 |
 |
|
Wird Europa zum Freizeitpark, zum Disneyland für reiche Asiaten? Euro-Disney in Paris, Eifelturm, Italien und das bezaubernde Venedig - sie sind allesamt Touristenattraktionen. Doch das könnte bald das Einzige sein, was die Welt an Europa schätzt. Die letzten Tage von Europa sind gezählt, behauptet der renommierte Historiker Walter Laqueur in seinem neuen Buch. Europa droht sich zu einem bunten Kontinent für Fremdenführer zu entwickeln, eine Art kultureller Themenpark für gut betuchte Inder und Chinesen. Ist Europa also ein Auslaufmodell? "Es besteht die Gefahr, dass Europa nicht mehr Vorbild für den Rest der Welt wird, sondern ein Museum für begüterte Inder und Chinesen, die kommen und sehen, was dieser Kontinent Großes in der Kultur und auf anderen Gebieten hervor gebracht hat", so Walter Laqueur.
|
 |
|
 |
 |
|
Zahnloser Tiger
|
 |
|
Damit wendet der in Europa und den USA lebende Laqueur sich explizit gegen Europa-Optimisten wie Jeremy Rifkin. Rifkin hatte vor zwei Jahren mit seiner Vision einer Supermacht Europa den amerikanischen Traum beerdigt. Dem alten Europa prophezeite er eine verheißungsvolle Zukunft als Modell einer gerechten Globalisierung, Freiheit und Toleranz. Alles Schönfärberei, so Laqueur. Europa sei nicht nur politisch ein zahnloser Tiger. "Schauen Sie, wie wenig Einfluss Europa auf die Weltpolitik hat", sagt Laqueur. "Wenn es eine Krise gibt, ob auf dem Balkan, im Nahen Osten oder in Afrika: Europa spielt nicht mehr mit, ringt die Hände und sagt, man müsse etwas tun. Aber es ist nicht mehr fähig, etwas zu tun. Das ist wohl das beste Beispiel. Man könnte auch Beispiele aus der Weltwirtschaft anführen: Europa stagniert, während Asien Fortschritte macht."
|
 |
|
 |
 |
|
 |
 |
|
Focus Wirtschaft
|
 |
|
Dabei hatte alles so gut begonnen. Die wirtschaftliche und politische Einheit Europas - die Vision, die nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde. 1957 wurden in Rom die Verträge über die europäische Wirtschaftsgemeinschaft geschlossen. Konrad Adenauer und Charles de Gaulle waren die ersten Euro-Visionäre, viele sollten folgen. 1992 wurde in Maastricht die wirtschaftliche und politische Einheit mit der Europäischen Union besiegelt. Später folgte die gemeinsame Währung. Doch eine kulturelle Einheit und Identität - Fehlanzeige, sagt Laqueur. "Der große Aufbau Europas nach dem Zweiten Weltkrieg basierte fast nur auf Wirtschaft", so der Historiker. "Charles Monet, der Architekt des Nachkriegseuropas, sagte: 'Wenn ich noch einmal anfangen würde, würde ich das Schwergewicht auf die Kultur legen'."
|
 |
|
 |
 |
|
 |
 |
|
Aufgabe Integration
|
 |
|
Gestellt wurden diese Fragen schon, beantwortet wurden sie nicht. Im Gegensatz zu den USA sei Europa jedoch kein Schmelztiegel. Zu lange habe Europa seine eigenen Probleme verschlafen und sich am Rivalen Amerika orientiert und gemessen. Dabei habe es Asien ignoriert. Der Bildungsstandort Europa, zum Beispiel Deutschland, sei im Vergleich zu den USA unattraktiv geworden. "Amerika hat die Mittelschicht angezogen", sagt Laqueur. "Auch aus Palästina, der Türkei, dem Iran. Die Mittelschicht ist nach Amerika gegangen, nicht nach Europa, während Europa die dörflichen Zuwanderer, zum Teil Analphabeten, bekam. Da war die Aufgabe Europas, die Eingliederung, bedeutend schwerer als in Amerika."
|
 |
|
 |
|  |

 |
 |

 Walter Laqueur
"Die letzten Tage von Europa"
Propyläen, 2006
ISBN: 3549073003
19,90 €
|  |
|  |
 |




|