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Was kann und sollte die Philosophie heute leisten?
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Diese Frage diskutierten der französische Philosoph Alain Badiou und der slowenische Denker Slavoj Žižek im Frühjahr 2004 in Wien. Beide setzen sich kritisch mit den globalen kapitalistischen Strukturen und ihren Simplifikations- und Verdummungsmethoden auseinander. Und beide betonen demgegenüber die aufregende Komplexität des Lebens.
Slavoj Žižek: "Ich glaube, dass Philosophie grundsätzlich jeden etwas angeht! Worum es geht, ist zu zeigen, wie die Komplikationen, die die Philosophie aufzeigt, nicht etwas dem Menschen Fremdes sind, sondern etwas, das zu ihm gehört. Wenn Du die Philosophie nicht verstehst, heißt das, dass Du einen Teil Deiner selbst nicht verstehst. Ein guter Philosoph sollte Dir verständlich machen, dass die Komplexität der Dinge Deine eigene Komplexität ist. Es ist nicht so, dass wir Philosophen die Dinge gerne komplizieren. Wir machen das transparent, von dem Du selbst nicht weißt, was Du tust."
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Bewusstmachung von Wahlmöglichkeiten
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Die Philosophie muss den Menschen an die grundlegenden Wahlmöglichkeiten seines Denkens erinnern. Žižek und Badiou sind davon überzeugt, dass jede Zeit ihre Schlüsselereignisse hat, die uns Entscheidungen abfordern und neue Perspektiven eröffnen können. Aufgabe der Philosophie ist es, diese Ereignisse herauszufiltern.
Alain Badiou: “Ich denke, in Wirklichkeit ist die Philosophie immer eine Philosophie der Gegenwart. Das heißt, sie muss den heutigen Männern und Frauen in der gegenwärtigen Situation helfen. Und was ich "Das Feurige der Gegenwart“ nenne, ist diese besondere Intensität gewisser Dinge, die uns in der Welt, die wir miteinander teilen, zum Nachdenken und zum schöpferischen Handeln bringt. Ich glaube deshalb, dass die Philosophie nie enden wird, denn „Das Feurige der Gegenwart“ ist immer im Wandel, so dass es für die Philosophie immer von neuem etwas zu sagen gibt.“
Slavoj Žižek: “Ein wahrer Philosoph beantwortet keine Fragen, sondern sieht die Welt bereits voller Antworten. Seine Aufgabe ist es, die Fragen zu erfinden, die uns die Welt als Antwort erkennen lassen. Die Welt ist nicht ein Rätsel, für das wir die Antwort noch finden müssen. Antworten gibt es mehr als genug, Fragen sind das wahre Rätsel!“
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Stellen wir die falschen Fragen?
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Die Welt also ein Ergebnis, das wir nicht unbedingt verstehen, weil wir die falschen Interpretationsmethoden anwenden? Weil wir standardisierte statt bohrender Fragen stellen, deren Konsequenzen uns wohlmöglich erschrecken könnten? Die Ermunterung der Philosophie an uns ist, quer zu denken und dem ungewöhnlichen Gedanken eine Chance zu geben.
Slavoj Žižek wird konkreter: “Was den Philosophen ausmacht, ist die Erkenntnis, dass die Fragen, die wir heute stellen, selbst Teil des Problems sind, weil es die falschen Fragen sind. Folgen wir beispielsweise der politischen Theorie, ist eine der entscheidenden Fragen heute, wie wir den Fundamentalismus bekämpfen können. Demokratie gegen Fundamentalismus. Für mich aber wäre die wirkliche Frage, ob wir diese Darstellung tatsächlich als die Grundlage der Debatte akzeptieren sollten. Das heißt, ist es wahr, dass wir es einfach mit der Gegenüberstellung von guter Demokratie und bösem Fundamentalismus zu tun haben? Was, wenn wir es mit einem wesentlich komplexeren gesellschaftlichen Prozess zu tun haben, bei dem das gesellschaftliche System unseres globalen Kapitalismus selbst fundamentalistische Phänomene hervorruft?“
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Alle Menschen im Blick
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Žižek und Badiou hinterfragen gesellschaftliche Spielregeln, verweigern einfache Oppositionen und halten an einem Ideal fest, dass alle Menschen im Blick hat.
Alain Badiou: “Die Philosophie darf sich niemals mit dem geringsten Übel zufrieden geben, sondern muss immer auf der Suche nach dem Guten sein! Das ist schon eine alte Idee von Platon. Und das Gute ist selbstverständlich das maximal Beste für das Leben aller Menschen. Der liberale Kapitalismus aber kann das nicht versprechen. Die heutige Hölle ist nicht mehr eine Hölle der Bestrafung oder der Askese, sondern die Hölle des individuellen kleinen Genießens. Wir sind darin völlig gefangen. Unsere einzige Freiheit besteht doch darin, zwischen den unterschiedlichen Produkten, die dieses Genießen ermöglichen, auszuwählen. Ich glaube, es ist diese Art steuerbarer Mensch, die heutzutage ein Individuum definiert. Und ich finde, man kann das wirklich „Die Leere des Genießens“ nennen!“
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Offene Fragen als Anreiz
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Alain Badiou und Slavoj Žižek glauben an die unverwechselbare Rolle der Philosophie. Sie kann und will nicht ihre Meinung zu jedem x-beliebigen Thema äußern. Sie kann uns nicht in Sicherheit wiegen oder uns Rezepte geben, wie ein Arzt einem Kranken. Sie kann jedoch Fragen aufwerfen, gründlicher als alle anderen Disziplinen. Sie kann unser Denken wieder in einen lebendigen Prozess bringen, der uns selbst und die anderen zuweilen auf eine neue Art sehen lässt!
Slavoj Žižek: “Ich bin ein alter Cartesianer und sehe hier die Größe Descartes', der zu Beginn seiner „Abhandlung über die Methode“ so wunderbar beschrieben hat, wie sein Denken mit der Schockiertheit über die eigenartigen Bräuche anderer Menschen begann. Dann aber sagt er: „Nein, philosophische Weisheit beginnt dort, wo Du anfängst, über Deine eigenen Gewohnheiten zu staunen. Wenn Du erkennst, wie für den Fremden Deine eigenen Sitten verrückt erscheinen können.“ Dies bringt zum Ausdruck, wie wichtig es ist, die existierenden Probleme und Dilemmas immer wieder in einem neuen Licht zu sehen. Und genau das ist im Wesentlichen die Aufgabe der Philosophie.“
Alain Badiou: ”Wenn sich das Denken immer in einem Zustand der Erneuerung befindet, ist die Frage: Worin genau besteht die Arbeit des Denkens? Die Welt besteht ja nicht nur aus Intuitionen und Erkenntnissen. Es gibt die Arbeit des Denkens! Und diese Arbeit, glaube ich, ist immer die Treue gegenüber dem neu Entstehenden.“
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