Nach dieser Version der Geschichtsdeutung fing der italienische "Sonderweg" nach dem Zweiten Weltkrieg an, als die USA eine Machtübernahme der kommunistischen Partei, der zahlenmäßig stärksten der westlichen Welt, verhindern wollte. Sie bediente sich der reaktionären Strukturen von Mafia und Geheimlogen, die nachweislich im Süden des Landes zu dieser Zeit repressiv gegen Linke vorgingen. Dieser Sonderweg erstreckte sich auch in die 1980er Jahre, in denen Italien kurz davor stand, innerlich zu zerreißen. Von den Rechts- wie Linksextremisten wurde eine solche Spannung aufgebaut, dass das Land dem Bürgerkrieg entgegentrieb. In acht Jahren starben durch Terror von links und rechts fast 500 Menschen.
Als Aldo Moro 1978 von den "Roten Brigaden" entführt wurde, war er auf dem Weg in das Abgeordnetenhaus, um Giulio Andreotti, unter Beteiligung der Kommunisten, auf die Regierungsbank zu bringen. Moro stellte die treibende Kraft zur Einbindung der kommunistischen PSI dar. Er wollte eine Einung der politisch-demokratischen Kräfte, um dem auseinanderdriften der Extreme Einhalt zu gebieten.
"Es gibt stichhaltige Indizien, dass auch die Geheimdienste bei der Entführung dabei waren", so die Untersuchungskommission "Terrorismus und Massaker", welche von 1994 bist 2000 unter dem Vorsitz von Giovanni Pellegrino die Entführung erneut beleuchtete. Aldo Moro, mit Kommunistenchef Enrico Berlinguer der Erfinder des "Historischen Kompromisses", war auch den unnachgiebigen Konservativen ein Dorn im Auge. Mit Moros Beseitigung sollte der Eintritt der Kommunisten in eine westeuropäische Regierung verhindert werden. Der Geheimdienst, so der Vorsitzende Pellegrino, hatte allem Anschein nach bei der Beseitigung brisanter Dokumente geholfen. Nach dem Überfall auf Moros Eskorte standen mehrere Aktentaschen mit Geheimunterlagen in seinem Auto. Eine dieser Taschen verschwand für dreißig Minuten und wurde danach wieder in das zerschossene Auto zurückgestellt. Von wem?
Als Moro in der Gefangenschaft begriff, dass man ihn zwar sucht, aber vermutlich nicht finden wolle, diktierte er den "Rotbrigadisten" die Skandale der italienischen Nachkriegspolitik und attackierte in Briefen seine Parteigenossen, denen er die Begünstigung ultrarechter Terrorzellen vorwarf. Doch warum haben die Terroristen dieses Wissen nie benutzt? Pellegrino behauptet, weil der Staat, der vorgab, mit den Terroristen über die Freigabe Moros nie zu verhandeln, über die Geheimdienste bereits einen Deal mit den Entführern vereinbart hatte? Doch dieser Deal kam offensichtlich zu spät: Kopien der Aufzeichnungen waren bereits in anderen Händen.
Die parlamentarische Untersuchungskommission in Rom versuchte die Rolle der italienischen und ausländischen Geheimdienste bei der Entführung Aldo Moros zu klären.
Mit neuen Fakten und Zeugenaussagen belegt der Film, den Sie am 5.11.2004 um 20.15 Uhr sehen können, die mörderische Verstrickung des Staates in den Fall Moro. Als Zeitzeugen treten u.a. auf: Ex-Innenminister Cossiga; der Untersuchungsrichter, der gegen die Roten Brigaden ermittelte; ein DC-Abgeordneter, der Moros Versteck hätte finden können; ein Mitglied der parlamentarischen Untersuchungskommission und zwei "Rotbrigadisten". Ein Film über die dunklen Seiten der italienischen Republik. Ein Film von Michael Busse und Rosa Maria Bobbi.