Ruanda - Eine Chronologie des Schreckens

Totenschädeln in einer Kirche in Ntarama. Hier wurden 1994 über 5000 Menschen ermordet.  © dpa
"Ach, Afrika" möchte man ausrufen, wenn man von Gewalt und Leid auf dem Kontinent hört. Afrika kommt nie zur Ruhe, Afrika ist das Sorgenkind der Welt. Auch deshalb ist die Beschäftigung mit den humanitären Themen ist nicht grade en vogue und das Unwissen groß. Wo ist denn der Kongo, Uganda oder Burundi? Weswegen werden Menschen Ermordet? "Ach, Afrika", so heißt auch ein Buch von Bartholomäus Grill, in dem er die Unwissenheit des Westens mitverantwortlich für das Leid auf den Kontinent macht. Ruanda ist eines der besten Beispiele:
Die Vorgeschichte:
Eine halbe Million Macheten wurden kurz vor dem Massakern importiert
Ruandas Grenzen sind, wie die der meisten afrikanischen Staaten, willkürlich ohne Beachtung der Volksgruppen von den Kolonialherren gezogen worden. Dieses waren zu erst die Deutschen und nach dem Ersten Weltkrieg die Belgier. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs gab es immer wieder Konflikte zwischen den zwei Hauptbevölkerungsgruppen: den Hutus, welche die ethnische Mehrheit und ab 1973 die Regierung stellten, und den Tutsis. Nach einer langen Phase der Entspannung flammt der Konflikt 1990 wieder auf. Die Rebellen-Armee von Exil-Tutsis, die FPR (Front Patriotique Rwandaise), dringt von Uganda aus nach Ruanda ein und verwickelt die Regierungstruppen in schwere Kämpfe.

1993 hatten das Hutu-Regime von Präsident Habyarimana und die Miliz RPF nach drei Jahren Bürgerkrieg einen Friedensplan unterzeichnet und der Weltsicherheitsrat entsendete UN-Friedenstruppe, doch die Kämpfe gingen zwischen MRND (Partei der Hutus), den Oppositionsparteien weiter. Der Friedensplan sah eine Übergangsregierung und eine UN- Schutztruppe vor. Die UN stattete ihre Soldaten aber nicht mit einem sogenannten "Robusten Mandat" aus, das heißt mit dem Recht, notfalls einzugreifen, sondern nur nach Kapitel VI der UN Charta. Die UN hielt 2500 Soldaten zur Friedenssicherung für ausreichend, obwohl der Chef der Truppe, der kanadische Generalmajor Romeo Dallaire, mindestens 4500 gefordert hatte.

Der Genozid:
Ein Waffenfund der UN vor dem Ausbuch der Gewalt
Im Januar 1994 verdichteten sich die Indizien, dass die Hutu einen Völkermord planen würden. Es wurden Waffenverstecke der Hutus gefunden, die Angehörigen der Tutsis wurden registriert, in den Schulklassen wurden ihre Kinder separiert. 10.000 Hutu-Kämpfer wurden rekrutiert und eine halbe Million Macheten wurden an radikale Hutus ausgegeben. Als Romeo Dallaire auch noch einen Hinweis aus dem Hutu-Lager bekam, informierte er die UN in New York. Trotz Dallaires massivem Drängen verbot die damals vom heutigen UN-Generalsekretär Kofi Annan geleitete Abteilung für Friedenseinsätze jedes Eingreifen! Noch nicht einmal die Waffen sollte der General konfiszieren. Vor allem die USA war von ihrem gescheiterten Einsatz in Somalia noch traumatisiert und die Franzosen sahen ihre Interessen bedroht.

Der Völkermord an den Tutsis und an gemäßigten Hutus, die für Frieden und Versöhnung waren, beginnt am 6.4.1994. An diesem Tag stürzte das Flugzeug von Ruandas damaligem Hutu-Präsident, Juvenal Habyarimana ab, der dabei ums Leben kam. Die Umstände und vor allem die Täter sind bis heute nicht ermittelt. Die offizielle Version ist, dass die Hutu-Extremisten verantwortlich seien. Doch es gibt auch eine Reihe Anzeichen, dass die FPR die Präsidentenmaschine abgeschossen haben könnte. Sie hatten auch schon früher in Ruanda Anschläge durchgeführt. Egal, wer verantwortlich war sicher ist, dass es für die Hutus das Zeichen war, einen schon vorbereiteten Plan der Auslöschung der Tutsis durchzuführen. Schon kurze Zeit später fing das große Schlachten an, welches annähernd eine Million Menschenleben fordern sollte. Was sich in den folgenden 100 Tagen ereignete, sprengt jede Vorstellungskraft. Die Opfer waren durch die vorherigen Maßnahmen bekannt und die ethnische Zugehörigkeit stand auch in den Pässen.

Der UN Befehlshaber Dallaire forderte verzweifelt 5000 Blauhelmsoldaten an und die Erlaubnis, Waffengewalt anwenden zu dürfen. Doch niemand wollte ihn hören - schlimmer noch, man forderte seinen Abzug, nachdem zehn belgische UN-Soldaten ums Leben kamen. Doch Dallaire und 100 meist afrikanischen Soldaten wiedersetzten sich und verweigerten den Gehorsam - diese Tragödie sollte in die Geschichte der Vereinten Nationen eingehen. Die westlichen Länder schickten lediglich Truppen um ihre Staatsbürger zu evakuieren. Die verheerendste Rolle aber spielte Frankreich: Es lieferte auch als die Massaker in vollem Gang waren Waffen an die Völkermörder. Die Tutsi-Miliz RPF bekam aber in Ruanda schnell die Oberhand.

Unter Führung Paul Kagamés rückte im Juli 1994 die RPF in Kigali ein, beendete das dreimonatige Gemetzel und übernahm die Macht. Nicht nur die Verantwortlichen und die Täter flohen, vor allem in den Kongo, sondern auch die Hutus, die Racheaktionen befürchteten. Zwie Millionen Menschen waren auf der Flucht. Doch, von vereinzelten Exzessen abgesehen, blieb eine Rache aus. Stattdessen begannen im Dezember 1996 die Genozid-Prozesse. Und im Jahr 2000 wurde Kagame als neuer Präsident des traumatisierten Landes eingesetzt. 2003 fand das Referendum zur neuen Verfassung mit 93 Prozent Zustimmung. Zehn Jahre nach den schrecklichen Ereignissen ist im Staat Ruanda selbst oberflächlich Ruhe eingetreten, mit den Beziehungen zu den Nachbarländern, vor allem dem Kongo und abgeschwächt auch zu Burundi, sieht es allerdings schlecht aus.

Die Lage heute:
Ruanda und der Kongo stehen kurz vor einem Krieg, das Wissen um diese Tatsache ist in Europa nicht weit verbreitet. Grund für die Auseinandersetzung ist eine von Ruanda unterstützte Rebellengruppe im Ostkongo. Hintergrund ist auch hier die Ethnien, die beiderseits der Grenze der Staaten wohnen. Im 19. Jahrhundert sind in den Ostkongo von Tutsi abstammenden Banyamulenge eingewandert, die dort immer wieder das Opfer von Gewalt des Militärs, aber auch von Hutus sind. Die Hutus sind nach dem Massaker in Ruanda hierher vor der Strafverfolgung geflohen. Die Verfolgung der Banyamulenge und die Unterstützung für die Hutu-Extremisten in den Flüchtlingslagern von Goma waren 1996 für die ruandische Armee Grund für den ersten Einmarsch in Kongo. Dieser endete mit dem Zusammenbruch der kongolesischen Regime von Mobutu und Kabila, an dem Ruanda und die Banyamulenge maßgebend mitgewirkt hatten. Ein Pulverfass, dessen Zündschnur heute schon wieder brennt.


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29.06.2004 / WDR/RR
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