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© dpa Lupe
Carmen Herrera malt seit 70 Jahren. Jetzt wurde sie berühmt.
Später Ruhm
Die Malerin Carmen Herrera wird mit 94 zum Star
Für manche ist es offensichtlich nie zu spät: Da malt eine Frau ihr ganzes Leben lang und wird jetzt, im Alter von 94 Jahren, von Kunstkritikern plötzlich als "die Entdeckung des Jahrzehnts" gefeiert. Die erste Retrospektive von Carmen Herrera in Europa, die 2009 in Birmingham zu sehen war, wurde vom "Observer" als eine der zehn besten Ausstellungen des Jahres bezeichnet. Nun ist sie ab dem 23. Januar 2010 in der Pfalzgalerie in Kaiserslautern zu sehen.
Noch immer führen die Finger den Stift zügig und gezielt über das Papier. Carmen Herrera ist seit mehr als 70 Jahren abstrakte Malerin - und bis vor kurzem relativ unbekannt. Mit 89 hat sie ihr erstesBild verkauft. Aber erst seit einem Artikel in der "New York Times" im Dezember 2009 ist sie der neue Star der internationalen Kunstwelt. "Ich bereue nichts", sagt Carmen Herrera. "Dinge passieren nur, wenn siepassieren müssen. Dass ich mir selbst leid tue, dass ich nicht früher Erfolg hatte, nein, das macht keinen Sinn. Ich habe auch nicht geahnt, dass das am Ende meines Lebens geschehen würde, aber natürlich freue ich mich sehr."

Von der Architektur zum Malen
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Herreras kunst ist grafisch
In Kuba geboren 1915 als eines von sieben Kindern der Journalistin Carmela Nieto de Herrera, beginnt Carmen bereits früh zu zeichnen.Es ist eine Zeit politischer Unruhen und ständig wechselnderDiktaturen. Einige ihrer Freunde verschwinden während des Machado-Regimes. Schule und Studium finden irgendwie zwischendurch statt. "Ich war sehr jung damals", erinnert sie sich, "und hatte einige Freunde, die sich für Architektur begeisterten. Denen wollte ich nacheifern. Sie hatten soviel Enthusiasmus, dass ich dachte, das muss ein gutes Studium sein. Also habe ich ungefähr zwei Jahre Architektur studiert, aber dann habe ich meinen Mann in Kuba kennengelernt und geheiratet, bin in die USA gekommen und habe vollkommen mit der Architektur aufgehört. Hier habe ich dann mit der Malerei begonnen."

Die Art Students League in New York ist seit 135 Jahren eine der Institutionen für Künstler und jene, die es werden wollen. George Grosz hat hier unterrichtet und Jackson Pollock hat hier studiert. Als Carmen Herrera in den 1940er Jahren hierher kommt, sind es vorwiegend Frauen, die Kunst studieren. Die Männer sind im Krieg. Ihren Stil abstrakter Geometrien entwickelt sie aber erst, nachdem sie die Art Students League verlässt. "Mein Lehrer war Jon Corbino, ein sehr bekannter Künstler", sagt sie. "Eines Tages hat er zu mir gesagt: 'Carmen, warum bist Du hier? Nimm Dir doch lieber ein Atelier, versuche, zu malen und finde heraus, ob Du eine Künstlerin bist oder nicht.' Ich sagte nur, danke vielmals, und bin ab diesem Tag nicht mehr hingegangen."

Auszeit in Paris
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Von den Grundfarben beherrscht
1948 nahm sich Herreras Mann, mit dem sie 61 Jahre lang verheiratetwar, eine Auszeit in Paris. Sechs Jahre sollten die beiden in Frankreich verbringen. Es war die schaffensreichste Zeit ihres Lebens, die Wände ihres Ateliers in Paris waren von unten nach oben mit Bildern behängt. Und das blieb auch so. "Damals hat sich niemand für meine Arbeit interessiert oder nur sehr wenige", erklärt Herrera. "Aber ich dachte nicht daran, anders zu malen, nur, um jemandem einen Gefallen zu tunoder mich dem Zeitgeschmack unterzuordnen. Viele meiner Künstler-Freunde malten vollkommen anders und waren erfolgreich. Aber ich dachte nicht im Traum daran, ihren Stil zu imitieren, denn es war nichtmein Stil."

Als ein New Yorker Galerist 2004 eine Ausstellung mit drei geometrisch arbeitenden Künstlerinnen bewirbt und eine kurzfristig abspringt, kommt ihm Carmen Herrera auf Vorschlag ihres langjährigen Freundes, des Künstlers Tony Bechara, wie gerufen. Die Kritiker sind begeistert, und endlich beginnen sich auch Sammler und renommierte Museen für die mittlerweile 89-Jährige zu interessieren. "Ich denke, in den 1950ern und 60ern war es nicht unbedingt von Vorteil, Frau zu sein", so Bechara. "Und: Carmen war aus Lateinamerika, Kubanerin. Das hat sich wahrscheinlich auch nachteilig ausgewirkt. Sie müssen bedenken, dass New York sich zu dieser Zeit sehr gegen künstlerische Einflüsse von außen gewehrt hat. Sie nannten sich sogar die 'New Yorker Schule.' Diese beiden Faktoren, kombiniert vielleicht auch mit einigen ihrer Charaktereigenschaften. Ich kenne Carmen jetzt mehr als 35 Jahre und denke: Ihr war das vollkommen egal."

Die erste Retrospektive war purer Zufall
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Auch Werke auf Papier zeigt die Ausstellung in Kaiserslautern.
Als 2009 der Kurator der Ikon-Gallery in Birmingham im Internet nach Bildern des venezolanischen Malers Arturo Herrera sucht, stößt er auch auf die Namensvetterin. Aus einem reinen Zufall entsteht die erste Retrospektive der Malerin in Europa. Die englischen Kritiken bezeichnen die Ausstellung als eine der zehn besten des Jahres 2009 und feiern Carmen Herrera als die Entdeckung des Jahrzehnts. "Ruhm wollte ich nie und auch nie Geld damit verdienen", sagt die Künstlerin. "Ich wollte nur, dass man mich in Ruhe lässt, damit ich malen kann, weil es mir Vergnügen bereitete. Sehen Sie, ich bin jetzt 94 Jahre alt und habe all die kleinen Wehwehchen, die mit dem Alter kommen, aber wenn ich arbeite, und das tue ich praktisch jeden Tag, dann vergesse ich das alles. Ich konzentriere mich auf meine Arbeit und bin in eineranderen Welt. Meinen Körper fühle ich dann nicht mehr."

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Ausstellung
"Carmen Herrera. Malerei und Zeichnung 1948 - 2007"
Museum Pfalzgalerie, Kaiserslautern
bis 02.05.2010