Zur Schuld verdammt
Ein Held! Und doch ein geistig gebrochener Mensch. Er ist im Sommer 1994 "The Last Just Man" gewesen: Roméo Dallaire, Offizier einer Blauhelmmission der Vereinten Nationen, die den Auftrag hatte, die Kriegsparteien in Ruanda zu trennen. Er wurde Augenzeuge eines Vorgangs, dessen menschliche Dimension sich unserer Vorstellungskraft entzieht. Während eine Million Menschen abgeschlachtet wurden, versuchten er und 100 weitere Soldaten das Schlimmste zu verhindern und die UN dazu zu überreden, den Genozid zu stoppen - vergebens!
General Dallaire, die Blauhelme und das Massaker
Anne-Marie
Der Dokumentarfilm, den wir Ihnen am Sonntag, den 11.07.2004 um 22.00 Uhr zeigen, rekonstruiert den vorhersehbaren Genozid in Ruanda und die Untätigkeit der Vereinten Nationen. Der Autor Steven Silver ruft damit ein fast schon vergessenes Drama unserer Zeit ins Gedächtnis zurück. General Romeo Dallaire, Kommandant der UN-Blauhelm-Truppe, äußert sich zu den Geschehnissen, kann seine Mitschuld an dem grausamen Völkermord nicht verwinden.

General Romeo Dallaire ist ein Denkmal! Er ist ein wahrer Held unserer Tage: Durch seine eindringlichen Aussagen wird hinter der Fassade des hoch dekorierten Soldaten ein gebrochener Mann sichtbar, den die Last von Verantwortung und Schuld innerlich zerreißt. Es war ihm nicht gelungen, die UN-Verantwortlichen und den Sicherheitsrat in New York von der Notwendigkeit einer bewaffneten Intervention zu überzeugen.

Dallaire, daran lässt der Film keinen Zweifel, ist von den Ereignissen in Ruanda gezeichnet. Wäre es möglich gewesen, die Mitglieder des UN-Sicherheitsrats rechtzeitig von der Notwendigkeit einer bewaffneten Intervention unter dem Dach der Vereinten Nationen zu überzeugen? Wäre es ihm - Dallaire - möglich gewesen? Dallaire ist sich dessen heute sicher. Er empfindet es als sein persönliches Scheitern, dass es ihm nicht gelungen war, die Gleichgültigkeit der Großmächte gegenüber dem Konflikt zu überwinden. Immerhin: Dem Befehl zum Abbruch der Blauhelmmission widersetzte er sich. Dallaire blieb mit seinen Soldaten im Land. Das drohende Unheil ließ sich nicht abwenden. Aber der Kanadier wurde Augenzeuge eines Vorgangs, dessen menschliche Dimension sich unserer Vorstellungskraft entzogen hätte, gäbe es diesen Film nicht.

Steven Silvers Film zeigt die menschlichen Tragödien hinter den Nachrichtenbildern. Das "Schuld-Bekenntnis" des Generals wird durch die tragische Familiengeschichte von Anne-Marie, der Schwester eines Tutsi-Ministers, der mit seiner Familie vor den Augen der Truppen Dallaires massakriert wurde, gespiegelt. Der Film liefert ein deutliches Beispiel dafür, wie Politik das eigentliche Ziel verstellen kann: in diesem Fall den Frieden. Durch die gegenwärtigen Ereignisse auf dem afrikanischen Kontinent, im Kongo und in Liberia, gewinnt "Zur Schuld verdammt" traurige Aktualität.



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Sonntag, 11.07.2004, 22.00 Uhr
Originaltitel: The Last Just Man, Regie: Steven Silver, Drehbuch: Steven Silver, Barry Stevens, Musik: Daniel Bouliane, André Mongeon Entstehungsjahr: Kanada 2001

PHOENIX-Preis 2003
Unter vielen Auszeichnungen, die der Film bisher erhalten hat, ist auch der renommierte PHOENIX-Dokumentarfilmpreis 2003. In der Laudatio von Dr. Klaus Radke, PHOENIX-Programmgeschäftsführer, heißt es: "The Last Just Man" ist heute aktueller denn je, nach dem Ende des Irak-Krieges und inmitten der Kongo-Krise. Steven Silvers Werk, so beklemmend es auf den Zuschauer wirkt, ermutigt uns auch. Es ermutigt uns zur Skepsis gegenüber den in der internationalen Diskussion über die Legitimität militärischer Interventionen vorgebrachten Argumenten und gegenüber den Gründen dafür, dass die Weltgemeinschaft im Einzelfall untätig bleibt.

Die Schilderungen des Generals Roméo Dallaire geben "The Last Just Man" eine Struktur. Steven Silver schafft es meisterlich, sie mit der tragischen Familiengeschichte von Anne-Marie, einer Überlebenden des Massakers, und mit aufschlussreichem Archivmaterial zu verweben. Ihm ist eine virtuose, ja tatsächlich meisterliche Mischung aus einer filmischen Chronik und einer Seelenstudie gelungen. Steven Silvers Dokumentarfilm ist eine internationale Ausnahmeproduktion von hohem Rang. Sie hat Vorbildcharakter für den Umgang des dokumentarischen Fernsehens mit dem afrikanischen Kontinent, in stilistischer und in inhaltlicher Hinsicht.

www.phoenix.de

Steven Silver - Zur Person
Steven Silver wuchs in Johannesburg/Südafrika auf. Nach seinem Rechts-Examen an der Universität Witwatersrand arbeitete er an der sechsteiligen Dokumentations-Reihe SOWETO. Er engagierte sich gegen das Apartheid-System und war zeitweilig hauptberuflich für den ANC tätig. Das Thema ließ ihn nicht los. Nach seinem Umzug nach Kanada folgte 1997 die Dokumentation "Gerrie & Louise". Am Beispiel der beiden Protagonisten Gerrie und Louise verfolgt der Film die Auseinandersetzung der südafrikanischen Gesellschaft mit den Folgen der Apartheid vor der Wahrheitskommission. Dafür erhielt er einen Emmy.

Steven Silver produzierte mehrere Dokumentationen für Discovery Channel und History Television. In Toronto erhielt er den Menschenrechts- und Zuschauerpreis. Außerdem wurde er mit dem Gemini Award 2002 ausgezeichnet, dem bedeutendsten kanadischen Fernsehpreis.

General Romeo Dallaire - Zur Person
Roméo Dallaire
General Roméo Dallaire diente 35 Jahre in der kanadischen Armee. Er empfand es als Krönung seiner beruflichen Laufbahn, als ihm die Vereinten Nationen 1993 das Kommando der UN-Blauhelmtruppen in Uganda und Ruanda übertrugen. Nachdem die kämpfenden Volksgruppen zunächst einen Friedensvertrag unterzeichnet hatten, war es Dallaires Aufgabe, eine Friedenstruppe zu etablieren und die Waffenruhe zu garantieren. Er konnte nicht ahnen, dass die Konflikte innerhalb weniger Monate in den grausamsten Genozid seit dem Zweiten Weltkrieg umschlagen würden.

Den Völkermord konnte er nicht aufhalten, darunter wir er sein Leben lang leiden. Die Horrorbilder verfolgen den hoch dekorierten Soldaten bis heute. Tief traumatisiert kehrte er nach Kanada zurück. Zwei Selbstmordversuche folgten. Seit seiner Genesung engagiert er sich für Reformen der psychologischen Betreuung innerhalb der kanadischen Streitkräfte. Roméo Dallaire ist inzwischen pensioniert. In der Öffentlichkeit und in den Medien tritt er als Experte für traumatisierte Kriegsopfer und internationale Konfliktlösung auf. Inzwischen ist sein Buch "Shake Hands with the Devil. The Failure of Humanity in Rwanda" erscheinen (siehe Literaturliste). Darin schildert er seinen Weg vom überzeugten "Kalten Krieger“ zum engagierten Kämpfer für Frieden, Versöhnung und Menschenrechte.

05.07.2004 / WDR/SRR
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