Montag bis Freitag 19.20 Uhr
Kalender
Juni 2017
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
29
30
31
0102
03
04
0506070809
10
11
1213141516
17
18
1920212223
24
25
2627282930
01
02
Moderation
SENDUNG
Themen am 27.06.2017Navigationselement
Navigationselement
Lupe
Demonstration nicht gegen einen Stasi-Bürgermeister, sondern für ihn
Der Stasi-Bürgermeister
Ein ehemaliger Spitzel sorgt für Unmut
Der Offizier Heinze war der letzte "Kommandeur der Truppen des Grenzkreiskommandos Grevesmühle Gadebusch", die in Schönberg, rund 15 Kilometer von der Grenze entfernt, stationiert waren. Heinze war der mächtigste Mann im 4400-Einwohner-Städtchen - und wurde es einige Jahre nach der Wende wieder, als man ihn zum Bürgermeister wählte. Im Juni 2009 wurde Heinze abgesetzt. Angeblich hatte er widersprüchliche Angaben zu seiner Arbeit für die Stasi gemacht.
Eine Stadt ist in Aufruhr: Im mecklenburgischen Schönberg demonstrieren aufgebrachte Einwohner gegen die Absetzung ihres Bürgermeisters Michael Heinze von der Linkspartei. Gerade haben sie ihn mit 72 Prozent wieder gewählt. Doch das alte und neue Stadtoberhaupt hat einen Makel: Er hat als Inoffizieller Mitarbeiter mit dem Decknamen "Richard" für die Staatssicherheit gearbeitet. Außerdem war er Kommandeur bei den Grenztruppen. Mit seiner Vergangenheit hat er kein Problem. Unverhohlen zeigt er die Nachweise seiner Spitzeltätigkeit in die Kamera.

Dass er IM war, verschwieg Heinze vor der Wahl
Lupe
Michael Heinze
"Eine ist die Decknamenkartei", erklärt Heinze. "Dann gibt es die Klarnamenkartei: Heinze hieß Richard. Es gibt noch eine Kartei, die bestimmte Aktivitäten verzeichnet, die Übergabe von da nach dort nachweisen. Und dann ist hier eine Berichtskartei, wo vermerkt ist, dass Unterlagen vernichtet worden sind." Die meisten Schönberger Stadtvertreter fühlen sich durch Michael Heinze getäuscht. Denn dass er ein Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi war, hatte er bislang verschwiegen. Mit der Mehrheit der Stimmen wird Heinze abgewählt.Die anwesenden Einwohner sind empört. Sie wollen ihren stasi-belasteten Bürgermeister behalten. "Die Schönberger haben Herrn Heinze gewählt", hört man aus dem Publikum, "und nicht die Stadtvertreter. Feiglinge! Diesen Skandal machen wir nicht länger mit."

"Das ist nicht die Demokratie von der Straße", sagt Dennis Klüver, Stadtvertreter von Schönberg, "wo eine zufällige Mehrheit sagt: 'So wird es jetzt gemacht.' Sondern, dass es anders funktioniert in einer Demokratie. Und das andere ist, im Gegensatz zu dieser sozialistischen Gesetzlichkeit, dass wir in einem Rechtsstaat leben, von dem ich zumindest überzeugt bin." Man könne da bestimmte Regeln nicht einfach außer Acht lassen. Dennis Klüver ist Abgeordneter der CDU und Leiter des Schönberger Heimatmuseums. Vor einigen Jahren kam er mit seiner Familie aus dem Westen. Weil er sich gegen den Stasi-Bürgermeister Heinze engagiert, wird er massiv angefeindet.

Kritischer CDU-Abgeordneter wird beschimpft
Lupe
Dennis Klüver
"Mein Altpapier wird durchsucht, Schriftstücke werden an die Wände gepinnt", berichtet Klüver. "Beleidigungen sind fast wöchentlich passiert. Meine Frau meint, dass aus ihrem Rad am Auto die Luft herausgelassen wurde. Ich selbst wurde auch körperlich einmal angegriffen - Gott sei dank ohne großen Schaden, aber in Zusammenhang mit meinem Verhalten in der Stadt und der Stadtpolitik." Dennis Klüver hat die anonymen Denunziationen gesammelt, die gegen ihn und andere Gegner des Stasi-Bürgermeisters verbreitet werden. Der Kampf um die Deutung der Vergangenheit wird in Schönberg mit allen Mitteln geführt. Die Anmaßungen der Wessis will man sich nicht länger gefallen lassen.

Astrid Welke, Leiterin der Kunstschule Schönberg fühlt sich persönlich angesprochen, "dass ich die Vergangenheit bitteschön so zu bewältigen habe, wie einige Leute das denken", sagt sie. "Und diese Leute sind noch nicht einmal hier aufgewachsen. Ich finde auch, jeder, egal ob er hüben und drüben gelebt hat, sollte sich fragen, was er unter gewissen gesellschaftlichen Umständen selbst getan hätte."Die Künstlerin Astrid Welke gehört wie der pensionierte Chefarzt Hans-Peter Aurich von der Linkspartei und der Ingenieur Hanno Tilse von der CDU zu einem Unterstützerkreis für den abgesetzten Bürgermeister Heinze. Sie finden, seine gute Arbeit zähle mehr als jede Vergangenheitsbewältigung.

Heinze arbeitete als Grenz-Kommandeur
Lupe
Marita Pagels-Heineking
"Es geht nicht, dass wir uns zerfleischen", sagt Aurich. "´Wenn wir da nicht Schluss machen, dann geht das noch 20 Jahre lang." Astrid Welke mahnt: "Wenn man sich einfach in die Lage eines anderen Menschen hinein versetzt und überlegt, was hätte ich denn gemacht, wenn ich meinen Beruf geliebt hätte so wie Herr Heinze? Der war gerne Soldat, ja. Aber das ist doch nichts Schlimmes, seinen Beruf gerne auszuüben."

Michael Heinzes Beruf als Kommandeur war es, das mörderische Grenzregime der DDR umzusetzen. Im Bereich Schönberg war er für die Durchsetzung des Schießbefehls zuständig. Hunderte Menschen sind an der innerdeutschen Grenze gestorben, wurden auf der Flucht erschossen oder sind durch Minen zerfetzt worden. Ihm habe der Dienst viel Spaß gemacht, äußerte sich Heinze einmal. Reue scheint er auch heute, 20 Jahre später, nicht zu empfinden. "Wir waren 18 Millionen DDR-Bürger", sagt der Bürgermeister. "Und nur die Allerwenigsten waren Widerstandskämpfer. Man hat sich, ich sage es so drastisch, eingerichtet und an diesem System mitgearbeitet."

Keine ehemaligen IMs in leitende Funktionen lassen
Marita Pagels-Heineking ist die Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in Mecklenburg-Vorpommern. Sie ist überzeugt: "Auch nach 20 Jahren ist die Zeit überhaupt noch nicht reif dafür, dass Menschen, die auch Verantwortung in der DDR getragen haben, sich in leitenden Positionen wieder etablieren sollten. Ich habe in vielen, vielen Gesprächen, die ich auch mit Betroffenen politischer Verfolgung führe, genau das als Motiv: Wir können überhaupt nicht verstehen, dass sich in leitenden Funktionen, in öffentlichen Ämtern beziehungsweise in politischen Funktionen wieder die Menschen etablieren, die mit dem Unrechtsstaat verwoben waren."

Das Innenministerium in Schwerin soll jetzt klären, wie weiter zu verfahren ist. Aber warum hat Michael Heinze überhaupt so viel Zustimmung in der Bevölkerung bekommen? Zählen Stasi-Vergangenheit und Schießbefehl nichts mehr, dafür aber Effizienz und Arbeitsleistung mehr als Humanität? In Schönberg scheinen die DDR-Diktatur und ihre Helfer 20 Jahre nach dem Mauerfall ihren Schrecken verloren zu haben. Und wie ist es anderswo?

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buchtipp
Karen Meyer-Rebentisch (Hrsg.)
"Grenzerfahrungen"
Thomas Helms 2009
ISBN 978-3-940207-17-3
mehr zum Thema