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André Gorz beging 2007 gemeinsam mit seiner Frau Selbstmord
Die Umsonst-Ökonomie
André Gorz und der Kollaps des Marktes
André Gorz, Sozialphilosoph und Marxist, glaubte fest an die Befreiung des Menschen von seinem schlimmsten Erzfeind, dem Kapitalismus. Der Zeitpunkt sei nahe, meinte der linke Vordenker vor seinem Freitod 2007, an dem sich das Kapital selbst zugrunde richte. Arbeitslosigkeit und Preisverfall seien deutliche Vorzeichen. Jetzt ist posthum sein letztes Buch erschienen, "Auswege aus dem Kapitalismus: Beiträge zur politischen Ökologie", dessen Texte er kurz vor seinem Tod zusammenstellte.
Im Kapitalismus muss der Konsum ständig wachsen. Anders können wirtschaftliche Gewinne immer weniger realisiert werden. Immer neue Wachstumsfelder müssen gefunden werden. Deshalb wird die Warenwelt bis ins Absurde aufgeblasen. Kurz vor seinem Tod 2007 verkündete der Sozialphilosoph André Gorz ganz nach Karl Marx, dass die Sebstverwertung des Kapitals an eine innere Grenze stößt. Im globalen Konkurrenzkampf fallen die Werte ins Bodenlose. Am Ende kollabiert das kapitalistische System, so prognostizierte Gorz es 2004.

"Der Wert von Waren sinkt, objektiv", sagte André Gorz 2004. "Und die Frage ist, wie kann man bei sinkenden Kosten und sinkendem Wert der Waren, dennoch hohe Profite einschleusen." Bis heute sorgen Werbe- und Marketingexperten dafür, dass die Nachfrage mittels psychologischer Techniken wächst. Das Bewusstsein der Konsumenten wird so bearbeitet, dass ständig neue Bedürfnisse und Wünsche geweckt werden. Billig hergestellte Waren werden durch den Stempel der Marken bis zum Fünfzigfachen künstlich aufgewertet. Immer neue Moden suggerieren ein Veralten von Produkten.

Der Wert der Arbeit sinkt
Alle Mittel werden aufgeboten, um den Konsumenten zu verführen. Man hämmert ihm ein: Das, was Du da kaufst, ist eine individuell nur für Dich allein hergestellte, ganz private Dienstleistung. "Dann verkauft man zum Beispiel ein Auto nicht wegen seiner Leistungen oder seinem Gebrauchswert, sondern wegen der Schönheit seiner Scheinwerfer oder seines Hinterns", erklärt Gorz 2004. Immer effektivere Automaten produzieren immer größere Warenmengen und brauchen dazu immer weniger Arbeiter. Der Wert der Arbeit sinkt, Löhne und Gehälter schrumpfen. Damit die Konsumenten die Produkte noch kaufen können, müssen sie immer billiger werden.

"Wohin wir gehen, ist eine Umsonst-Ökonomie", so der Sozialphilosoph. "Das heißt nicht, dass wir sie erreichen werden. Denn die Kapitalbesitzer sind auch nicht verrückt. Eines Tages, wenn nicht alles zusammenbricht, was eine Möglichkeit wäre, werden sie sagen: 'Die Waren müssen ihre Käufer kaufen'. Dass sich der Kapitalismus seine Kunden, seine Käufer kaufen muss, indem es Zahlungsmittel umsonst verteilt."

Die Suche nach Geldvermehrung führt ins Leere
Was André Gorz 2004 prognostiziert hat, ist 2009 mit der so genannten Abwrackprämie Wirklichkeit geworden. Immer öfter werden Steuergelder an die Konsumenten verteilt, damit sie neue Waren kaufen und alte wegwerfen. Gorz jahrzehntelange Beschäftigung mit der inneren Logik des Kapitalismus bringt ihn schließlich zu der Erkenntnis, dass die verzweifelte Suche nach Geldvermehrung zwangsläufig ins Leere führt. Welche Investitionen lohnen sich noch? Wenn der zirkulierende Geldwert sich nicht mehr vergrößert, tritt Stillstand ein. Das kapitalistische System zerstört sich selbst. Der Zusammenbruch ist unausweichlich.

In seinem letzten Buch bekräftigt André Gorz noch einmal, was er schon als junger Mann in seinem Buch "Der Verräter" dargestellt hat: Die völlige Entfremdung des Menschen. Damals glaubte er, in der radikalen Analyse seines eigenen falschen, angepassten Ich einen Ausweg zu finden. Schließlich zog er sich ganz aufs Land zurück, auf der Suche nach einer alternativen, freieren Lebenswelt. Auch sein Buch "Wege ins Paradies" schrieb er hier und erfand ständig neue Konzepte, wie der uralte Menschheitstraum zu verwirklichen sei, ein würdiges Leben ohne Fronarbeit zu führen.

Diktatur über die Bedürfnisse der Menschen
In "Auswege aus dem Kapitalismus" fasste er ein letztes Mal seine Ideen zusammen. Wie könnten die zivilen Auswege aus dem kapitalistischen Zwangssystem aussehen? Seine Thesen waren: Die Ressourcen werden knapper, der ökonomische Schrumpfungsprozess wird unausweichlich. Doch in der Krise scheint es, als wachen die Menschen aus dem Konsumrausch auf und erkennen, dass weniger konsumieren, besser leben heißt. Die Diktatur über die Bedürfnisse verliert an Kraft, wenn der Mensch erfährt, dass er mit weniger mehr schaffen kann, dass er im genügsamen Überfluss bei weitaus weniger Arbeit viel besser, angstfreier und freundschaftlicher mit anderen zusammenlebt.

Geld fungiert wieder als einfaches Tauschmittel, das sich auf den regionalen Tauschkreislauf beschränkt. Die Angst vor Zins und Tilgung hat ein Ende. Gorz setzte seine ganze Hoffnung auf die heraufziehende Wissensgesellschaft, auf die Lebensphilosophie der freien Softwareproduzenten, für die Information einen gemeinschaftlichen, unentgeltlichen, unverwüstlichen Wert besitzt. Der Tauschwert von Linux beispielsweise sei gleich Null und für jedermann frei nutzbar. Die neue Wissensgesellschaft besitze die Grundzüge eines Protokommunismus. Der Mensch ist kein Erfüllungsgehilfe der kapitalistischen Megamaschine mehr.

Der Traum vom lohnfreien Leben in Würde
Mit der freien Software werde die Selbstproduktion in eigenen digitalen Fabriken möglich. Jeder Gebrauchsgegenstand lasse sich herstellen. Das dazugehörige Programm könne man sich einfach aus dem Netz holen oder sein eigenes Allen zur Verfügung stellen. Sein ganzes Leben lang hat Gorz darüber nachgedacht, wie der Mensch sich von qualvoller entfremdeter Lohnarbeit befreien und sein Leben in Würde gestalten kann. Er selbst hatte mit seiner eigenen bescheidenen Lebensführung vorgeführt, dass ein Leben jenseits von Konsum und Warenflut möglich ist. Seine ausgeprägte Sensibilität für gesellschaftliche Entfremdungsprozesse hat uns den Blick auf eine bessere Zukunft geöffnet.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr
Buch
André Gorz
"Auswege aus dem Kapitalismus: Beiträge zur politischen Ökologie"
Rotpunktverlag 2009
ISBN-13: 978-3858693914
Buch
André Gorz
"Wissen, Wert und Kapital: Zur Kritik der Wissensökonomie"
Rotpunktverlag 2004
ISBN-13: 978-3858692825
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