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Lupe
Die Werk des Malers Andreas Robbi waren lange Zeit verschollen.
Vergessen in der Dunkelheit
Der Schweizer Künstler Andreas Robbi
Andrea Robbi aus Sils Maria hätte einer der großen Schweizer Maler werden können, in einer Reihe mit Giovanni Giacometti und Ferdinand Hodler. Doch mitten in seiner Karriere verschloss er sich plötzlich der Welt und lebte fast 30 Jahre in der Dunkelheit.
"Dass er ein hervorragender Maler war, ist unbestritten", sagt der Galerist Stephan Witschi. "Man sieht das in den Bildern, wie er mit Licht und Farben arbeitet." Seine ehemalige Nachbarin Tosca Nett weiß zu berichten: "Alles war so düster an ihm. Er hat nicht gelacht, war immer so dunkel angezogen. Man hätte nie gedacht, dass er so schön malen kann." Andrea Robbis Bilder waren lange Zeit verschollen. Aus staubigen Dachböden und feuchten Kellern hat sie der Engadiner Künstler Giuliano Pedretti ans Tageslicht geholt. Seit Jahren forscht er auf Robbis Spuren und kümmert sich um sein Werk.

Ausschweifende Zeit in Paris
Lupe
Der Künstler Giuliano Pedretti forscht auf den Spuren von Andrea Robbi.
Ende des 19. Jahrhunderts verbringt Andrea Robbi einen großen Teil seiner Kindheit in Sils Maria. Der Vater ist Zuckerbäcker, ein tüchtiger Unternehmer. Andrea wächst in gutbürgerlichen Verhältnissen auf. Er ist ein begabtes Kind. "Er kam aus einer begüterten Familie und man hat ihm eine großartige Ausbildung zukommen lassen", sagt Pedretti. An den Akademien in München, Dresden und Mailand lernt er von den großen Meistern sein Handwerk. In Paris führt er ein ausschweifendes Leben. Der junge Mann aus Sils Maria ist ein Künstler, ein Bohemien.

"Er war ein junger toller Kerl, ein reicher Junge im Ausland", so Pedretti. "Er hat viele Feste gefeiert, war ein Lebemann - und auf einmal fällt er in diese Nacht." 1898 findet die Wende statt: Mit einem Schlag hört Robbi auf zu malen. Der Vater ist gestorben, er kehrt zurück in sein Dorf. Einige Jahre danach stirbt auch seine Mutter. Robbi versinkt und entsagt der Welt - gerade mal 34 Jahre alt. "Er wollte keine Leute mehr sehen, hat im geschlossenen Haus, mit geschlossenen Läden im Dunkeln vegetiert", so Pedretti. "Er ist im Haus herumgewandert, mit Kerzen, ist auf den Dachboden und wieder in den Keller und in seine Stube, hat so Wanderungen gemacht im Haus. Er ist nur noch in der Nacht nach draußen, hat ein paar Runden um sein Haus gemacht und ist dann wieder hinein, unheimlich."

Eigensinniger Sonderling
Lupe
Der Galerist Stephan Witschi
Während Andrea Robbi sich verschließt, verändert sich draußen die Welt. Sils Maria wird vom kleinen Bergdorf zum belebten Touristenort und der eigensinnige Sonderling gerät in Vergessenheit. Eine der wenigen, die sich heute noch an ihn erinnern, ist Tosca Nett. Als kleines Mädchen brachte sie ihm das Essen ins Haus. "Schon wenn man in den Flur kam, wo es so düster war, war ich immer froh, dass ich schnell das Essen abstellen und wieder fort konnte. Wir Kinder waren schon ein bisschen böse. Wir hatten die größte Freude, zu rufen: 'Signor Robbi, Signor Robbi'. Und dann ging er in den Heustall, nahm ein Holzscheit, warf es gegen die Wand und schrie."

Eine unglückliche Liebe, der Tod der Eltern, Zweifel an seiner Arbeit - was hat diesen Menschen in die Versenkung getrieben? Spärliche Gerüchte verschwimmen im Nebel der Vergangenheit. Doch dann plötzlich, nach 30 Jahren Tatenlosigkeit, nimmt Robbi den Pinsel ein letztes Mal in die Hand und malt ein letztes Bild - expressionistisch und wild. "Das ist die Sensation, dass er, nachdem sein ganzes Werk das des 19. Jahrhunderts ist, 1937 wieder anfängt zu malen - und er malt modern", so Pedretti. "Ich kann das nicht begreifen. Irgendwie hatte er doch Sensoren. Er hat durch die Wände gespürt, dass etwas passiert ist."

Seiner Zeit voraus
Heute hängen seine Bilder im Museum in Sils Maria, wo der Galerist Stephan Witschi Robbis Kunst in einen neuen Kontext setzt. "Wir versuchen Gegenwartskünstler mit Andrea Robbi zu kombinieren, so dass die Gegenwartskunst und die Kunst von Robbi in eine Sprache, in einen Dialog kommen", so der Galerist. Stephan Witschi arbeitet mit jungen Künstlern wie Andrea Muheim. Die Konfrontation mit ihrer Kunst zeigt, wie sehr Andrea Robbis Bilder ihrer Zeit voraus waren. "Er war für die Region und für den Kanton ein wichtiger Künstler", sagt Witschi. "Ob er darüber hinaus ein wichtiger Künstler ist, das entscheiden nicht wir."

Nur zehn Jahre seines Lebens hat Andrea Robbi gemalt - intensive, präzise Bilder. 1945 stirbt er verarmt, verwahrlost und allein in seinem Haus, ein alter Mann von 80 Jahren. Zeit seines Lebens bleibt er unentdeckt, verkauft kein einziges Bild. Warum er der Welt den Rücken kehrte? Die Antwort darauf bleibt sein Geheimnis.

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