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CLIP: Nina Mavis Brunner
Themen am 20.11.2017Navigationselement
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Das Phono Pop Festival in Rüsselsheim
Gebührenmonster Gema
Kleinveranstalter wehren sich
Kulturschützer wird zum Kulturvernichter - so lautet der Vorwurf an die Gema. Bis zum 17. Juli 2009 läuft eine Petition gegen die etablierte Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte - mehr als 100.000 Menschen haben bereits unterschrieben. Konzertveranstalter, vor allem die kleineren, verteufeln sie aber jetzt als "Gebührenmonster" mit Monopolstellung.
Es ist Festivalsommer, auch im hessischen Rüsselsheim. Wenn es regnet, droht die Pleite. In diesem Jahr haben sie Glück. Ausverkauftes Haus heißt hier: 600 Zuschauer. Jedes Bier fließt in die Musik, ans Geschäft denkt keiner. 80 ehrenamtliche Helfer sind mit dabei - und ein Gebührenmonster: die Gema. "Es kommt einem schon manchmal komisch vor", sagt Florian Haupt, der Veranstalter des Phono Pop Festivals. "Man hat das Gefühl von einer Art legaler Schutzgelderpressung."

Wo bleibt das Geld?
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Sänger Frank Spilker
Jetzt proben die Kleinveranstalter den Aufstand gegen die "Diktatur" der Gema. Noch bevor der erste Ton gespielt war, kam die Rechnung."Urheberschutz", sagt der Musikrechteverwerter. "Abzocke", sagt der Veranstalter. Die Gebühren, so der Vorwurf, versickerten im Verwaltungsapparat. "Wenn bei den Leuten, die bei uns spielen, nichts ankommt, was passiert dann mit dem Geld?", so Florian Haupt. Und Frank Spilker, Sänger der Band Die Sterne sagt: "Ich glaube, was gerade in den höheren Etagen der Gema fehlt, aber auch im Musikgeschäft allgemein, ist ein Bewusstsein dafür, dass es nicht nur das Musikgeschäft gibt, sondern auch einen ganz großen Bereich freier Kunst innerhalb der Musik, wo es nicht darum geht, Geld zu verdienen, sondern Ideen zu verbreiten."

Die Idee des Jahres kommt aus Sonthofen im Allgäu: In ihrer beschaulichen Kulturwerkstatt hat Monika Bestle den Frust der Kreativen gesammelt und eine Petition an den Bundestag gerichtet. Ziel ist die Überprüfung der Verfassungsmäßigkeit der Gema. Mehr als 100.000 haben schon unterschrieben - Veranstalter, aber auch Musiker, Autoren und Gema-Mitglieder. Die Existenz der Kultur stehe auf dem Spiel, und Schuld an allem soll die Gema sein, sagen sie. Die hat angekündigt, ihre Gebühren zu erhöhen, und steht seitdem unter heftigem Beschuss. Horrorzahlen von bis zu 600 Prozent kursieren. Die Wut der Unterzeichner ist grenzenlos.

Die Gema hält dagegen
Die Gema dementiert heftig. Die Erhöhung betreffe nur Großkonzertveranstalter. "Die Veranstalter machen es sich da sehr leicht, weil sie das auf die Gema schieben", sagt Gema-Sprecherin Bettina Müller. "Im Kleinkunstbereich haben wir die Tarife nicht erhöht. Es gibt keinen Grund für die Veranstalter, zu sagen: 'Das wird zu teuer'. Das ist völliger Quatsch." Monika Bestle hält dagegen, dass Kleinveranstalter zehn Prozent bezahlen. "Bei den Großveranstaltern soll jetzt sukzessive erhöht werden bis auf circa acht bis neun Prozent." Alles Zahlenspiele, widerspricht die Gema. Die Großen, so scheint es, haben schon immer besser verhandelt.

"Wenn die Kleinveranstalter der Meinung sind, dass ihre Verbandsmitglieder die Tarife nicht richtig aushandeln, dann müssen sie sich an ihre Verbände wenden", so die Gema-Sprecherin. Nur, die gibt es nicht wirklich. Kleinkunst ist Einzelkampf. Die Künstler können ein Lied davon singen. Michael Well hat mit seiner Band Biermösl Blosn schon vor Jahren gegen die Gema prozessiert. Sein Vorwurf: Ungerechtigkeit und mangelnde Transparenz. "Der Unmut ist nicht bloß bei den Veranstaltern, sondern ganz lange schon bei den Künstlern selbst", so Well. "Sie sehen sich einem riesigen Regelwerk gegenüber, das vollkommen undurchsichtig ist. Da bräuchte man eigentlich einen auf Urheber- und Patentrecht spezialisierten Rechtsanwalt."

Die Fronten sind verhärtet
Am Ende, sagt Well, landet alles irgendwie bei den Großen. Der nächste Vorwurf, den die Gema nicht auf sich sitzen lassen will: "Die Mitglieder, die wirklich wirtschaftlich Erfolg haben, finanzieren die außerordentlichen und angeschlossenen Mitglieder durch ihre Beiträge mit. Es ist eine Verteilung von oben nach unten, nicht umgekehrt." Eine Behauptung, die für Monika Bestle zynisch ist. "Die Verteilung ist genau umgekehrt: Von unten nach oben", sagt sie. Die Fronten sind verhärtet. Kleinveranstalter drohen, nur noch Gema-freie Musiker auftreten zu lassen.

Verlierer könnten Künstler wie das Gema-Mitglied Nepo Fitz sein. Er ist Stargast in Monika Bestles Kulturwerkstatt. Wie 100.000 andere unterstützt er die Petition. Es geht dabei nicht um die Abschaffung der Gema, sondern um eine grundlegende Reform. Schließlich geht es doch allen um die Kunst. "Bei uns sagt man immer: Man sollte die Kuh, die man melken will, nicht schlachten", sagt Monika Bestle. Für Frank Spilker ist das alles ein bisschen zu viel Kulturfatalismus: "Ich finde das alles zu drastisch, was da formuliert wird. Es gibt sicherlich Reformbedarf. Aber dass die Gema jetzt an allem Schuld ist, was im Kulturbetrieb nicht funktioniert, das glaube ich nicht."

Vielleicht steht man sich näher als man denkt. Die Gema verspricht bereits Besserung. Schneller, gerechter, transparenter will sie werden. Aus Kleinkünstlern Großverdiener zu machen, das wird ihr auch dann nicht gelingen.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,um 19.20 Uhr
Extra
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