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Themen am 17.11.2017Navigationselement
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© dpa Lupe
Informationen über Iran gibt es oft nur noch über "Youtube"
Die mediale Revolution
Der Wandel der Berichtererstattung
Ungewohnte Bilder sind in den letzten Tagen und Wochen in den Hauptnachrichten der Öffentlich-Rechtlichen aus Iran zu sehen - verwackelte Handyaufnahmen von Demonstrationen. Quelle: "YouTube". Die Bilder der Korrespondenten aus Iran kurz nach den Wahlen dagegen waren dürftig oder blieben ganz aus. Wie verändert sich der Informationsfluss in Zeiten von "YouTube"?
"An das iranische Volk und die Zuschauer in aller Welt. Große Neuigkeiten: Ich bin jetzt bei Twitter", kann man auf Englisch bei "YouTube" von Ahmadinedschad hören - gefälscht. Im Netz ist alles möglich. Subversiv war das Internet schon immer, doch plötzlich entfaltet es eine revolutionäre Kraft. Handys gegen Waffen, Microblogging gegen die Zensur - und die Welt schaut zu. Freier Zugang zu Informationen aus einem unfreien Land, das ist eine mediale Revolution.

Kann man den Bildern trauen?
Lupe
Journalist Thomas Leif
Doch kann man den Bildern trauen? Eine Informationsflut ohne Quellen - die Begeisterung für den Bürgerjournalismus teilt nicht jeder. Der Journalist Thomas Leif, Leiter von "Netzwerk Recherche", sagt: "Wir stochern im Nebel, und in diesem Nebelgeschwader kommen irgendwelche Handyfilmer und sagen: 'Wir sind die großen Journalisten'. Das halte ich etwas für wohlfeil."

Beim Grimme-Online-Award trifft sich die Netz-Elite. Hier werden Preise für Qualitätsjournalismus im Internet vergeben. Die Branche wittert einen Paradigmenwechsel. "Der ganze journalistische, redaktionelle Prozess, der normalerweise in einer Redaktion hinter verschlossenen Wänden stattfindet, findet auf einmal öffentlich im Web statt", erklärt Mario Sixtus, Autor von "Der elektrische Reporter". Und der Blogger und Journalist Sascha Lobo weiß: "Jetzt sehen wir, dass die ganzen Feuilleton-Artikelisten, die noch vor acht Wochen geschrieben haben, was für ein grauenhaft oberflächlicher Quatsch 'Twitter' ist, das vollkommen revidieren müssen."

Der Anfang vom Ende des traditionellen Journalismus?
Uwe Kammann, Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts, fordert: "Die Journalisten, die das bisher immer als ihre Domäne betrachtet haben, sollten da nicht hochmütig sein, sondern einfach sagen: 'Ich habe eine Hilfe.'" Ist das der Anfang vom Ende des traditionellen Journalismus? "Ganz ehrlich?", antwortet die Schriftstellerin Hatice Akgün. "Ich hoffe nein, aber ich befürchte, ja." Das Ende einer Ära?

Nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt das Fernsehen, sich zu vernetzen. Erstmals ist man weltweit Augen- und Ohrenzeuge. Das Fernsehen gibt sich als Wegbereiter der Demokratie, der Auslandskorrespondent als Aufklärer, wie Peter von Zahn beispielsweise. 1954 berichtet er aus den USA: "Die Südstaaten haben klargemacht, dass sie Kinder schwarzer Hautfarbe nicht zulassen werden." Und Gerd Ruge beschreibt das Attentat auf Martin Luther King 1968 aus Memphis: "Dann fiel ein Schuss von drüben aus einem alten, halb verfallenen Gebäude. Sie werden verstehen, dass ich das nicht sehr geschliffen schildern kann, es ist alles noch wie ein Albtraum." Es ist ein Versprechen: Der Korrespondent bürgt mit seinem Gesicht - kompetent, kritisch, authentisch.

Die Macht des freien Bildes
Vietnam wird zum Wendepunkt in der Geschichte des kritischen Journalismus. Die politische Propaganda ist chancenlos gegen die Macht des freien Bildes. Es gibt kein Gut und Böse, nur Elend und Grauen. Der Krieg ist entlarvt. Es ist die Zeit vor der Digitalisierung. Man glaubt noch, was man sieht. "Für eine kurze Sekunde waren die Bilder authentisch", erklärt Medienwissenschaftler Gundolf S. Freyermuth. "Das ist seit der Digitalisierung vorbei. Das ist im Standbild vorbei und im Bewegtbild noch mehr." Bilder lügen. Eine Rauchwolke über Beirut beispielsweise hat der Fotograf etwas dramatisiert. Das Bild geht um die Welt - die Fälschung fliegt auf.

Die "Operation Wüstensturm" wird zum fast bilderlosen Krieg. CNN liefert währned des Irak-Krieges exklusiv, was das US-Militär wünscht. Das ist nicht viel. Eine Demokratie übt Zensur. Der unabhängige Journalist ist seitdem in Gefahr. China, Birma, Iran: Autoritäre Regime bauen Informationsmauern gegen die Demokratie. Im "heute journal" des ZDF vom 13. Juni 2009 bittet der Moderator den Korrespondenten Halim Hosny in Teheran: "Halim, erzählen Sie uns, wie sich die iranischen Sicherheitskräfte auch in Ihre Arbeit eingemischt haben." Hosny berichtet: "Die Arbeitsbedingungen hier sind sehr eingeschränkt, sehr schwierig. Heute morgen beispielsweise wollten wir vor dem Hauptquartier des Herausforderers Mussawi drehen. Wir sind dabei behindert worden, trotz einer Drehgenehmigung."

Augenzeugen übernehmen die Arbeit der Journalisten
Was bleibt, sind Handyaufnahmen. Augenzeugen übernehmen die Arbeit der Journalisten. Bilder ohne Gewähr. Die Suche nach der Wahrheit scheint unmöglich zu werden."Ich möchte von Korrespondenten, die in den Ländern leben, die jahrzehntelange Erfahrung haben, eine Einordnung aufgrund ihrer Qualifikation und Ausbildung", sagt Thomas Leif. "Ich möchte keine subjektiven Tagebucheinträge, die heute so sind und morgen so, die eventuell falsch sind. Auf die kann ich mich nicht verlassen."

Wer deutet die Bilder? Sie sind angreifbar wie nie, Manipulationen allgegenwärtig. Regierungstreue erklären Neda, die Märtyrerin der Wahlprosteste 2009 im "YouTube"- Video aus Teheran, zur Fälschung. Das sei nur eine Plastikpuppe, sagen sie. Die Hoffnung liegt auf der Weisheit der Masse als neues Korrektiv. Wahrheit durch Mediendemokratie. Für jede Fälschung finden sich zwei, die sie enttarnen. "Wenn viele einzelne manipulieren, gleicht sich das sozusagen aus", sagt Medienwissenschaftler Freyermuth. "Wir haben eine Vielzahl von Bildern. Wir haben nicht nur das Staatsfernsehen, die einzige Quelle der Neuigkeiten, sondern wir haben zehntausende, hunderttausende von Menschen, die Aufnahmen machen und bei Ereignissen dabei sind. Es tariert sich aus. Da schält sich im Dialog, in der Kommunikation der Menschen untereinander allmählich die historische Wahrheit heraus."

Es gibt viele Wahrheiten. Eine davon ist, das die Bilder aus Iran weniger werden. Das Regime hat den Kampf um die Bilder angenommen, in Zukunft werden die Mächtigen besser vorbereitet sein. Die mediale Revolution aber scheint nicht aufzuhalten zu sein. Der Bürgerjournalismus ist nicht Zukunft, sondern Gegenwart.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr
Sendung zum Thema
"Das Dilemma der 4. Gewalt"
3sat extra zur aktuellenBerichterstattung über den Iran
Dienstag, 30.06.2009,
um 22.25 Uhr
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