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Ein Haus in Berlin "wehrt" sich gegen die Kapitalisierung
Stadtpiraten
Wie Luxus die Subkultur verdrängt
Ein Gespenst geht um in den Großstädten: die Gentrifizierung, ein Begriff aus der Stadtsoziologie. Er bezeichnet den sozialen Umstrukturierungsprozess eines Stadtteils. Das heißt, innenstadtnahe und mietgünstige Wohngebiete werden von privaten Investoren und Stadtplanern saniert. Die Mieten schnellen in die Höhe, die angestammte Bevölkerung verdrängt. Aus "abgewohnten" Stadtvierteln werden plötzlich schicke und teure Gegenden.
Widerstand braucht Symbole - wie die Besetzung eines Flughafens: In Berlin-Tempelhof herrschte am 20. Juni 2009 der Massenprotest gegen steigende Mieten und Luxusquartiere, gegen die Verdrängung der Schwachen und Unangepassten. Guerilla-Gärtner üben zivilen Ungehorsam, indem sie Samenbomben für Gärten und Grünflächen werfen.

Lupe
Michaela Pauls von der Initiative "Besetzt Tempelhof"
"Die Stadt gehört uns allen", erklärt Michaela Pauls von der Initiative "Besetzt Tempelhof". "Wir wollen mitbestimmen können, was in unserer Stadt passiert. Wir wollen die Stadt umstrukturieren, nicht eine Planungsbehörde, nicht Investoren, die mit Geld winken, sondern wir, die Leute, die in dieser Stadt wohnen, wollen unser Recht auf die Stadt wahrnehmen."

Luxus statt Subkultur
Parolen gegen ein Schlagwort: Gentrifizierung. Luxusbauten entstehen dort, wo einst günstiger Wohnraum Subkulturen erst ermöglichte. Mit der Aussicht auf Profit kommen heute Investoren zurück in die Innenstädte. Die Folgen sind steigende Mieten und der Austausch ganzer Bevölkerungsgruppen - exklusiv statt alternativ. Ein Prozess, der, wie in Kreuzberg, zunehmend auf Widerstand stößt.

Lupe
Stadtsoziologe Sigmar Gude
Der Urbanist Sigmar Gude sieht in Leuchtturmprojekten ohne ausgewogene Planungsphilosophie die eigentliche Ursache des Protests. Der Stadtsoziologe sagt, dass "eine Stadtplanungskultur unter Einbeziehung der Bürger auch in Tempelhof genau wieder missachtet wurde. Man hat eigentlich gesagt, uns interessieren die Bewohner ringsum nicht so sehr. Wir wollen etwas Großartiges machen für die gesamte Stadt. Deswegen befragen wir nicht die Bewohner, die in der Nähe wohnen, sondern, wir wissen es eigentlich besser."

Der Mythos Reeperbahn wir verkauft
Das ist auch auf Hamburgs Sankt Pauli Realität: Traditionskneipen feiern letzte Feste, Parallelwelten lösen sich auf. In seiner Dokumentation "Empire Sankt Pauli" wirft der Filmemacher Steffen Jörg einen wehmütigen Blick hinter die Fassaden vom Mythos Reeperbahn. Auch hier verändert Gentrifizierung das Gesicht des Rotlichtviertels, wo Großprojekte Schneisen schlagen in altbewährte Strukturen. "Hier verschwindet teilweise tagtäglich etwas", so Jörg. "Entweder werden alte Gebäude abgerissen, oder Menschen verschwinden aus dem Stadtteil. Wir wollen das erstmal dokumentieren, was hier passiert. Das war die erste Motivation. Und die zweite Motivation war diese Entwicklung kritisch in die Diskussion zu bringen, weil unsere Wahrnehmung war, dass relativ wenig darüber diskutiert wird."

Der Film ist ein Spiegel deutscher Stadtentwicklung. Seit auf dem Gelände einer alten Brauerei teurer Wohnraum steht, herrscht auch in Hamburg die Angst vor Verdrängung - schleichender Wandel der Marke Sankt Pauli. Alternativer Lebensraum wird zur Kulisse für das Stadtmarketing. Die Szene steht im Fokus der Spekulanten.

"Kaputtheit, Ambivalenz und Ranz" erzeugen Flair
Da kommt auch aus Künstlerkreisen Sympathie für den Protest, wie von Allroundkünstler Rocko Schamoni: "Dass das eigentliche Flair von St. Pauli eben auch durch Kaputtheit, Ambivalenz und Ranz erzeugt wird, scheinen sie nicht zu begreifen. Sie glauben wirklich, sie können es einmal durchpolieren und mit frischem Lack aufmöbeln und danach wär es dann das Gleiche. Das begreife ich nicht, dass da überhaupt keine Sensibilität dafür herrscht, was St. Pauli eigentlich ist und warum es weltberühmt ist und dieses Viertel eben so eine starke Anziehungskraft hat."

Lebensqualität am Wasser ist das Konzept für den Sprung über die Elbe. Die Internationale Bauausstellung, IBA, soll urbanen Charme auch ans andere Ufer transportieren - Imagepflege für Hamburgs Schmuddelecken. Ausgerechnet Wilhelmsburg soll vom sozialen Härtefall zum Modellprojekt werden. Der Umbau ganzer Quartiere stößt bei vielen Anwohnern auf Unsicherheit.

"Stadtplanung hat eine große Verantwortung"
Lupe
Uli Hellweg, Geschäftsführer IBA-Hamburg
Den Wandel fair zu planen ist auch für IBA-Chef Uli Hellweg eine Herausforderung: "Natürlich gibt es auch viele Beispiele, dass es in dem Augenblick, in dem private Investoren in Stadtteile hineingehen, und die öffentliche Hand keine planerische Gegenstrategie gegen die Aufwertung und gegen die Spekulation entwickelt, dann zu Gentrifizierungs-Prozessen kommt. Ich glaube, Stadtplanung hat eine große Verantwortung, auch im Sinne des Sozialstaatgebotes, zu agieren. Denn wohin Nichtplanung führt, kann man in vielen Städten dieser Welt sehen, und es endet in der Regel im Verlust von Stadt."

Die IBA will Veränderung, will neue Räume und ein kreatives Milieu. Das klingt alles stark nach bekannten Mustern: Cafés, Studenten, Investoren, und dann? Stadtplanung ist Gesellschaftspolitik. Bleibt nur die Frage: für wen? Anwohner fordern Mitsprache und rufen "Gentrifizierung", mittlerweile ein Kampfbegriff, aber kein Automatismus. Protest wirkt, wenn Reaktionen folgen. "Man muss sehr widerständig sein", sagt Stadtforscher Sigmar Gude, "und zwar von Anfang an. Man muss diesen Protest auch deutlich ausdrücken. Er muss sichtbar sein. Nicht darauf hoffen, dass man dann an der höheren Stelle gehört wird, wenn man irgendwo einmal ein Flugblatt oder eine kleine Unterschriftenaktion macht. Man muss auch an die Grenze gehen."

Ist die mutwillige Abwertung der eigenen Nachbarschaft Erfolg oder Trauerspiel? Anwohner fluchen, die Polizei ist hilflos, und die Debatte um Mietpreise und Verdrängung hat sich verschärft. 170 Autos brannten in Berlin allein 2009. Kaum Bekenner, keine Spuren, steigende Nervosität: Die Mobilisierung wächst im Kampf um die Stadt.

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