Teurer Größenwahn
Macht und die Entfaltung narzisstischer Anlagen
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In der demokratischen Idee der Gewaltenteilung kommt die Wirtschaft nicht vor. Sie ist eine Macht außerhalb der Macht. Dieser Freiraum fördert das Ausleben bestimmter Eigenschaften stärker als in anderen Bereichen. Er ermöglicht insbesondere Spitzenmanagern die Entfaltung narzisstischer Anlagen. Gefragt sind Durchsetzungskraft, Visionen, Führungsqualitäten und Charisma. Wenn zu diesen Eigenschaften Übermut, Größenwahn, Realitätsverzerrung und asoziales Verhalten dazukommen, gibt es häufig Probleme.
Am Schweizer Ufer des Bodensees, in einer psychiatrischen Klinik, versucht ihr Direktor, der Psychologe und Mediziner Gerhard Dammann, die Auswirkungen des Narzissmus auf Management und Wirtschaft zu beschreiben. Er sagt: "Es wird immer dann gefährlich, wenn die Person die Sache selbst aus dem Auge verliert und anfängt, sich an Macht, Prestige oder Statussymbolen zu berauschen." Dabei interessieren Dammann sowohl die gesunden Formen als auch die neurotischen Konfliktlagen bis hin zu schweren Persönlichkeitsstörungen. "Es scheint so zu sein, dass vor allem größere Macht korrumpiert und dazu führt, dass die Bodenhaftung verloren geht. Ab einer bestimmten Höhe von Gehältern fällt es den Menschen schwer einzuschätzen, was adäquat ist und was nicht“, so Dammann.
Nützlicher Idiot oder Feind
In der aktuellen Diskussion um die Mindestlöhne gerieten auch die Gehälter der Manager erneut heftig in die Kritik. Vor zehn Jahren verdiente ein Manager etwa 30 Mal soviel wie ein Arbeiter, heute ist es bis zu 400 Mal mehr. Einer der Gründe ist, dass sich Vorstände und Aufsichtsräte in einer Art Kartell gegenseitig ihr Einkommen erhöhen. Zudem winken zusätzliche Aktienoptionen oder extrem hohe Abfindungen. Außerdem schließt ein Missmanagement lukrative Privatgewinne nicht aus. Die Verluste zahlt die Gemeinschaft. Den Betroffenen fehlt meist die Einsicht. Stattdessen wird Kritik am Gehalt häufig einfach als Sozialneid abgetan. "Neid ist daher auch eines der Kriterien im Klassifikationssystem der amerikanischen psychiatrischen Vereinigung für Narzissmus-Diagnostik“, weiß Dammann. Die Unfähigkeit, Kritik und Schwächen zu ertragen, ist für Dammann ein Indiz für Narzissmus. Nur massive Abwehrmechanismen verhindern die Wahrnehmung von Kritik und damit auch Kränkungen und persönliche Krisen. "Wenn sie als Therapeut mit schweren Narzissten arbeiten, sind sie entweder, wenn sie ihn in Ruhe lassen, ein nützlicher Idiot, oder, wenn sie ihn konfrontieren, sein Feind", sagt Dammann: "Das ist das Dilemma, sie werden nicht ernst genommen oder stellen eine Bedrohung da."
Alles Peanuts?
Was passiert, wenn, wie im Fall des Bauspekulanten Jürgen Schneider Mitte der 90er Jahre, der finanzielle Rahmen völlig verloren geht und der Narzissmus die Oberhand gewinnt? Warum haben die Banken und andere Beteiligte nicht eingegriffen? Die Deutsche Bank winkte ab: Alles Peanuts! Dabei ruinierte der Größenwahn zahlreiche Kleinunternehmen. Gerhard Dammann sagt: "Der Bereich der Wirtschaftskriminellen ist ein Grenzgebiet, in dem auch Dissozialität in den Narzissmus hineinreicht. Bei bestimmten Psychopathen ist die Fähigkeit chamäleonhaft zu täuschen, zu manipulieren und mit einem oberflächlichen Charme Leute zu umgarnen, Teil der Persönlichkeitsstörung. Es ist besonders schwierig, solchen Menschen frühzeitig auf die Schliche zu kommen.“ Damit der wirtschaftliche Schaden möglichst gering bleibt, empfiehlt Dammann den Unternehmen, Führungskräfte bereits bei der Bewerbung auf narzisstische Motive zu testen. Machtmissbrauch und Korruption könnten durch Aktionäre kontrolliert werden. Gesunder Narzissmus sollte genutzt, destruktiver entschieden bekämpft werden. "Corporate Governance und wirtschaftsethische Fragen sollten eine größere Rolle spielen, nicht nur die Kostenoptimierung", sagt Dammann. Denn tatsächlich funktionieren die narzisstischen Störungen nur dann, wenn das System von ihnen profitiert. Genau das ist das Problem: Vom Narzissmus im Sinne einer krankhaften Störung sind nicht nur Einzelne betroffen, sondern ganze Organisationen und Strukturen.

delta - alle 14 Tage jeweils donnerstags um 21 Uhr



"Narzissten, Egomanen, Psychopathen in der Führungsetage" von
Dammann, Gerhard und weitere Titel

Gerhard Dammann an der Universität Zürich
Die Macht der Manager [zdf.de]
"Mann, bin ich gut!" - Die Not narzisstischer Manager [hephaistos.org] (PDF)

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Januar 2008 / euler
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