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© ap Lupe
Kriegsspielzeug: therapeutisch hilfreich oder Gewalt verherrlichend?
Die Rückkehr des Kriegsspielzeugs
Minipanzer und Soldaten erobern Kinderzimmer
Ein neuer Rüstungswettlauf hat begonnen - und kaum einer hat etwas gemerkt. Kampfhubschrauber, Panzer und Panzerspähwagen halten Einzug in deutsche Kinderzimmer. Altersempfehlung: ab drei Jahren.
Der Umsatz an Kriegsspielzeug steigt rasant - sehr zum Ärger friedensbewegter Eltern. Auch die Eltern des kleinen Finn reagierten mit Abwehr und fühlten sich von seinem Sohn unter Druck gesetzt. "Es war so, dass es mit fünf, sechs losging, dass er gerne Waffen haben wollte, Pistolen, Schwerter", erklärt Frau Schult, Mutter von Finn. "Er hat das woanders gesehen und war ganz begeistert davon." Und dann wollte er auch "unbedingt Soldaten und Panzer".

In der Erziehung etwas falsch gemacht?
Familie Schult fürchtete in erster Linie das Urteil der Bekannten und Nachbarn und die Angst, in der Erziehung etwas falsch gemacht zu haben. Genau hier setzt auch der evangelische Pfarrer Thomas Hartmann mit seinem Plädoyer gegen das Gewalttabu an. In der reinen Tabuisierung von Gewalt durch die Gesellschaft sieht er eine gewisse Verlogenheit. "Das Problem ist", so Thomas Hartmann, "dass wir so eine Art Bullerbü-Blick auf die Kinder haben. Wir stellen sie uns als rein und unschuldig vor, da haben aggressive Tendenzen eigentlich keinen Platz. Und wenn wir solche Bilder, die wir in uns haben, auf die Kinder übertragen, dann führt das oft dazu, dass wir das verbieten wollen, dass wir das Thema tabuisieren und den Kindern dadurch nicht gerecht werden."

Familie Schult hat sich entschieden, Kriegsspielzeug nicht länger zu tabuisieren, gleichzeitig Finn aber mit den Waffen nicht alleine zu lassen. Jungs lieben dieses Spiel - und nutzen es als Ventilfunktion. Sie können Aggressionen und Wut auf unschädliche Weise abreagieren. Und Erwachsene könnten das als Chance zum Dialog begreifen. "Was bedeutet das, wenn man mit Gewehren, mit Panzern aufeinander schießt?", fragt Thomas Hartmann. "Wie geht man im realen Leben in Konfliktsituationen miteinander um? Da ist Gewalt sicherlich nicht das adäquate Mittel, dass kann man durchaus den Kindern vermitteln, ohne ihnen die Lust und die Freude am Spiel zu nehmen."

Kinder müssen Gewalteindrücke verarbeiten können
Bildern von Krieg und Gewalt können sich Kinder in unserem gesellschaftlichen Alltag nicht entziehen. Sie bleiben meistens unverarbeitet und machen Angst. Aber Kinder brauchen Wege, die schrecklichen Bilder zu bewältigen. "Eine Lehrerin kam sehr aufgebracht zu mir", erinnert sich der Kinder- und Jugendpsychotherapeut Michael Sostmann. "Sie hatte bei einem zwölfjährigen Schüler ein Bild entdeckt, wo dieser Gewaltszenen dargestellt hatte. Da wurden Menschen gefoltert, gequält und auch umgebracht. Sie fragte mich, wie ich damit umzugehen hätte. Und ich habe mit dem Jungen zu klären versucht, wie es zu diesen Bildern gekommen ist. Er hatte einen Film gesehen und versucht, seine Eindrücke in dieser Form zu verarbeiten."

In der weiblichen Übermacht, die Jungs in ihrer Sozialisation oft erleben, sehen Experten eine Ursache für die Rückkehr des Kriegsspielzeugs. Männliche Erzieher und Grundschullehrer sind immer noch eine Seltenheit. Der Vater ist tagsüber meist abwesend. "Umso wichtiger ist es, dass sie mit ihren Vätern auch toben können, dass sie aus ihrer eigenen Erfahrung, die sie aus ihrer Kindheit haben auch bereit sind, sich auf wilde Spiele mit den Kindern einzulassen", so der Pfarrer Thomas Hartmann. "Sei es mit den Wasserspritzpistolen oder den Alienwaffen oder was auch immer, dass sie mit ihnen toben und ihnen auch zeigen, das ist okay, dass man solche Gefühle hat."

"Irgendwann greift jedes Kind zum Kriegsspielzeug"
Viele Frauen haben oft schon mit dem natürlichen Bedürfnis nach Raufereien ein Problem. Die fatale Botschaft an das Kind lautet: Mit dir stimmt etwas nicht. Das positive Potential von Kriegsspielzeug hat auch Michael Sostmann für die Therapie von Kindern und Jugendlichen entdeckt. "Irgendwann im Laufe einer Spieltherapie greift eigentlich jedes Kind, besonders die Jungen, auch in dem Bemühen, eine innere Konfliktdynamik darzustellen oder eine äußere schwierige emotionale Situation, zum Kriegsspielzeug", sagt der Kinder- und Jugendpsychotherapeut Michael Sostmann. "Das geht um die Darstellung innerer aggressiver Energien, es geht um Fragen der Grenzziehung, Nähe - Distanz, eines Erlebens von Macht und Ohnmacht, in der Hoffnung, dass dieses in der therapeutischen Arbeit wahrgenommen und gefördert, beziehungsweise auch als legitim angesehen wird."

Aber woran sollen Eltern erkennen, ob der Umgang mit Kriegsspielzeug noch spielerisch oder schon destruktiv ist? "Einerseits ist sehr wichtig, dass Kinder die Möglichkeit haben, sich in Streitigkeiten zu behaupten, auch mal mit Schubsen oder mit lautem Schreien", so Pfarrer Thomas Hartmann. "In bestimmten Entwicklungsphasen gehört das einfach dazu, dass man aber als Erwachsener auch sieht, wo die Grenze ist, wenn jemand unterlegen ist, jemand verletzt wird, das gehört nicht zur Konfliktlösung, wie wir sie uns wünschen. Da ist es dann Zeit einzugreifen und darüber das Gespräch zu suchen."

"Rollenverhalten differenzierter ausprobieren"
Der Siegeszug der virtuellen Killerspiele hat dazu geführt, dass das Kriegsspielzeug aus Plastik und Blech neu und inzwischen durchaus positiv bewertet wird, da es der Fantasie der Kinder Freiräume lässt, Alltagserlebnisse nachzustellen und verträgliche Lösungen zu finden. Für den Kinder- und Jugendpsychotherapeuten Michael Sostmann haben Killerspiele und Ego-Shooter, "besonders wenn sie auch die Handlungsstränge betrachten, nie Komponenten von Versöhnlichkeit, von Dialog und der Konfliktbewältigung jenseits des Entweder-Oder des Siegers und des Unterlegenen. Mit Kriegsspielzeug kann man sicherlich Rollenverhalten differenzierter ausprobieren. Das hat daher auch ein größeres Konfliktlösungspotential."

Als kleiner Krieger hat Finn gelernt, im Umgang mit Aggressionen spielerisch das richtige Maß zu finden, bei Konflikten mit Eltern oder Freunden. Frau Schult, die Mutter von Finn, erklärt: "Ich habe ein gutes Bauchgefühl dabei, ich mach' mir bei ihm keine Sorgen, dass er dadurch zum Amokläufer werden würde. Im Gegenteil, ich finde, da darf einfach etwas raus, was bei anderen eher gedeckelt wird." Weil seine Eltern Gelassenheit gelernt haben, spielt Finn seltener mit seinen Panzern. Der Reiz des Tabus ist gebrochen. Gewalt wird nicht mehr ausgeklammert und hat gerade deshalb nicht mehr den Stellenwert, den sie einmal hatte. Jetzt kann wieder die Normalität einkehren.

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