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Majella Lenzen war 33 Jahre lang Nonne, bis die Kirche sie entließ
Wenn eine Nonne Kondome verteilt
Die bewegenden Erinnerungen von Majella Lenzen
Majella Lenzen arbeitete 33 Jahre lang im Dienst der Kirche in Afrika. Sie baute Krankenhäuser auf, betreute als gelernte Krankenschwester Cholera- und Malaria-Infizierte, stieg zur Provinzoberin in Simbabwe auf und koordinierte kirchliche Aidsarbeit in Tansania. Doch als sie eine Hilfsorganisation begleitete, die Kondome ins Rotlichtviertel transportierte, wurde sie vom Bischof unehrenhaft entlassen in ein sozial prekäres Leben. Jetzt hat sie ihre bewegenden Lebenserinnerungen niedergeschrieben.
"Die Wehmut wird immer da sein", sagt Majella Lenzen. "Es werden immer wieder Momente kommen, in denen ich denke: Du hast dazugehört, warum hat es nicht geklappt? Aber ich kann dazu stehen. Ich war 40 Jahre lang Nonne. Jetzt bin ich Majella Lenzen und nicht mehr Schwester Maria Lauda." Sie kann dazu stehen. Obwohl es ihr Weltbild und ihr Leben ins Wanken brachte. Sie wollte helfen. Als Ordensschwester leitet sie in Tansania ein Aidsberatungszentrum - bis sie ihre Stelle verliert, weil sie etwas für die Kirche Unerhörtes tut.

Keine Anklage, aber engagierte Streitschrift
"Wir sind in das Prostituiertenviertel in Morogoro gegangen", erinnert sich Lenzen, "um die schwerkranken Frauen zu besuchen, weil Geistliche nicht mehr zu ihnen kamen. Sie fühlten sich von der Kirche verlassen. Ich habe nicht die Kondome verteilt, sondern mein Auto zur Verfügung gestellt. Ich bin gefahren und habe Frau Incia mit einer Riesenkiste von Kondomen dorthin gebracht. Das war schon das Vergehen, dass ich als Nonne dort gesehen wurde, neben Kondomen. "Das möge Gott verhüten" lautet der süffisante Titel, "Warum ich keine Nonne mehr sein kann", die Unterzeile ihrer Lebenserinnerungen. Das Buch ist keine Anklage, aber eine engagierte Streitschrift. Und es ist die Autobiografie einer 71-jährigen, tief religiösen Frau, die an ihrer Kirche scheitert.

Die gebürtige Aachenerin wächst streng katholisch auf. Mit sieben Jahren, bei ihrer Kommunion, weiß sie bereits, dass sie einmal Nonne wird. Mit 15 Jahren tritt Majella in den "Orden vom kostbaren Blut" ein. Die frisch ernannte Schwester Maria Lauda, kaum 21 Jahre alt, geht als Missionsschwester nach Ostafrika. In den 1960er und 70er Jahren leitet sie ein Krankenhaus in Tansania und kämpft gegen Lepra, Cholera, Hunger und Armut. Ihre Opferbereitschaft ist buchstäblich herausragend. "Durch die chronische Malaria, die physische Belastung, diesen Kampf, hatte ich einen Jahreszyklus von fünf Jahren. Dann lag ich erst einmal wieder im Bett, weil ich nicht mehr aufstehen konnte. Aber um der Sache willen, aus Idealismus habe ich immer weitergemacht."

Lenzen setzt sich für Reformen ein
In den 1980er Jahren wird Schwester Lauda zur Provinzoberin in Simbabwe ernannt, ein Karrieresprung. Aber sie eckt an, weil sie sich für Reformen einsetzt und für die Gleichberechtigung der schwarzen Mitschwestern. Nach nur vier Jahren muss sie als einfache Nonne zurück nach Tansania. Mittlerweile greift eine neue, tödliche Seuche um sich: Aids. Schwester Maria Lauda baut in einer Provinzstadt eine Beratungsstelle auf. Unermüdlich betreut sie Kranke und Sterbende, leistet Aufklärungsarbeit, auch innerhalb des Ordens. Bis zu dem einen Tag, als sie einer befreundeten Ärztin hilft, Kondome zu verteilen - ein Eklat. Laudas Bischof setzt ihrem Engagement ein abruptes Ende.

"Wir wissen zwar, dass es Leute gibt, die den Gebrauch von Kondomen empfehlen", sagt Amedeus Msarikie, Bischof der Diözese Moshi Tansania. "Aber in Einrichtungen der katholischen Kirche erlauben wir das absolut nicht. Wir würden nie eine solche Person beschäftigen." Aus dem Orden entlassen, wurde Schwester Lauda unter Papst Johannes Paul II.. Als sie jetzt, im März 2009, das Vorwort zu ihren Erinnerungen schreibt, reist mit Benedikt XVI. zwar ein neuer Papst durch Afrika, aber die Verdammung von Kondomen ist geblieben. "Sein Zitat, dass das Verteilen von Kondomen überhaupt nicht hilft in der Aidsarbeit, höchstens das Problem noch verschlechtert, ist etwas für jemanden, der im Land gearbeitet hat, der die sterbenden Menschen sieht, der die ganze Problematik vor Ort erlebt, unfassbar", sagt Lenzen.

Umso schwieriger ist zu verstehen, gerade nach der Lektüre dieser Lebensgeschichte, dass Majella Lenzen die Hoffnung auf eine menschlichere, modernere Kirche nicht aufgegeben hat. Sie wurde von ihren Gelübden entbunden. Fast ohne Rente in ein sozial prekäres Leben entlassen. Aber mit dem Katholizismus kann und will sie nicht brechen. "Wenn ich austreten müsste aus der Kirche, dann hätte ich das Empfinden, als wenn ich umgebracht würde, als wenn ich nicht mehr leben könnte", so die ehemalige Nonne. "Ich bin meinem Glauben treu geblieben, weil das die Basis meines Lebens ist." Aber Majella Lenzen sagt auch: "Wenn alle schweigen, wird sich nie etwas ändern."

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buchtipp
Majella Lenzen
"Das möge Gott verhüten.Warum ich keine Nonne mehr sein kann"
DuMont 2009
ISBN-13: 978-3-8321-9519-9
Lesungen
Majella Lenzen liest aus "Das möge Gott verhüten":

03.09.2009: Köln
26.11.2009: Neustadt a.d. Weinstraße
14.12.2009: Düren
28.01.2010: Hattingen
25.02.2010: Vechta
Schwerpunkt
Papst & Vatikan - Kulturzeit berichtet über Johannes Paul II. und seinen Nachfolger Benedikt XVI.
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