Religion als Teilsystem
Niklas Luhmann über die Rolle des Glaubens in der Gesellschaft
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Um menschliches Zusammenleben zu beschreiben, unterscheidet Niklas Luhmann verschiedene Teilsysteme. Solche Teilsysteme, wie zum Beispiel die Religion, sind jedoch miteinander verbunden. Religion ist anderen Gesellschaftssystemen wie Wirtschaft, Recht, Politik, Kultur oder Wissenschaft nicht übergeordnet, sondern gleichwertig.
Jeder dieser Teilbereiche schafft sich ein eigenes System, durch das er sich von anderen abgrenzt. Die Grenzen der einzelnen Systeme werden durch ihre Sinn-Horizonte markiert. Dabei bestimmen sogenannte Leitdifferenzen die Grenzen zwischen einem bestimmten System und seiner Umwelt. Um diese Grenzen ziehen zu können, muss jedes System sich selbst und diese Leitdifferenz - etwa gut und böse - beobachten.
Was macht den speziellen Sinn der Religion aus?
Dabei richtet es den Blick sowohl auf seine internen Prozesse, als auch auf seine Umwelt. Da der Beobachter sich selbst nicht beobachten kann, entsteht ein unbeobachteter Raum, der Raum der Transzendenz, die Sphäre des Religiösen. Was macht den speziellen Sinn der Religion aus? Das Religiöse versöhnt das, was beobachtbar ist mit dem was unbeobachtbar ist, in dem es die Einheit von beidem behauptet. Diese Einheit aller Unterschiede ist jedoch nur in den Paradoxien des Glaubens und der Person Gottes lösbar. Religion wird also rein funktionalistisch, das heißt, als eines von vielen gesellschaftlichen Teilsystemen betrachtet. Die Aufgabe des Systems Religion ist es, das Problem der Endlichkeit des Menschen zu behandeln. Der Sinn der Religion besteht darin, die Offenheit und Ungewissheit menschlicher Erfahrung, die Kontingenz, zu bewältigen.
Privat- und Patchworkreligionen nehmen zu
Sie führt unbestimmbare Transzendenz in bestimmbare Immanenz über, Gott wird Fleisch. Gott beziehungsweise der Glaube wird bei Luhmann als Einheit der Differenz von Transzendenz und Immanenz verstanden. Gott als Person ist der Beobachter, der von der Welt unterschieden ist und daher für die Welt unbeobachtbar. Das System Religion findet im Lauf der Menschheitsgeschichte verschiedene Ausprägungen. Die Evolution betreibt dabei eine fortschreitende Säkularisierung der Religion. Sie führt dazu, dass Religion sich aus tangierenden Bereichen wie Politik, Wissenschaft und Kultur zurückzieht. Selbst die Bereiche der Moral und der Werte haben sich von der Religion gelöst und beurteilen nun ihrerseits die Religion. Luhmann sieht darin jedoch keinen Funktions- oder Bedeutungsverlust. Vielmehr findet die Religion seiner Meinung nach in der wachsenden Ausdifferenzierung der Gesellschaft überhaupt erst zu sich selbst. Einen Bedeutungsverlust erlebt lediglich die institutionalisierte Religion, die Kirche. An ihre Stelle tritt eine Individualisierung der Religiosität. Individualisierung bedeutet, dass Orte und Zeiten der religiösen Kommunikation immer beliebiger werden, die Privat- und Patchworkreligionen zunehmen.
Die Unüberschaubarkeit des Möglichen kommunizieren
Von der Individualisierung unberührt erscheint dagegen die islamische Welt. Ihr Fundamentalismus hat Rückwirkungen auf den Westen und verstärkt dort wiederum Bewegungen, die gegen die Modernisierung gerichtet sind. Religion stellt in der Moderne keinen Gesamtsinn her und kann für sich auch keine letzten Wahrheiten beanspruchen. Aber sie bietet eine Möglichkeit, die Unüberschaubarkeit des Möglichen zu kommunizieren, ohne darüber zu verzweifeln.


Religion - Die Vielzahl religiöser Erfahrungen und ihre Wirkung



"Die Religion der Gesellschaft"
von Niklas Luhmann
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Dezember 2007 / delta/euler
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