Hans Joachim Wilke vom Labor für Biomechanik der Uni Ulm erforscht seit 15 Jahren die Wirbelsäule – mit Präparaten, Modellen, Computersimulationen. Schon das komplexe Zusammenspiel der 28 Wirbel mit Bandscheiben und Bändern ist kaum zu verstehen. "Wenn die Muskulatur noch ins Spiel kommt, oder die Wirbelsäule als Gesamtkomplex, dann verstehen wir eigentlich nur noch sehr sehr wenig." Allein die Unterschiede der Muskulatur bewirken, dass sich Kräfte und Druckverhältnisse von Mensch zu Mensch stark unterscheiden: Jede Wirbelsäule ist so individuell wie ein Gesicht.
"Ein Junger Patient, der sportlich sein will, braucht eine ganz andere Behandlung, als ein älterer, der vielleicht schon an Osteoporose leidet. Das heißt, hier muss man ganz gezielt individuelle Maßnahmen anbieten und auch richtig auswählen."
Dass andere Kollegen mit fragwürdigen OP-Methoden Geld machen, ärgert ihn. Zum Beispiel wird neuerdings immer häufiger bei Rückenpatienten ein sogenannter Spreitzer implantiert. Der Hersteller verspricht eine Aufweitung des Wirbelkanals. Rückenschmerzen sollen verschwinden der unbeschwerte Gang wieder möglich werden. Jürgen Harms: "Genau das Gegenteil von dem, was hier gezeigt wird ist tatsächlich der Fall. Für die Gesamtwirbelsäule ist das eine absolut schädliche Operation".
Rückenschmerzen sind eine Volkskrankheit, Rückenchirurgie ein wahrer Wachstumsmarkt, auf dem viel Geld zu verdienen ist. Höchste Zeit also, dass bei Ausbildung und Qualitätskontrolle deutlich strengere Maßstäbe angesetzt werden.