Das wahre Selbst
Theorien zum Phänomen des Narzissmus
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Es war Sigmund Freud, der den Mythos von Narciss in die Beschreibung der menschlichen Psyche eingebracht hat. Seither wird dieser Mythos von den Psychoanalytikern immer wieder neu interpretiert. Bei Freud erscheint der Mensch ganz von seinen Trieben gesteuert, von Sexualität und Aggression. Zunächst richtet das Kleinkind seine Libido ganz auf sich selbst, von Freud als "primärer Narzissmus" bezeichnet. Im Lauf seiner Entwicklung muss der Mensch dann lernen, die Libido auf ein äußeres Objekt zu lenken.
Ein wichtiger Prozess. Gelingt er nicht, entsteht der "sekundäre Narzissmus", eine krankhafte Selbstliebe. Die sexuelle Energie wird von äußeren Objekten abgezogen und auf das Ich übertragen. Das Modell von Freud funktioniert wie ein geschlossener Kreislauf. Der Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth erklärt: "Er hat postuliert, dass wenn der Mensch die libidinöse Energie, über die er verfügt, auf sich selber richtet, dass dann automatisch diese Energie, die vorher auf die Bezugsperson gerichtet war, zurückgezogen wird. Aber auch umgekehrt. Je mehr Liebesenergie man auf seine Mitmenschen richtet, umso weniger bleibt als Liebesreserve für das eigene Selbst übrig." Heute sieht man das anders. Ohne ein gewisses Maß an Selbstliebe kann der Mensch auch keine anderen Menschen lieben.
Spiegelung am Selbstobjekt
Spiegelung am Selbstobjekt  © mev
Die Wende von der reinen Triebtheorie zur intersubjektiven Betrachtung kam mit dem Psychoanalytiker Heinz Kohut. Er versteht unter Narzissmus ein gesundes Selbstwertgefühl, das der Mensch in der Beziehung zu anderen Personen erst entwickeln muss. Das Selbst entsteht im Säuglingsalter in der Spiegelung an einem Selbstobjekt, der Mutter. Für diese Selbstbestätigung des Kindes durch Zuwendung prägt Kohut das Bild vom "Glanz im Auge der Mutter". Die moderne Säuglingsforschung hat diese Thesen inzwischen bestätigt. "Wenn man beispielsweise depressive Mütter filmt, sieht man, dass sie ihr Kind nicht richtig angucken, sondern knapp vorbeischauen. Entsprechend reagiert das Kind nicht, und es kann sich kein gesunder Narzissmus entwickeln", so Hans-Jürgen Wirth. Der gesunde Narzissmus ist Ausdruck eines starken Selbst. Er charakterisiert einen Menschen, der aktiv seine Interessen verfolgen kann. Das schwache Selbst dagegen baut zu seiner Stabilisierung ein Grandiositätsgefühl auf, das auch in seine Kehrseite, die Depression umschlagen kann.
Selbstliebe ist wichtig
Die polnische Psychologin und Kindheitsforscherin Alice Miller hat sich ebenfalls kritisch mit der Mutter-Kind-Beziehung auseinandergesetzt und Kohuts Gedanken weiterentwickelt. Auch für Miller ist Narzissmus etwas normales. Erst wenn eigene Interessen nicht artikuliert werden können, entsteht die narzisstische Persönlichkeitsstörung. In Anlehnung an den englischen Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald Woods Winnicott spricht Miller von "wahren" und vom "falschen" Selbst. "Wenn Eltern unter einem schlechten Selbstwertgefühl leiden, dann neigen sie dazu, von ihren Kindern zu erwarten, dass diese stellvertretend ihre unerreichten Ideale verwirklichen, beispielsweise Berufsziele oder Persönlichkeitsmerkmale", sagt Wirth: "Die Kinder werden unbewusst funktionalisiert und in eine Rolle gedrängt, die eigentlich der Konfliktentlastung der Eltern dient. Und aus dieser Instrumentalisierung kann sich ein falsches Selbst entwickeln." Denn wir alle spiegeln uns in unseren Mitmenschen. Wer kein gesundes Selbst entwickeln konnte, bekommt Schwierigkeiten. Nach Alice Miller gründet sich der "gesunde Narzissmus" auf der Sicherheit, dass die “empfundenen Gefühle und Wünsche zum eigenen Selbst gehören”. Dieses wahre Selbst kann dann sein Wollen oder Nichtwollen frei ausdrücken, “unabhängig davon, ob es dafür geliebt oder gehasst wird".

delta - alle 14 Tage jeweils donnerstags um 21 Uhr



Neue Wege der Psychoanalyse - Von Freud zur intersubjektiven Schule

Homepage von Hans- Jürgen Wirth
Seelisch Kranke unter uns - Narzissmus [psychosoziale-gesundheit.net]

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Januar 2008 / euler
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