Drang zur Selbstdarstellung
Nehmen narzisstische Störungen in unserer Gesellschaft zu?
© dpa
Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land? Experten warnen vor einer Zunahme narzisstischer Störungen. Es scheint, als sei für immer mehr Menschen die eigene Person der faszinierende Nabel der Welt. Aber stimmt das auch? Auf jeden Fall lässt sich mit Selbstverliebtheit viel Geld verdienen. Große Teile der Werbung verkaufen uns das Märchen unserer eigenen Verbesserungsfähigkeit. Nur noch dieses Accessoire, dann sind wir die, von denen wir immer geträumt haben.
Auch die Internet-Community fungiert als moderner Zauberspiegel. "Hot or Not" ist so eine Seite: Hier stellen Menschen ihr Bild ins Netz, damit die anderen - auf einer Skala von eins bis zehn - über ihr Äußeres abstimmen können. Wo endet die Normalität, wo beginnt die Störung? Berechtigte Fragen. Der Psychologe Robert Mestel hat in einer Studie untersucht, wie seine Kollegen Narzissmus definieren. "Wir haben ein Interview eines vermutlich narzisstisch gestörten Patienten genommen und haben ihn alle unabhängig voneinander bewertet. Dabei kamen die Experten fachlich und räumlich aus den verschiedensten Richtungen", erklärt Mestel: "Das Ergebnis war erstaunlich, denn es gab überhaupt keine Übereinstimmungen, weder zwischen den Experten, noch zwischen Experten und Praktikern. Auch nicht darüber, ob diese Person narzisstisch gestört ist oder nicht."
Bohlens Einzug ins Paradies
Dieter Bohlen bei Kerner  © dpa
Vielleicht nimmt der Narzissmus nur scheinbar zu, denn nicht zuletzt durch die neuen Medien gab es noch nie so viele Plattformen zur Selbstdarstellung. Fast jeder kann es heute mit provokanten Aussagen in eine Talkshow schaffen, wenn auch kaum einer eine solche Dauerpräsenz erreichen wird wie Dieter Bohlen, der sich jüngst öffentlich seinen triumphalen Einzug ins Paradies vorstellte. In der Talkshow Kerner im ZDF sagte Bohlen: "Da werden dann die ganzen Bischöfe in der ersten Reihe stehen und in der letzten der Bohlen. Ich glaube wirklich, dass der liebe Gott dann sagt, hey, da hinten steht ja der Bohlen. Komm mal nach vorne. Ich habe immer über dich gelacht. Du warst vielleicht manchmal hart, aber immer ehrlich. Du darfst reinkommen. Dann wollen wir mal sehen, ob alle Bischöfe auf dieser Welt in den Himmel kommen." Menschen mit narzisstischen Zügen brauchen die Medien - und umgekehrt. "Sie sind die Würze im Alltags-TV", sagt Mestel: "Ich würde mir nicht wünschen, dass wir überall nur gehemmte Interviewpartner haben, die ihre Dinge schüchtern runterleiern. Ein gewisser Störungsanteil macht das Programm ja erst interessant. Es gibt aber Menschen die darunter leiden und therapiebedürftig werden, das ist die Kehrseite des Ganzen."
Amokläufer wollen Bewunderung
Mutmaßlich der "Sturmgeist"  © dpa
Als Symptom einer behandlungsbedürftigen narzisstischen Störung gilt die Bulimie (Ess-Brech-Sucht), bei der vor allem Frauen krankhaft dem Ideal eines schönen Körpers nacheifern. Aber auch, wenn Beziehungen unmöglich werden, weil sich, etwa in einer Partnerschaft, einer immer ins Zentrum stellt, bis der andere irgendwann nicht mehr mitspielt, wird Narzissmus zum Problem. Im schlimmsten Fall kann Narzissmus auch eine psychische Komponente bei einem Verbrechen sein. Vor allem bei Amokläufen leben Täter, die sich als allmächtig und grandios erleben, ihre Träume von weltweiter Beachtung aus. Nicht selten stellen sie Drohungen und Gewaltphantasien ins Internet und kündigen ihre Vorhaben dort öffentlich an. Auch der Amokläufer, der Anfang November 2007 an einer Schule in Tuusula in Finnland acht Menschen tötete, war unter dem Namen "Sturmgeist89" im Internet zu finden. Mestel bestätigt: "Es deutet sicherlich auf narzisstische Motive hin, wenn Amokläufer oder Selbstmörder wollen, dass öffentlich bekannt wird, wie sie sich umgebracht haben. Sie wollen im Rampenlicht stehen und bewundert werden."
Warum nicht sich selbst klasse finden?
Doch jenseits dieser Extreme rät Mestel zur moralischen Abrüstung im Umgang mit dem Begriff des Narzissmus. Was spricht dagegen, sich selbst richtig toll zu finden? "Der Narzissmus-Begriff ist negativ besetzt. Damit möchte niemand in Verbindung gebracht werden", sagt Mestel: "Selbstverliebt oder sich selbst mögen, das wäre eine neutralere Beschreibung. Gerne gespiegelt oder gerne gesehen werden, damit wären die meisten Menschen vermutlich einverstanden." Zu oft wird Selbstverliebtheit moralisch bewertet. Wann sie zur echten Störung wird, beginnt die Psychologie erst zu erforschen.

delta - alle 14 Tage jeweils donnerstags um 21 Uhr

Robert Mestel an der Psychosomatischen Klinik Bad Grönenbach

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Januar 2008 / euler
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