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"Ich sehne mich nach Dir, Jude!" - Rafal Betlejewskis Satz provoziert.
Aus dem Herzen gesprochen
Die Kunstaktion "Ich sehne mich nach Dir, Jude!"
"Ich sehne mich nach Dir, Jude!" Dieser Satz steht auf Hunderten von Mauern in ganz Polen - dort, wo sonst eher antisemitische Graffiti zu finden sind. Geschrieben hat ihn der polnische Aktionskünstler Rafal Betlejewski. Seine außergewöhnliche Aktion verstört die Polen und regt zum Nachdenken an.
Der Aktionskünstler Rafal Betlejewski malt meistens nachts und ohne Erlaubnis auf Mauern sein bahnbrechendes Bekenntnis. Betlejewski möchte seine tiefsten Emotionen sprechen lassen, über das Unfassbare, über den Verlust von Millionen polnischen Juden durch den Völkermord der Nationalsozialisten. Der Aktionskünstler schreibt nur einen Satz, der in Polen viele Emotionen auslöst: "Ich sehne mich nach Dir, Jude!"

Die Mauer als Medium
"Ich habe mir gedacht, wenn ich so etwas wie 'Ich sehne mich nach Dir, Jude!' sage, muss ich das für alle wahrnehmbar und auf eine Art bedeutsam tun", erklärt der Künstler. "Das beste Medium für diesen Satz ist nicht die Presse, die Leinwand oder die Dichtung, sondern einfach eine Mauer, weil in Polen eine Mauer mit der Sprache des Hasses, des Nationalismus und Chauvinismus, einer Sprache der Aggression in Verbindung gebracht wird. Ich dachte mir, das ist das ideale Medium, um einen völlig anderen Inhalt auszudrücken, das Gegenteil der Aggression."

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"Die Polen können den Juden nicht verzeihen", so Konstanty Gebert.
Dass es 65 Jahre nach dem Holocaust in Polen einer solchen Aktion bedarf, spricht Bände. Hier lebt nur noch eine verschwindend kleine jüdische Minderheit nach der Shoa - und nachdem die kommunistische Führung die restlichen Juden 1968 in die Emigration zwang. In Polen gibt es heute einen Antisemitismus ohne Juden. Das von den Nazis und Antisemiten negativ belegte Wort "Jude" ist für viele Polen immer noch ein gefürchtetes, dass man nur ungern in den Mund nimmt. "Die Polen haben bis heute nicht das Bewusstsein dafür, was der Holocaust war", erklärt der Publizist Konstanty Gebert, "insbesondere dafür, wie sehr er sich von den tatsächlich großen Leiden des polnischen Volkes unterscheidet. Das heißt, die Polen können bis heute den Juden nicht verzeihen, dass sie mehr unter den Nazis gelitten haben als sie selbst. Diese Rivalität der Opfer verdunkelt die Möglichkeit einer rationellen Betrachtung."

Aktion: Leerer Stuhl mit Kippa
In dieser psychologisch immer noch schwierigen Situation versucht der Künstler Rafal Betlejewski mit seiner Aktion die öffentliche Meinung und interessierte Bürger für sein Bekenntnis zu gewinnen. Neben dem Satz auf den Mauern stellt Betlejewski an verschiedenen Orten Polens, die eng mit der Geschichte der Juden verbunden sind, einen leeren Stuhl mit Lammfell und einer Kippa auf, um Bürgern die Möglichkeit zu geben, sich daneben fotografieren zu lassen, etwa in der Kleinstadt Grodzisk bei Warschau.

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Teilnehmer der Kunstaktion: Witold Weszczak auf dem Kunst-Stuhl
"Ich bin hier, weil ich den Verlust der Juden für Polen, spürbar empfinde", sagt Witold Weszczak, ein Teilnehemer der Fotoaktion. "Ich interessiere mich seit längerem für die Geschichte der Juden. Ich sehe, wie nah diese Menschen mir wären, die noch vor 60 Jahren hier gelebt haben. Aber heute gibt es von ihnen keine Spur mehr. Ein Zeichen dafür ist der Friedhof, auf dessen Überresten heute ein Schrottplatz steht." "Ich habe vor allem positive und zum Teil enthusiastische Reaktion auf meine Aktionen erhalten", sagt Betlejewski. "Viele Menschen aus ganz Europa schrieben Briefe an mich, in denen sie sagten, dass sie auf dieses Bekenntnis gerade eines Polen gewartet haben, wie auf den Regen in der Wüste. Dagegen gibt es zweifellos, gerade in der anonymen Sphäre des Internet, negative Reaktionen. Da erscheint die ganze Palette der polnischen Phobien, zum Beispiel, dass ich eine Marionette in den Händen jüdischer Verschwörer sei."

Schuld und Scham
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Auf vielen Mauern hat sich Rafal Betlejewski verewigt.
Betlejewskis Spruch an der Mauer irritiert. "Es gibt im polnischen Bewusstsein einerseits das Gefühl der Schuld und Scham, aber gleichzeitig auch ein tatsächliches Gefühl, dass wesentliches fehlt", sagt Konstanty Gebert. "Polen hat tatsächlich vieles verloren. Das sieht man auch an Reaktionen auf die Aktionen von Betlejewski. Neben den antisemitischen Kommentaren zeigen Hunderte von Menschen ihre Sehnsucht. Ja, sie haben wirklich eine Sehnsucht. Es fehlt etwas. In der Medizin gibt es dafür die Bezeichnung des Phantomschmerzes. Man nimmt einem die Hand ab und sie schmerzt weiter. Polen leidet an seinem jüdischen Phantomschmerz. Und es ist gut so."

Der Verlust, die Leerstelle, die der Völkermord der Nazis in Polen hinterlassen hat, wird durch Betlejewskis Aktion besonders deutlich. Nur echte Trauer und echte Sehnsucht können das erträglich machen. "Ich wünsche mir sehr für meine Aktion, dass es dazu kommt, im Fußballstadion ein Transparent mit 'Ich sehne mich nach Dir, Jude!' durch die Fußballfans entfalten zu lassen", sagt Betlejewski. "Tausende Menschen sollen ein riesiges Spruchband zeigen. Ich möchte auch, dass die ganze polnische Regierung sich um den leeren Stuhl platziert. Ich möchte auch einen polnischen katholischen Bischof zu so einem Foto überreden." Rafal Betlejewski hat mutige Pläne. "Ich sehne mich nach Dir, Jude!" ist ein emotionales Bekenntnis. Vielleicht wäre es auch für die Deutschen wichtig, über den Verlust der Juden so unmittelbar Emotionen zu zeigen.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr