Politische Morde (3) Robert Kennedy
Ende eines amerikanischen Traums
Eine Hitzewelle traf Juan Romero im Gesicht, als er dem Sieger der demokratischen "Primary Wahlen" von Kalifornien, Robert Francis Kennedy, gerade die Hand schüttelte. Kennedy fiel in der Küche des Ambassador Hotels in Los Angeles zu Boden. Der mexikanische Hoteldiener Romero kniete sich nieder und hielt den Kopf des sterbenden Präsidentschaftskandidaten hoch. Seine Hand wurde warm vom Blut. In seiner Verzweiflung zog der 17jährige Juan seinen Rosenkranz aus der Tasche und legt ihn in die Hand des sterbenden Kennedy. Mit Robert F. Kennedy starb ein Stück vom amerikanischen Traum.

Der 43-Jährige war die Hoffnung von Einwanderern wie Juan, von Schwarzen in den Ghettos der Vorstädte, von verarmten Weißen in Amerikas vergessenen Regionen. Die Anti-Vietnam-Bewegung setzte auf ihn und die Studenten sahen in ihm den Hoffnungsträger für eine humanere Gesellschaft. Drei Monate vor seinem Tod hatte sich Senator Robert Kennedy entschlossen, um die Präsidentschaft für die Demokraten zu kandidieren. Der amtierende Präsident, Lyndon B. Johnson, verzichtete auf eine neue Kandidatur. Er hatte das Amt von John F. Kennedy, Roberts Bruder, geerbt und wollte es den Kennedys zurückgeben.
Schwer verletzt: Kennedy in der Küche des Ambassador Hotels
Robert Kennedys Konkurrenten um den Kandidaten-Posten waren Eugene McCarthy (nicht zu verwechseln mit dem Kommunistenjäger Joseph R. McCarthy) und der amtierende Vizepräsident und spätere Kandidat Humbert Humphrey. Robert Kennedy hatte mit 43 Jahren politisch schon einen langen Lebensweg hinter sich - meist aber stand er in der zweiten Reihe hinter seinem älteren Bruder John. Der junge Kennedy, den seine Freunde auch Bobby nannten, war ein politischer Draufgänger mit einer Vielzahl von Aufgaben. Ein halbes Jahr lang war er in Joseph R. McCarthys berüchtigtem Komitee gegen "unamerikanische Umtriebe" beschäftigt und er unterstützte ihn auch als Wahlkampfhelfer und engste Berater für seines Bruders John F. Kennedy.

Er stand ihm bei seinen politischen Krisen und privaten Affären zur Seite und wurde nach dem Attentat auf John F. Kennedy zum aggressiven und charismatischen Sprecher der "vergessenen" Amerikaner - zu einem "Hoffnungsträger des liberalen Amerikas". Nach dem Besuch in einem chilenischen Bergwerk sagte Senator Robert Kennedy: "Wenn ich jeden Tag hier arbeiten würde, wäre ich auch Kommunist!" Damit machte er sich wenig Freunde im Amerika der 60er Jahre, vor allem keine einflussreichen Freunde. Zu seinen politischen Gegnern gehörte FBI-Chef Edgar Hoover und Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa.

Am 5. Juni 1968 hatte Kennedy gerade die Vorwahlen in Kalifornien gewonnen, die ihn der Präsidentschaftskandidatur der Demokratischen Partei näherbrachten. Er war auf dem Weg von der Wahlkampfveranstaltung, als Kennedy um 0.14 Uhr die Hand des Tellerwäschers Juan schüttelte. Es befanden sich um die 70 Personen in der unübersichtlichen Küche des Hotels. Einer von ihnen war der jordanische Einwanderer Bishara Sirhan. Er war stark alkoholisiert und hatte eine Pistole dabei. Sein Motiv: die pro-Israelische Haltung von Kennedy. Drei Kugeln beendeten die Träume von einem "neuen Amerika". Drei Schüsse verletzten den Senator so schwer, das er Stunden später im Krankenhaus starb. Die tödliche Kugel traf Kennedy in den Kopf. Fast alle Zeugen sagten aus, der Täter habe von vorne, aus einer Entfernung von ein bis zwei Metern auf Kennedy gefeuert.

Bei der Obduktion wurde jedoch festgestellt: Kennedy starb durch einen Kopfschuss aus einigen Zentimetern Entfernung und von hinten. Können 74 Zeugen sich irren? Bei den vielen Fragen, die nach dem Tod Kennedys bleiben, ist es erstaunlich, wie schnell die Beweisaufnahme nach dem Mord beendet war und der Mörder verurteilt wurde. Sirhan erklärte sich zunächst schuldig und versicherte, er könne sich an nichts erinnern. Später wiederrief er und bekannte sich unschuldig. Man hätte ihn hypnotisiert um dann auf Kennedy zu schießen, ihn aber nicht zu töten - und das ist nicht die einzige fragwürdige Geschichte. In einer nachträglichen Untersuchung wurde festgestellt, dass die insgesamt acht abgefeuerten Kugeln nicht aus ein und der selben Waffe stammen müssen - es aber auch könnten. Viele Beweise und mehr als 1000 Fotos vom Tatort gingen kurz nach der Tat verloren. Die Polizei verpasste die Gelegenheit, alle Waffen, die sich zur Tatzeit in der Küche befanden, zu untersuchen. Die ballistischen Spuren waren nicht eindeutig. Viele Indizien sprechen für die Existenz einer zweiten Waffe.

Während Robert Kennedy auf dem Friedhof in Arlington neben seinem fünf Jahre zuvor ermordeten Bruder John seine letzte Ruhestätte fand, verbüßt Sirhan immer noch seine Haft in einem Kalifornischen Gefängnis. Nach 32 Jahren will seine Familie das Verfahren neu eröffnen. Der Autor Yoash Tatari lässt in seinem Film, den Sie am 29. Oktober 2004 um 20.15 Uhr sehen können, die Wegbegleiter von damals erzählen: von der Sehnsucht nach einem besseren Amerika und vom Alptraum dieser Nacht. Die Schüsse in LA vernichteten "ihren" Kandidaten und ihre Hoffnungen. Ob diese Schüsse wirklich aus Sirhans Waffe stammten, bezweifeln viele, die damals mit Robert Kennedy eine rauschende Siegesnacht feiern wollten. Und viele von ihnen würden bis heute gern die Geschichte zurückdrehen. "Ich hätte die Kugel kriegen sollen", flüstert Juan Romero leise. Das wäre er dem Land seiner Träume schuldig gewesen.


Freitag, 29 Oktober 2004, 20.15 Uhr



Politische Morde - Übersicht

RealVideo Rückblick 1968: Morde erschüttern Amerika [tagesschau.de]
Lebenslauf Robert F. Kennedy bei Wikipedia
Das Attentat auf Robert F. Kennedy: Verschwörungstheoretisch aufgearbeitet.

07.10.2004 / WDR/ SRR
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