Das Geheimnis des Turiner Grabtuchs
Das Grabtuch Jesu?  © NDR/HIT
Seit Jahrhunderten ist die Anbetung von Reliquien fester Bestandteil der katholischen Glaubenspraxis. Der unangefochtene Star unter den Reliquien ist das Turiner Grabtuch. Millionen von Gläubigen gilt es als Leichentuch Christi. Über seine Echtheit gibt es unterschiedliche Meinungen. Für die einen ist es das Grabtuch Christi, für die anderen nur ein Grabtuch oder vielleicht sogar eine Fälschung. Ungeachtet der weltweiten Faszination verschloss sich die Kirche lange jeder wissenschaftlichen Prüfung des Grabtuchs. Erst 1978 und 1988 wurden das Tuch untersucht.
Das Ergebnis der anerkannten Radiokarbon-Analyse war: Das Tuch ist höchstens 750 Jahre alt. Drei Forscherteams aus Arizona, Oxford und Zürich hatten drei dem Tuch entnommene Proben unabhängig voneinander datiert. Ein sieben Mal ein Zentimeter großes Stück wurde aus dem Tuch entfernt und in der Sakristei in drei Proben zerteilt. Die Ergebnisse der drei Labors stimmten frappierend gut überein: Das Stück Stoff entstand erst zwischen 1260 und 1390 nach Christus. Dieses Ergebnis korrespondiert darüber hinaus mit der ersten Erwähnung des Grabtuchs im Jahr 1357 in Frankreich. Damit für in der Wissenschaft der Fall erledigt.

Dass sich der Glaube aber nicht daran orientiert, sah man im Jahr 2000, als das Tuch zur Besichtigung freigegeben wurde. Mehr als drei Millionen Menschen pilgerten in die norditalienische Stadt, um jene Blutflecken zu betrachten, die der gekreuzigte Jesus in dem Leinen hinterlassen haben soll. Bei den Abdrücken der Hände und Füße sind Spuren der Verletzungen durch Nägel zu sehen. Dass es sich um Abdrücke und nicht um Aufmalungen handelt, steht fest. Sollte jemand im Mittelalter brutal ausgepeitscht und gekreuzigt worden sein, um einen Abdruck in einem Leinen zu erhalten?

Das Grabtuch Jesu?
2004 kam wieder Bewegung in den Glaubens-Wissens-Streit: Der emeritierte Chemiker Raymond Rogers behauptet, das Tuch sei zwischen 1300 und 3000 Jahre alt, das heißt, es könnte tatsächlich das Grabtuch Jesu gewesen sein. Seine Messungen sind nicht mit der Radiokarbon-Methode zustande gekommen. Er bestimmte den Gehalt an Vanillin, welches entsteht, wenn sich Leinen zersetzt. Auch das Vanillin zersetzt sich mit der Zeit und so kann aus der Konzentration der Substanz das Alter bestimmt werden. In einer Grabtuch-Probe aus den 70er-Jahren, die er von dem wissenschaftlichen Berater des Erzbischofs erhalten haben möchte, fand Rogers kein Vanillin mehr und folgert: "Wenn das Tuch konstant bei 20 Grad Celsius lagerte, könnte es 3095 Jahre alt sein." Die - in seinen Augen - falsche Datierung der drei Forscherteams seien zustande gekommen, weil man versehentlich ausgebesserte Stellen analysiert habe. Und tatsächlich, das Grabtuch wurde schon einmal ausgebessert, weil es bei einem Brand schwer gelitten hatte. Sollen die Forscher 1988 tatsächlich eine dieser ausgebesserten Stellen erwischt haben?

Mit dieser Datierung des Grabtuchs um den Tod Christi ist Rogers nicht alleine. Israelische Botaniker haben an dem Stoff Pflanzenreste gefunden, die nur aus der Zeit Jesus stammen könnten und eine Schweizer Textilexpertin, die das Tuch restaurierte, befand, dass dessen Struktur und Webart eindeutig aus dem 1. Jahrhundert stammt. Ob das Tuch echt oder eine Fälschung ist, lässt sich wissenschaftlich nicht abschließend beurteilen. Es gibt gute Argumente für die Echtheit und gute gegen sie. Wissenschaft kann eben doch eine Glaubensfrage sein.

In der Sendung, die Sie am Freitag, 25.März 2005 um 19.15 Uhr sehen können, gehen wir der Frage nach: Ist das Tuch eine Fälschung? Und wenn ja, wer war der geniale Fälscher (vielleicht sogar von Leonardo da Vinci), dessen Arbeit bis heute bewundert wird? Und wie ging er zu Werke? Zahllose Theorien versuchen, sich dieser Frage zu nähern und wollen es lüften - das Geheimnis des Turiner Grabtuchs.


Freitag, 25.März 2005, 19.15 Uhr

Sehr ausführliche, objektive Infos über das Turiner Grabtuch bei Wikipedia.
Gesellschaft für Anomalistik: Zweifel am Alter des Turiner Grabtuches
Website, welche die Echtheit belegen will

nano: Turiner Grabtuch doch keine mittelalterliche Fälschung?

18.03.2005 / NDR /SRR
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