Henio Zytomirskis Facebook-Seite ...
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Erinnerung 2.0
Ein Holocaust-Opfer bei Facebook
Henio ist sechs Jahre alt - und er hat ein Facebook-Profil. Vor mehr als 60 Jahren wurde der jüdische Junge von den Nazis ermordet. Ein polnischer Historiker hat Henio virtuell zum Leben erweckt.
"Ich bin in die Rolle dieses kleinen Jungen geschlüpft, der hier in Lublin vor dem Zweiten Weltkrieg lebte", erklärt Piotr Brożek vom Kulturzentrum "Brama Grodzka - Teatr NN" Lublin. "Dafür musste ich mich in die damalige Zeit reinversetzen und mir vorstellen, wie sich Henio fühlte und was für Gedanken er hatte." Die Erinnerung an die Opfer des Holocaust verblasst, nur noch wenige Zeitzeugen leben. Piotr Brożek setzt auf eine neue Erinnerungskultur im Internet. Fast ein Jahr lang hat er auf einer virtuellen Pinnwand in Henios Namen geschrieben - auf Polnisch und Englisch. Henios Facebook-Freunde lesen mit.

Durch Ich-Form Geschichte erfahrbar machen
"Der Winter ist gekommen, jeder Jude muss seinen Namen auf dem Davidstern tragen", heißt es da. "Auf der Straße laufen deutsche Truppen. Mama sagt, dass ich mich nicht fürchten soll, weil das Gute immer gewinnt. Immer?" "Wir wollten durch diese Ich-Form den Menschen Geschichte lebendig erfahrbar machen und sie dazu bringen, über diese Zeit nachzudenken", so Piotr Brożek. "Das war natürlich nicht ganz einfach, weil ich die Verantwortung für das Schicksal eines anderen übernehmen musste."

Für sein Projekt hat sich Piotr Brożek auf Spurensuche begeben. Am 25. März 1933 wird Henio in Lublin geboren - viele Jahrhunderte war die Stadt im Osten Polens ein Zentrum jüdischen Lebens. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten hier rund 40.000 Juden. Hier wohnt Henio bis kurz vor seiner Einschulung. Dann besetzen die Nazis im September 1939 Polen und verschleppen die Familie Zytomirski ins jüdische Ghetto. Drei Jahre später kommen sie ins Konzentrationslager Majdanek in der Nähe Lublins. Dort verliert sich ihre Spur.

Nur rund 300 Juden aus Lublin haben den Holocaust überlebt. Lange Zeit wurde die jüdische Vergangenheit der Stadt tot geschwiegen. Wo heute nur noch eine Brachfläche zu sehen ist, befand sich einst das jüdische Viertel Lublins. Es wurde komplett zerstört. Brożek will durch Henios Schicksal auf das Verschwinden einer ganzen Welt aufmerksam machen. Auf einer Treppe wurde das letzte Foto des kleinen Jungen aufgenommen. Jetzt ist es Henios Facebook-Profilbild. "Er weiß noch nicht, dass etwas Furchtbares passieren wird", so Piotr Brożek. "Er ist mit sich und dem Leben zufrieden. Henio ist sechs Jahre alt, als er hier steht, und fühlt sich bestimmt so wie alle Sechsjährigen kurz vor der Einschulung. Die Sonne scheint und er ist geborgen bei seiner Familie." Brozek will mit der Aufarbeitung des Lebens Henios erinnern und mahnen - doch die neue Form dieser Erinnerungskultur stößt auch auf Kritik.

Kritik an der Facebook-Erinnerungskultur
Mirjam Wenzel, Leiterin der Medienabteilung des Jüdischen Museums Berlin, findet es problematisch, "einen Avatar auf Facebook zu stellen, der mich als mein Freund täglich auf der Wall darüber informiert, was man denken soll, was vor 60 Jahren passiert ist." Das mische sich, so Wenzel, auf eine bestimmte Art und Weise, wie Facebook sonst genutzt werde - "nämlich als social networking, Informationen zwischen Freunden, denen man kleine Dinge zupostet."

Wenn es nach Brożek geht, soll Henios Schicksal gerade in dieser Beiläufigkeit von Facebook berühren: Fotos zeugen von einer unbeschwerten Kindheit, Briefe von der düsteren Ahnung einer ungewissen Zukunft: Henios Vater Smuel, ein Lehrer und orthodoxer Jude, schreibt schon vor dem Krieg an Verwandte, dass ein Leben in Polen für Juden auf Dauer unmöglich sei. Doch bevor die Familie Żytomirski das Land verlassen kann, ist es schon zu spät.

Henios Onkel Leon überlebt den Holocaust. Er wandert 1937 nach Israel aus. Seine Tochter Neta Avidar ist Henios Cousine und seine Facebook-Freundin. Die Künstlerin lebt heute in der Nähe von Tel Aviv, obwohl sie Henio nie kennengelernt, er ihr Leben auf eine besondere Art und Weise geprägt hat. "Seit meiner Kindheit habe ich Henios Bild vor Augen", sagt Neta-Avidar. "Mein Vater zeigte mir die Briefe seiner Familie. Sie waren alle in Hebräisch geschrieben und ich konnte sie lesen. Er zeigte mir die Bilder seiner Familie und erzählte mir soviel über seine Heimatstadt Lublin. Er hatte Sehnsucht danach. Aber die Stadt, wie er sie kannte, gab es nicht mehr. Es ist so wichtig, den Holocaust durch das Schicksal eines Kindes zu erfahren. Ein Kind ist vollkommen unschuldig und rein. Und Henio wurde durch eine vollkommen böse Welt getötet.“

Vor ein paar Jahren hat sie die Briefe ihrer Familie und die Fotos von Henio an das Lubliner Kulturzentrum Brama Grodzka übergeben. Jedes Jahr hatten seine Eltern ihn fotografiert. Aus diesen Dokumenten ist Henios Facebook-Profil entstanden. "Ich glaube, dass in Facebook jeder ständig mit anderen kommuniziert", so Neta Avidar, Henios Cousine. "Nur Henio ist dort aus einem anderen Grund: Er bringt Ruhe in diese Welt - weil er nicht antworten kann. Er ist der Junge, der nicht antworten kann, weil er ermordet wurde. Die Leute sprechen zu ihm und schicken ihm Nachrichten, doch Henio steht für die Stille einer Welt, die der Holocaust zerstört hat."

Selbst in den Vernichtungslagern lässt sich nur schwer begreifen, was geschehen ist. Kann Facebook da der richtige Ort sein, um an den Holocaust zu erinnern? "Eine Vorstellung des Grauens, wenn man sie denn überhaupt erzeugen kann, hat wesentlich damit zu tun, dass wir uns letztlich keine Bilder machen können, von dem, was passiert ist", sagt Mirjam Wenzel. "Das ist eine Form von Reflexion, die ich diesem Profil erstmal abspreche." Piotr Brożek ist überzeugt, dass die virtuelle Welt für viele längst zur natürlichen Umwelt geworden ist. "Ich hoffe, dass diese neue Form der Erinnerungskultur dazu beitragen kann, dass es so etwas wie den Holocaust nie wieder geben wird. Das Schicksal von Henio macht deutlich, welches Grauen hier geschehen ist."

Henio verschwindet aus Facebook
Für die Generation Facebook ist der kleine Henio wichtig geworden. Menschen aus der ganzen Welt haben seine Tagebucheinträge kommentiert, an seinem Schicksal Anteil genommen. Innerhalb kürzester Zeit hatte Henio fast 5000 Freunde bei Facebook. Doch der 22-jährige Piotr Brożek will vor allem den Verlust des kleinen Jungen erfahrbar machen. "Von Anfang an war klar, dass Henio eines Tages genauso schnell wieder verschwinden wird, wie er auf Facebook erschienen ist", erklärt er. "Und eigentlich ist diese Leere, die dann entstehen wird, das bedeutendste Vermächtnis Henios." Henios Leben ist für immer verloren. Auch seine Facebook-Gemeinde bekommt den Verlust eines Freundes zu spüren. Piotr Brozek hat Henios Profil wieder aus Facebook gelöscht - und das erscheint nur konsequent.

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