Anschluss verpasst
Der Historiker Walter Laqueur stellt düstere Prognosen für Europa
Europa ein Disneyland für begüterte Asiaten - eine der Thesen Walter Laqueurs  © dpa
Der totgesagte Euro übertrumpft gerade den Dollar, Chinesen und Inder schicken ihren Nachwuchs seit Neuestem immer öfter auf deutsche Universitäten. Die indische Studentenzahl in Deutschland hat sich gar verachtfacht, die Chinesen machen mittlerweile das größte ausländische Kontingent aus. Walter Laqueur, der berühmte Zeit-Historiker, schreibt in seinem neuen Buch von den vielfachen Veränderungen im Kontinent Europa.
Wird Europa zum Freizeitpark, zum Disneyland für reiche Asiaten? Euro-Disney in Paris, Eifelturm, Italien und das bezaubernde Venedig - sie sind allesamt Touristenattraktionen. Doch das könnte bald das Einzige sein, was die Welt an Europa schätzt. Die letzten Tage von Europa sind gezählt, behauptet der renommierte Historiker Walter Laqueur in seinem neuen Buch. Europa droht sich zu einem bunten Kontinent für Fremdenführer zu entwickeln, eine Art kultureller Themenpark für gut betuchte Inder und Chinesen. Ist Europa also ein Auslaufmodell? "Es besteht die Gefahr, dass Europa nicht mehr Vorbild für den Rest der Welt wird, sondern ein Museum für begüterte Inder und Chinesen, die kommen und sehen, was dieser Kontinent Großes in der Kultur und auf anderen Gebieten hervor gebracht hat", so Walter Laqueur.
Zahnloser Tiger
Damit wendet der in Europa und den USA lebende Laqueur sich explizit gegen Europa-Optimisten wie Jeremy Rifkin. Rifkin hatte vor zwei Jahren mit seiner Vision einer Supermacht Europa den amerikanischen Traum beerdigt. Dem alten Europa prophezeite er eine verheißungsvolle Zukunft als Modell einer gerechten Globalisierung, Freiheit und Toleranz. Alles Schönfärberei, so Laqueur. Europa sei nicht nur politisch ein zahnloser Tiger. "Schauen Sie, wie wenig Einfluss Europa auf die Weltpolitik hat", sagt Laqueur. "Wenn es eine Krise gibt, ob auf dem Balkan, im Nahen Osten oder in Afrika: Europa spielt nicht mehr mit, ringt die Hände und sagt, man müsse etwas tun. Aber es ist nicht mehr fähig, etwas zu tun. Das ist wohl das beste Beispiel. Man könnte auch Beispiele aus der Weltwirtschaft anführen: Europa stagniert, während Asien Fortschritte macht."
Eine gut ausgebildete Inderin am PC  © dpa
Asien heißt die Zukunft. Europa könne kaum mehr mit hoch technologisierten Ländern wie China und Indien konkurrieren. Asien habe Europa an Wirtschaftskraft und Wachstum längst den Rang abgelaufen, so Laqueur. Zugleich verändert sich die Bevölkerungsstruktur dramatisch. Europa überaltert, zeugt keine Kinder mehr. Erstmals in der Geschichte des Kontinents sind mehr Menschen über 60 als unter 20. Die Bevölkerung Europas wird dramatisch sinken - Generationenverträge und Sozialsysteme sind längst zusammengebrochen. "Europa reproduziert sich nicht", konstatiert der Historiker. "Damit die Bevölkerung von Europa mindestens gleich bleibt, muss es 2,1 Prozent Kinder geben. Das gibt es aber nicht, es sind bedeutend weniger. Während Europa um 1900 etwa fünfzehn Prozent der Weltbevölkerung darstellt, wird es in noch einer Generation nur nur noch drei bis vier Prozent sein."
Focus Wirtschaft
Dabei hatte alles so gut begonnen. Die wirtschaftliche und politische Einheit Europas - die Vision, die nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde. 1957 wurden in Rom die Verträge über die europäische Wirtschaftsgemeinschaft geschlossen. Konrad Adenauer und Charles de Gaulle waren die ersten Euro-Visionäre, viele sollten folgen. 1992 wurde in Maastricht die wirtschaftliche und politische Einheit mit der Europäischen Union besiegelt. Später folgte die gemeinsame Währung. Doch eine kulturelle Einheit und Identität - Fehlanzeige, sagt Laqueur. "Der große Aufbau Europas nach dem Zweiten Weltkrieg basierte fast nur auf Wirtschaft", so der Historiker. "Charles Monet, der Architekt des Nachkriegseuropas, sagte: 'Wenn ich noch einmal anfangen würde, würde ich das Schwergewicht auf die Kultur legen'."
Türkinnen auf einem Markt in Berlin  © dpa
Europa stehe vor den Trümmern seiner Integrationspolitik, so Laqueur. Zu lange haben Politiker die Zuwanderung nicht gemanagt. Der Glaube, zugewanderte Gastarbeiter würden in ihre Heimatländer zurückkehren, sei naiv gewesen. Junge, zum Teil nicht integrierte Muslime, sorgen besonders in Frankreich für sozialen Sprengstoff. Zugleich habe in ganz Europa Fremdenhass um sich gegriffen. Autonom agierende Paralellgesellschaften sind bereits entstanden. "Dann ergeben sich überall Probleme", sagt Walter Laqueur. "Was soll in der Schule gelehrt werden? Was sind die gemeinsamen Werte? Haben wir das Recht oder die Pflicht, auf unseren Werten, auf unserem Nationalgefühl zu bestehen? Oder sollen wir alles ändern, soll ein Multikulti-Staat existieren? Aber all diese Fragen wurden nicht gestellt."
Aufgabe Integration
Gestellt wurden diese Fragen schon, beantwortet wurden sie nicht. Im Gegensatz zu den USA sei Europa jedoch kein Schmelztiegel. Zu lange habe Europa seine eigenen Probleme verschlafen und sich am Rivalen Amerika orientiert und gemessen. Dabei habe es Asien ignoriert. Der Bildungsstandort Europa, zum Beispiel Deutschland, sei im Vergleich zu den USA unattraktiv geworden. "Amerika hat die Mittelschicht angezogen", sagt Laqueur. "Auch aus Palästina, der Türkei, dem Iran. Die Mittelschicht ist nach Amerika gegangen, nicht nach Europa, während Europa die dörflichen Zuwanderer, zum Teil Analphabeten, bekam. Da war die Aufgabe Europas, die Eingliederung, bedeutend schwerer als in Amerika."
Walter Laqueur, Historiker
Laqueur schafft es, den Finger in Wunden zu legen. Er schlägt Alarm. Manches wirkt bisweilen wie ein Rundumschlag, regt an zum Widerspruch. Sein Fazit lautet: Europa hat sich mehr transformiert als viele Europäer bemerkt haben. Bereits jetzt gebe es Landstriche in Deutschland, in denen kaum deutsch gesprochen werde. Die Bevölkerungsentwicklung werde es sogar mit sich bringen, dass die Einwandererminderheit zur Mehrheit wird. Wenn die alten Europäer die Integration nicht enorm verbessern, werden die christlichen Europäer es sein, die sich bald bei den Euro-Muslimen integrieren müssen.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



Walter Laqueur
"Die letzten Tage von Europa"
Propyläen, 2006
ISBN: 3549073003
19,90 €


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Kulturzeit-Schwerpunkt:
Das Problem mit der Integration



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12.12.2006 / Kamran Safiarian (Kulturzeit) / lj
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