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Kinotipp: Halt auf freier Strecke
von Achim Forst
Selten hat ein Film das Sterben und seine Bedeutung für Angehörige so schonungslos und zugleich sensibel dargestellt wie Andreas Dresens „Halt auf freier Strecke“. Zusammen mit den Schauspielern Milan Peschel und Steffi Kühnert entwickelte der Regisseur die Handlung und die Charaktere und blieb dabei ganz nah an der Wirklichkeit.
Fassungslos sitzen Frank und seine Frau Simone vor dem Arzt im Krankenhaus. Der medizinische Befund steht fest: Frank hat einen bösartigen Hirntumor, nicht mehr operierbar. Ihm bleiben höchstens ein paar Monate. „Wie erzähl ich’s meinen Kindern?“, fragt er sein Smartphone. Das Multifunktionsgerät nutzt er als Videotagebuch und Kummerkasten für seine Ängste. Damit gibt Regisseur Andreas Dresen seinem Protagonisten ein elektronisches Gegenüber, das zum Mittelpunkt einiger skurriler Situationen wird – und dem Publikum inmitten des Ernsts auch mal ein befreiendes Lachen schenkt.

Wir folgen Frank und seiner Familie durch den Krankheitsverlauf, an dessen Ende der Tod stehen wird, soviel ist von Anfang an klar. Überraschend ist aber der Weg, den die Familie zurücklegt: ein Weg, der durch das Sterben, aber nicht in die Verzweiflung führt.

Nicht in den Abgrund geschubst
© ZDF Thilo Stock Lupe
Regisseur Andreas Dresen
„Ich will den Zuschauern nicht den Abgrund zeigen und sie dann hineinstupsen“, erklärt Regisseur Andreas Dresen („Halbe Treppe“, „Sommer vorm Balkon“). So gibt es viele zarte, berührende Momente familiärer Gemeinschaft, die den Figuren und dem Zuschauer Geborgenheit bieten und so die schonungslose Darstellung des Krebsleidens in all seiner körperlichen und seelischen Hässlichkeit erträglich machen. Frank hat Wutausbrüche, Simone ist überfordert, lernt dann aber mit dem Sterbenden zu leben, ohne sich selbst durch die Krankenpflege zu verlieren. Dazwischen steuern heitere, komische Situationen dem Ernst und der Schwere des Themas entgegen, ohne den Film dabei unglaubwürdig zu machen oder die Figuren zu verraten.

Ärzte und Pfleger spielen sich selbst
Andreas Dresen arbeitet immer wieder mit den gleichen Schauspielern. Über die Jahre hinweg hat sich eine Ensemble-Familie um ihn herum gebildet, mit der er durch Improvisation die Figuren und Szenen des Films erarbeitet. So gelingt ihm in seinen Filmen immer wieder, das Gespielte authentisch wirken zu lassen. Neben seinen mehrfachen Mitarbeitern Milan Peschel und Steffi Kühnert sind alle Pfleger und Ärzte im Film tatsächliche Pfleger und Ärzte. Sie spielen ihre Rollen glaubwürdiger als jeder Schauspieler und wurden vom Regisseur nur zurückhaltend begleitet.

Den bloßen Abbild-Realismus durchbricht Dresen durch die poetische Visualisierung des Tumors, der als Figur mehrmals im Film auftritt. So kann Dresen zeigen, wie sich Franks innere Einstellung zu seinem Tumor verändert bis er mit ihm Frieden schließt.

Wir sehen Frank und seine Familie in der Sterbebegleitung, und doch geht es in diesem bemerkenswerten Film eigentlich ums Leben und nicht um den Tod: Im Hinblick auf das unausweichliche Sterben kann in diesem Film nicht nur Frank Frieden finden, sondern auch seine Familie – und sicherlich können das auch Zuschauer, die bereit sind, sich dem Film zu öffnen.

Sendedatum
Dienstag, 6. Dezember 2011
21.50 Uhr
Kinostart
17. November 2011
Credits
"Halt auf freier Strecke"
BRD 2011
110 Min.
Regie: Andreas Dresen
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Der gesamte Kinotipp in der Mediathek (6'35" Min.)
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© ZDF Thilo StockVideoInterview mit Andreas Dresen
Das ganze Interview mit Regisseur Andreas Dresen
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