Unser Vater, der Spion
Ein Bild aus dem Familienalbum: Armin und Charlotte Raufeisen mit ihren Söhnen Michael und Thomas. Wenige Jahre später ist die trügerische Idylle für immer zerstört.  © privat/MDR
1979 flüchtet der Oberleutnant des MfS, Werner Stiller, in die Bundesrepublik Deutschland. Der Überläufer hat detaillierte Informationen über das Wirtschaftsspionagenetz der Staatssicherheit. Ein Glücksfall für den Bundesnachrichtendienst: 17 Stasiagenten werden sofort verhaftet, mindestens 15 weitere können sich durch eine Flucht in die DDR retten. Einer davon ist Armin Raufeisen.

Als er Gefahr läuft, enttarnt zu werden, erzählt er seiner Frau und seinen beiden Söhnen, der Großvater in der DDR sei erkrankt, sie müssten ihn dringend besuchen. Erst hier erfahren die Kinder, wer ihr Vater wirklich ist. Als der Preussag-Angestellte seiner Familie mitteilt, dass sie die Heimat für immer verlassen sollen, bricht für die Söhne eine Welt zusammen. "Ich hatte so einen drei Meter langen Schal”, erinnert sich Michael, "bin rausgerannt – völlig verzweifelt – und wollte mich mit diesem Ding da aufhängen.” Ob er das damals wirklich ernst meinte, kann er heute nicht mehr sagen. "Ich wollte einfach nur meinen Missmut ausdrücken meinem Vater gegenüber. Einfach nur zeigen, wie beschissen ich das fand, was er getan hatte.”, erinnert sich Michael Raufeisen.

Der minderjährige Thomas muss bei Vater und Mutter in der DDR bleiben. Sohn Michael weigert sich, den Staatsbürgerschaftsantrag zu unterschreiben, und darf ausreisen. Armin Raufeisen verliert endgültig die Kontrolle über seine Familie. Der verdiente "Kundschafter des Friedens" fällt wegen der Ausreise seines Sohns bei den DDR-Mächtigen in Ungnade. Die Staatssicherheit verhaftet ihn, seine Frau Charlotte und den jüngsten Sohn.

Thomas und seine Mutter müssen unschuldig eine mehrjährige Haftstrafe im Stasigefängnis Bautzen verbüßen. Armin Raufeisen erhält lebenslänglich und stirbt im Haftkrankenhaus. Bruder Thomas verbüßt seine volle Haftstrafe und wird im September 1984 entlassen und darf zu seinem Bruder nach Hannover ausreisen. Die Eltern bleiben weiterhin inhaftiert. Am 14. Oktober 1987 ein Brief der Mutter: "Euer Vater ist vor zwei Tagen verstorben. Ich erhielt gestern die Nachricht, seitdem bekomme ich Beruhigungsmittel. Anders kann ich es nicht ertragen … Ich lebe nur noch in der Hoffnung, euch wieder zu sehen.” Der Gedanke an die verzweifelte Situation der Mutter quält die Söhne. Charlotte Raufeisen wird im September 1988 aus der Haft entlassen, doch erst im April 1989 kann sie die ersehnten Zeilen schreiben: "Ich komme zu euch, nach so vielen Jahren. Ich kann es kaum erwarten, euch endlich wieder zu sehen.” Sieben Monate später fällt die innerdeutsche Grenze.

Der Film "Unser Vater, der Spion", den Sie am Sonntag, 3. Oktober 2004, um 18.10 Uhr sehen können, erzählt die tragische Geschichte von Michael und Thomas Raufeisen und ihrer Familie. Die beiden Brüder erinnern sich an die dramatische Flucht 1979 und den langen Leidensweg zwischen den Fronten der beiden deutschen Staaten. Ein Film von Bettina Renner.



Sonntag, 3. Oktober 2004, 18.10 Uhr


"Geheimsache D - Der Kalte Krieg der Spione" in 3sat: Der Thementag am 3. Oktober 2004
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DLF: Verlorene Jugend - Nicole Glocke und Edina Stiller über zwei Lebensgeschichten aus Deutschland

23.09.2004 / MDR/SRR
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