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Zeitzeugen erinnern sich an die Massenmorde an Juden in der Ukraine.
"Überall liegen Knochen"
Der vergessene Holocaust in der Ukraine
1,5 Millionen Juden sind Schätzungen zufolge in der Ukraine zur Zeit der deutschen Besatzung ermordet worden - meist durch Massenhinrichtungen, doch über viele dieser Mordaktionen ist kaum etwas bekannt. Der französische Priester Patrick Desbois, und sein Team wollen aufklären. Sie suchen in der Ukraine nach den letzten Zeugen des Holocaust. In den letzten Jahren haben sie hunderte von Massengräbern entdeckt und über 800 Interviews mit Zeitzeugen geführt.
Seit 2002 bereist Patrick Desbois die Ukraine. 1,5 Millionen Juden wurden dort im Zweiten Weltkrieg ermordet. Und es gibt noch Zeitzeugen, die all das mit angesehen haben: die Erschießungen auf dem Marktplatz, im Wald und auf den Wiesen und Feldern. Meist wurden die Opfer gezwungen, sich auszuziehen. Dann hat man sie nacheinander erschossen. Die Dorfbewohner mussten helfen, die Leichen zu beseitigen. Überall sind Massengräber. Viele sprechen zum ersten Mal über die Greueltaten von damals. "Die Menschen sind, so erzählte mir eine Frau, zwischen den Erschießungen auf den Körpern gelaufen, um sie zusammen zu drücken", berichtet Desbois. "Dann haben sie Sand auf sie geschippt. Sie erzählte weiter, dass dann jüdische Mädchen aus ihrer Klasse gebracht wurden - alle nackt. Und auch über die musste sie laufen."

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Der Historiker Andrej Umansky
Der Historiker Andrej Umansky ist ein enger Mitarbeiter von Pfarrer Desbois. Mehrmals im Jahr besucht er die Zentrale Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg. "Als erstes suchen wir nach Ermittlungsverfahren, die Tatorte betreffen, wo wir unsere Forschungen betreiben möchten", sagt Umansky. "Oft ist es so, dass mich vor allem Vernehmungsaussagen interessieren, die Angaben zu bestimmten Erschießungen beinhalten." Umansky findet Aussagen von SS-Männern, dem Sicherheitsdienst, der Wehrmacht und auch von Überlebenden. Sie beschreiben, wie die deutschen Besatzungstruppen systematisch gegen jüdische Einwohner vorgingen, sie oft direkt vor Ort ermordeten.

Zurück an den Tatorten
"An einem Sonntagmorgen wurde das Judenviertel umkreist. 'Alle Juden heraus', schrie man in den Straßen herum", erzählt Umansky. "Es wurde angeordnet, dass alle Familien zusammengehen und sämtliche Dokumente vorweisen. Alte und Kranke wurden in den Betten erschossen. Es wurden große Mengen Alkohol ausgegeben. Unter dem Einfluss des Alkohols wurden die Juden teilweise mit Messern ermordet. Kinder wurden an den Füßen gepackt und an den Bäumen zerschmettert." Desbois und sein Team finden durch ihre Recherchen sogar die Tatorte. 67 Jahren später entdecken sie nicht nur Patronen. Direkt neben der Munition liegen Wodka-Etiketten. Die Mörder müssen zwischen den Exekutionen getrunken haben. Und immer wieder stoßen sie auf Schmuckstücke der Opfer. Alle Beweisstücke werden archiviert.

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Pfarrer Patrick Desbois
"Da hinten hat man sie vergraben", sagt ein Bewohner. "All die Knochen sind immer noch da. Und wenn man im Gemüsegarten gräbt, dann findet man manchmal ganze Menschen. Überall sind Skelette." Um die meisten Massengräber hat sich bisher niemand gekümmert. Es gab keine zentralen Vernichtungslager in der Ukraine. Überall wurden Juden zusammengetrieben, unzählige Dörfer und Städte haben ihre eigene mörderische Geschichte. "Im Osten sind die Opfer nicht verschwunden", so Desbois. "Es ist ein Holocaust mit Körpern. Man hat immer gedacht, so wie in Auschwitz, Belzec, Rabibort, Treblinka, gäbe es keine Körper mehr. Aber im Osten gibt es sie, die Juden, die Sinti und auch die geistig Behinderten. Sie liegen überall. Unter den Wäldern, in den Feldern, hinter der örtlichen Bank, unter dem Supermarkt."

Die Totenruhe schützen
Im Pariser Dokumentationszentrum von "Yahad-In-Unum", der von Pfarrer Desbois gegründeten Organisation kann man Hunderte von Interviews hören. Die meisten der Zeitzeugen waren Kinder und Jugendliche, als die Mörder zu ihnen kamen. Die furchtbaren Bilder haben sie ein Leben lang mit sich herum geschleppt. "Oft fragen uns Menschen, warum wir erst jetzt damit anfangen, die Menschen zu interviewen, denn es habe sich nie jemand für sie interessiert. Die wollten es in ihrer Familie nicht thematisieren, denn es war zu traumatisch für sie." Es waren ihre Nachbarn, die in den Tod gingen.

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Das Ziel: endlich Ruhe für die Toten.
Viele Jüdische Friedhöfe sind zugewuchert, die Massengräber verwittern ungeschützt. Das Team von Debois markiert sie mit GPS-Daten, denn immer wieder suchen Grabräuber nach Goldzähnen und Schmuck. Man muss die Gräber sichern, fordert Desbois. "Unser Ziel ist es nicht, Denkmäler zu bauen", sagt Debois. "Wir wollen die Totenruhe schützen. Sonst würde es bedeuten, dass man einfach 1,5 Millionen Juden und viele hunderttausend Sinti ermorden kann, ohne ihnen eine würdige Ruhestätte zu geben. Was sollen wir dann in Bosnien, in Ruanda und Darfur sagen, wenn wir hier in Europa diese Opfer nicht endlich beerdigen?"

"Uns bleibt nicht mehr viel Zeit", so Partick Desbois. Die Zeitzeugen sind alt. Und mit Ihnen stirbt die Erinnerung an ein furchtbares Verbrechen, ein Verbrechen, dass sich ohne die Erinnerung jederzeit wiederholen kann. Davon ist der Pfarrer aus Frankreich überzeugt.

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