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Moderation
Tina Mendelsohn
Der interaktive Charakter des Fern-
sehinterviews reizt Tina Mendelsohn immer wieder. Idealerweise entwickelt sich dort ein Gespräch mit einem echten Erkenntnisgewinn, sagt sie.
© apLupe
Skandalgeschichten ranken sich um den Mythos Caravaggio.
Der wahre Caravaggio
Ein Buch über den Raufbold der Kunstgeschichte
Seine Bilder sind von einer Brutalität und Erotik, dass uns der Atem stockt - Sex and Crime anno 1600. Er hat dieses Image einfach weg, und wir lieben ihn dafür: Caravaggio. Der Maler soll ein Raufbold gewesen sein, ein Mörder gar. Nichts anderes als eine "schwarze Legende" ist das, sagt Sybille Ebert-Schifferer, die Direktorin am Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte in Rom. Ihr Buch zeigt nun den wahren Caravaggio.
"Es heißt immer, er hat sich in der Gosse herumgetrieben, nur in Kneipen herumgesessen und mit Dirnen verkehrt", sagt Ebert-Schifferer. "Das stimmt definitiv nicht. Er hat mit Literaten Kontakt gehabt, mit Bankiers, Finanzbeamten, Kardinälen. Alle diese Leute hatten auch mit einer Kurtisane zu tun oder mit einem Lustknaben. Es mag sein, dass Caravaggio das auch gehabt hat." Als Caravaggio um 1595 nach Rom kommt, ist er ein junger Maler, der den Erfolg will. Er sucht Auftraggeber wie den Kunstsammler Borghese. In dessen Villa hängt noch heute eine exquisite Auswahl. Sybille Ebert-Schifferer sagt, Caravaggio war kein Getriebener, sondern ein kluger Stratege. Wenn er sich als weinseliger Bacchus zeigt, dann ist das geschickte Selbstvermarktung.

Prostituierte als Modelle
Für die Kunsthistorikerin sind schon die frühen Werke typisch für Caravaggio: Die "Reuige Magdalena", so lebensecht gemalt, dass jeder mitfühlt. "Das ist eigentlich das erste Mal in der Malerei, dass dieser Bekehrungsmoment der Magdalena im Bild dargestellt wird", so Ebert-Schifferer. "Diese Heilige ist doch nur ein Straßenmädchen", schimpften die Zeitgenossen. Hintergrund ist eine Skandalgeschichte, die sich bis heute hält. "Es gab keine weiblichen Modelle in Rom damals, die waren verboten", weiß die Kunsthistorikerin. "Die Maler haben für die Madonna die eigene Ehefrau genommen. Die hatte Caravaggio nicht, da nahm er eben Prostituierte. In diesem Fall liegt das nahe, weil Magdalena die Schutzheilige der Prostituierten ist."

Rom um 1600: Der Kunstmarkt ist hart umkämpft. Jeder Maler muss eine eigene Marke kreieren und unverwechselbar werden. Und das versteht Caravaggio meisterlich. Er erhält einen Großauftrag von der Kirche. Für die Kapelle Contarelli malt Caravaggio Bilder, über die ganz Rom reden wird. Virtuos zitiert er seine großen Vorbilder, wie zum Beispiel Michelangelo. "Er hat versucht seine eigene Marke, das Hell-Dunkel und die vordergründige Natürlichkeit der Figuren, den psychologisch sehr prägnanten Ausdruck rüberzubringen. Aber mit vielen Figuren hat er wirklich gekämpft", so Ebert-Schifferer.

Gut gehütetes Betriebsgeheimnis
© ReutersLupe
Caravaggio packt den Betrachter
Obwohl Caravaggio noch am Anfang steht, ist er bald der neue Maler-Star in Rom. Schon bald verbreitet die neidische Konkurrenz Schmähschriften: Er treibe sich in den Gassen herum, sei ein bizarrer Charakter, wasche sich nie. In Wahrheit macht sein Talent Angst. Wie erzielt er diese dramatische Wirkung? Wie schafft er es, dass seine Figuren fast dreidimensional sind? Der Stratege Caravaggio macht aus seiner raffinierten Maltechnik ein Betriebsgeheimnis. "Wie man diese ganz starken Schlagschatten macht, das wollten die Konkurrenten rauskriegen", sagt Ebert-Schifferer. "Denn das war es, was seine Bilder so neuartig machte - und auf Neuartigkeit kam es an."

So sind diese Bilder kein Spiegel der Seele. Sie erzählen nicht von einem Künstlerleben voller Sex, Rausch und Gewalt. Nein, hier hat ein kühler Kopf genau gewusst, wie er seine Marktlücke findet - mit bis ins letzte Detail durchdachten Kompositionen. "Wir sollten auf jeden Fall davon ausgehen, dass er kein gedankenloser Natur-Abmaler war", so Ebert-Schifferer, "sondern ein höchst intelligenter Künstler mit einer ganz großen Bildintelligenz, der den Kunstcharakter seiner Bilder betont hat und sehr kunstreiche Schichten in seine Bilder eingebaut hat."

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buchtipp
© c.h.beckLupeSybille Ebert-Schifferer
"Caravaggio: Sehen - Staunen - Glauben. Der Maler und sein Werk"
C.H.Beck 2009
ISBN-13: 978-3406591402
ARD-Mediathek
© ReutersDer Beitrag in der ARD-Mediathek