfahrern und Fußgängern. Diesmal allerdings dauerhaft. Was werden kommende Generationen rückblickend über das Ölzeitalter denken? "Man wird das Ölzeitalter einmal als eine Phase einschätzen, in der die Leute geprasst haben ohne Sinn und Verstand, ein bisschen so wie man heute das dekadente Rom betrachtet und sagt: ´Denen ging's zu gut, die wussten gar nicht, wohin mit dem Zeug", meint Eschbach.
Wirtschaftsreportage und Zukunftsroman
Eschbachs Szenario mag fiktional übersteigert sein, der Plot etwas behäbig und überfrachtet. Aber seine Endzeitvision, eine Mischung aus Wirtschaftsreportage und Zukunftsroman, legt schonungslos offen, wie sehr unsere moderne Zivilisation vom Erdöl und seinen Produkten abhängig ist, und welche Gefahren damit verbunden sind.
In Eschbachs Thriller sind die Rollen klar verteilt, an die, die das Öl fördern, und die, die das große Geld damit verdienen. Für Eschbach ist dies eine Fortschreibung des Kolonialzeitalters. "Was auch wiederum zu denken geben sollte, ist, dass diejenigen, die am meisten am Öl verdienen, die Staaten sind, die Mineralölsteuer erheben", meint er. "Wir zahlen, wenn wir für 1,20 Euro Benzin tanken, einen Euro an den Staat. Von den 20 Cents bekommt das Land, aus dem das Öl kommt, vielleicht zwei. Das ist ein starkes Missverhältnis und man kann sich die Frage stellen: Warum machen die Staaten das mit?"
Zerrissenes Land Saudi-Arabien
Eschbachs Roman zeichnet Saudi-Arabien als ein von Widersprüchen zerrissenes Land. Die sprudelnden Petrodollars halten eine kleine Kaste an der Macht, die die Welt mit billigem Öl versorgt, das Wohlwollen der USA genießt und gleichzeitig religiösen Fanatismus schürt. In dieser Atmosphäre gedeihen Terror und Gewalt, die schließlich auf das eigene Herrscherhaus zurückschlagen. So wird Öl, das schwarze Gold, zum Fluch.
Hans-Joachim Spanger von der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung erklärt: "Das sind Ökonomien, die davon leben, dass sie mit relativ geringem Aufwand einen großen Reichtum aus dem Boden pumpen können. Die aus diesem Grund autoritären politischen Verfassungen konservieren konnten und die Modernisierung schlicht und einfach verpasst haben, was man in allen Bereichen der Politik und Gesellschaft verfolgen kann. Was machen diese Länder, wenn der Zustrom frischen Geldes versiegt?"
Kommt die Umbesinnung zu spät?
In Eschbachs Endzeit-Vision entwickeln die Menschen erst angesichts der drohenden Katastrophe eine Strategie, ihr Überleben zu sichern - wie im richtigen Leben. Aber vielleicht ist dies auch zu spät. "Was, wenn es keine wirkliche Alternative gibt?", fragt der Autor. "Ich glaube, dass wir uns auf ein Leben im Nachölzeitalter einstellen müssen. Man kann sagen, vor 150 Jahren ging es ja auch ohne. Aber damals waren wir noch keine sechs Milliarden Menschen. Das ist das größte Problem, dass wir Nahrungsmittel erzeugen müssen. Die Schädlingsbekämpfungs- und Düngemittel sind auch Erdölprodukte. Ohne diese Mittel gibt es nicht die Erträge, aber viele anspruchsvolle Probleme, die ihrer Lösung harren.
Andreas Eschbachs Thriller trifft dort, wo es am meisten wehtut: am eigenen Lebensnerv. Darin liegt seine Brisanz. Fakten und Fantasien vermischen sich zu einer Zukunftsvision, die den Leser umtreibt. Aber noch sind Chrichtons Schreckensvisionen denen seines deutschen Pendants einen Schritt voraus.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



Andreas Eschbach:
"Ausgebrannt"
Lübbe 2007
ISBN-13: 978-3785722749
19,95 €

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09.03.2007 / Anselm Henkel für Kulturzeit / hs
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