Elias Canetti zum 100. Geburtstag
Das Jahrhundert "an der Gurgel packen"
Elias Canetti während der Nobelpreisverleihung 1981   © dpa
Es scheint eine Gesetzmäßigkeit zu sein, das bedeutende Schriftsteller schwierige Zeitgenossen sind - so auch Elias Canetti, dessen Geburtstag sich am 25. Juli 2005 zum 100. Mal jährt. Mit Urteilen war er nicht zimperlich. Karl Kraus nannte er einen "Diktator" und einen "Goebbels im Geiste", nur weil sich dieser eher vorsichtig über den erstarkten Nationalsozialismus geäußert hat. Er verspottete Enzensberger und Dürrenmatt, fand Musi widerlich, verhöhnte den "Karpfen" Adorno und den "Nasenlosen" Max Frisch.
Seinen langjährigen Freund und Förderer Claudio Magris nannte Canetti einen "Schwätzer" und Hermann Hesses Rezensionen seiner Bücher in der NZZ fand Canetti "beleidigend dumm". So viel Hochmut kann sich nur leisten, wer etwas vorzuweisen hat: Elias Canetti ist der mahnende Moralist des 20. Jahrhunderts - unbestechlich und mit einem analytischen Skalpell ausgestattet. "Er liebte die Menschheit in der Theorie, praktisch hatte er mit den Einzelexemplaren durchaus misanthropische Schwierigkeiten", schrieb "Die Welt" über Canetti. Er war Humanist, promovierter Chemiker, gebürtiger Bulgare, sprach sechs Sprachen, ein Kosmopolit und Nobelpreisträger. Canetti war mehr als die Summe seiner Eigenschaften und Werke.

"Glauben Sie nicht, dass Canetti genauso ist wie Gott?", wurde die Frau des französischen Kulturattachés auf einer Party gefragt. "Schon," antwortete diese "aber ist Gott wie Canetti?". Diese blasphemische Anekdote verdeutlicht Canettis Ruf war europaweit einmalig und kam dem Selbstverständnis des Literaten sehr nahe. Lange zehrte er von dem Ruf seines einzigen Romans "Die Blendung". Die Geschichte des verrückten Bücherwurms wurde erst mit der dritten Auflage 1960 zum Bestseller. Canetti verwarf das Werk als Jugendsünde und reagierte auf Lob für diesen Roman allergisch.

Herauszuheben ist sein Werk "Masse und Macht". Halb Literatur, halb ethnologische Studie, enthält das Buch viele originelle Ideen und Gedankengänge. Canetti geht darin einem Thema nach, das ihn 30 Jahre lang beschäftigte: 1925, bei einer Demonstration anlässlich der Ermordung Walther Rathenaus, spürte er zum ersten Mal die "Macht der Masse". Seit dem Massenaufruhr vor dem brennenden Justizpalast 1927 in Wien faszinierte sie ihn. Was ist eine Masse? Wie bildet sie sich, und welchen "Gesetzmäßigkeiten" folgt die eigentlich chaotische Menschenansammlung? Massenbewegungen als Phänomen der Moderne war ab den 30 Jahren des 20. Jh. sehr populär. Die politische Wirksamkeit von Massenbewegungen hat seit der Französische Revolution ("leve en masse") fasziniert. Mit der Herausbildung der Schicht der Arbeiter bekommt die Masse eine noch bedeutenderer Rolle in der Gesellschaft. Das auf räumliche Abgrenzung bedachte Individuum kann in der Masse seine gesellschaftlichen Zwänge ablegen. Soziale Unterschiede werden nivelliert und er erhält seine Freiheit zurück (genannt Entladung). In Anlehnung an Freud entwickelt er die These, dass Menschen neben den Grundbedürfnissen nach Essen, Trinken und Zuneigung auch einen Massentrieb besitzen. Dabei verliert die Masse ihre ursprünglich negative Konnotation. Massen sind etwa Natürliches und Notwendiges. Canetti leitet das menschliche Machtgefühl aus der Konfrontation mit dem Tod und dem Erlebnis des Überlebens ab. "Masse und Macht" wurde zu Canettis bekanntestem, aber auch umstrittensten Buch, für das ihm 1981 der Literaturnobelpreis verliehen wurde. Um noch einmal "Die Welt" zu ziieren: "Canetti pur ist immer noch ein Abenteuer. Der Autor, dessen Lieblingsbeschäftigung Denken war, wirkt in lethargisch orientierungslosen Zeiten wie ein Energie- Elixier. (...) Er wollte das Jahrhundert 'an der Gurgel packen'"

Canetti hat schon zu seinen Lebzeiten an seinem posthumen Ruf gearbeitet. In seinem Testament verfügte er, dass ein Teil seiner Notizensammlung erst zehn Jahre nach seinem Tod freigegeben werden soll (2004). Ein anderer Teil, zu dem seine Tagebücher gehören, wird erst 2024 von seiner testamentarischen Sperre befreit sein. Sven Hanuschek war einer der ersten Forscher, die den immensen Nachlass von Canettis in der Zürcher Zentralbibliothek zu Gesicht bekam und eine umfassende Biografie (fast 900 Seiten) schuf.


Elias Canetti - Der Ohrenzeuge
Samstag, 23. Juli 2005, 22.00 Uhr
Elias Canetti - Die Wiener Jahre
Samstag, 23. Juli 2005, 23.00 Uhr

Kulturzeit: Kosmopolit und Bohèmien
Am 25. Juli wäre er 100 Jahre alt geworden. Bis weit in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts hinein galt Elias Canetti als Geheimtipp. Neben seinem Roman "Die Blendung" und dem Theaterstück "Hochzeit" schrieb er fast nur noch an seiner großen ethnografisch-psychologischen Untersuchung "Masse und Macht".

Kulturzeit am Montag, 25. Juli 2005,19.20 Uhr

Elias Canetti - Der Ohrenzeuge
Elias Canetti wollte eigentlich 300 Jahre alt werden, sich das gesamte Weltwissen aneignen und es literarisch verarbeiten. Canettis Vater stirbt mit nur 31 Jahren in London. Seit dieser Zeit hat der Schriftsteller einen Feind, einen Todfeind. Der Film folgt Canettis Lebensweg vom bulgarischen Ruse an der Donau, wo er 1905 geboren wurde, über Manchester, Wien und London bis nach Zürich. Dort starb Canetti 1994.

Samstag, 23. Juli 2005, 22.00 Uhr

Elias Canetti - Die Wiener Jahre
© ORF/Johanna Canetti
"Die Wiener Jahre" waren Canettis Lehrjahre. Nach seinem Abitur in Frankfurt fing er hier an Chemie zu studieren, lernte seine Frau kennen und empfing die literarischen Weihen vom Dramatiker Karl Kraus. Der Film zeichnet diese Jahre nach und versucht auf sehr emotionale Weise, dem Phänomen Canetti gerecht zu werden.

Samstag, 23. Juli 2005, 23.00 Uhr

Kulturzeit Tipp: Der Einzelgänger
Seinen Nachlass ließ Canetti für zehn Jahre sperren; allzu Privates gar für 30 Jahre. Die ersten zehn Jahre sind jetzt abgelaufen. Eine Ausstellung und die erste Biographie von Sven Hanuschek verraten Neues über Elias Canetti, und die "Kulturzeit" berichtet.
18.07.2005 / SWR/ SRR
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