Verschollen in Ostpreußen
Der lange Weg der "Wolfskinder"
© WDR
Das ist Genrich Tschupailis. Er lebt in Vilnius, der litauischen Hauptstadt. Allerdings lebt er unter einem fremden Namen. Wer er wirklich ist, stellte für ihn seit vielen Jahren ein unlösbares Rätsel dar. Bis zum Winter 1944/45 war er ein deutsches Kind in Königsberg. Damals begann die Tragödie: Er wurde ein Wolfskind. So wie ihm erging es tausenden deutscher Kinder. Auf der Flucht vor der Roten Armee verloren sie ihre Eltern. Um nicht in die Sowjetunion verschleppt zu werden, flohen sie in die Wälder, bettelten und kämpften ums Überleben.
Die eigene Identität - ein unlösbares Rätsel
Die Flucht nach Litauen war eine Möglichkeit, dem Verhungern zu entgehen. Viele Kinder wurden dort aufgenommen, mal aus Mitleid, meist aus Not, weil auf dem Lande Arbeitskräfte fehlten. Der Preis fürs Überleben war hoch: Die geretteten Kinder mussten ihren Namen und ihre Sprache vergessen, in eine neue Haut und Identität schlüpfen.

Erst seit dem Ende der Sowjetunion können die ehemaligen Wolfskinder ihre Geschichte erzählen und versuchen, ihre Herkunft und Vergangenheit aufzuklären. Sie suchen nach ihrem wirklichen Namen, ihrem Geburtsort, ihren Angehörigen. Ein schwieriges Unterfangen, weil alle Spuren gründlich verwischt worden sind.

Genrich Tschupailis hat sich auf eine Reise in die Vergangenheit begeben, auf die Suche nach Erinnerungen und nach Dokumenten, die seine wirkliche Herkunft belegen könnte. Solche Papiere muss es geben, denn in der Zeit der Sowjetunion wurde er immer wieder als "Deutscher" behandelt, damals eine Beschimpfung. Die Dokumentation begleitet seine Reise, seine Begegnungen mit Menschen, die wie er den Wettlauf mit der Zeit aufgenommen haben, und mit solchen, die von vielfältigen Enttäuschungen mit den wiedergefundenen Angehörigen berichten. Und auch für Genrich Tschupailis bleibt das Happy End vorerst noch ein Traum.

Literatur:
Ruth Kibelkas:
Wolfskinder. Grenzgänger an der Memel
263 Seiten, Neuauflage 2003, ISBN: 3861630648, 14,80 Euro

"Ich war drei, als die Mutter starb. Wie ich nach Litauen kam, weiß ich nicht. Einen Winter bin ich wohl über die Dörfer gegangen, dann fand ich gute Menschen. Dort waren 5 Kinder, aber ich wurde immer bevorzugt. Sie haben mir zu essen gegeben und mich gekleidet wie ihr eigenes. Die Leute haben immer gesagt, daß ich aus Ostpreußen bin. Als ich zu ihnen kam, konnte ich nur Deutsch. Aber im Paß steht jetzt: Litauerin..." (Zitat aus oben genanntem Buch)


Montag, 9. Juni 2008, 20.15 Uhr



DOKU Sommer 08

Die Berliner Zeitung: Wolfskinder - Fünf Geschwister aus Ostpreußen

Das Schicksal der Wolfskinder (Sendungen 2004)
Die Kinder der Flucht: Wolfskinder

18.08.2004 / WDR/SRR
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