Pfusch am Rücken
Wissen aktuell: Medizin im Fadenkreuz
Viele Rücken-OPs sind medizinisch überflüssig.  © Bilder: SWR
"In Deutschland werden jedes Jahr etwa 70.000 Bandscheibenoperationen durchgeführt, das sind für mich 30 bis 35.000 zu viel." Das sagt einer, der es wissen muss: Jürgen Harms ist Chefarzt der Wirbelsäulenchirurgie in Karlsbad. Schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit waschen ist normalerweise nicht sein Stil. Aber auf dem boomenden Gebiet der Wirbelsäulenchirurgie sind massive Fehlentwicklungen zu beklagen. Viele dieser OPs würden aus wirtschaftlichen Gründen gemacht, sind medizinisch überflüssig, klagt der Professor. Und das hat Folgen.
60 Prozent seiner Zeit verbringt Jürgen Harms damit, Kollegenpfusch zu reparieren. "Pfusch ist ja ein sehr herbes Wort. Ich glaube, ich sollte mich als Kollege etwas zurückhalten, das als Pfusch zu bezeichnen. Aber sicher wird zu viel an der Wirbelsäule herumoperiert und es gibt auch zu viele Kollegen, die sich an Dinge heranwagen, denen sie von ihrer Ausbildung her nicht gewachsen sind."
Einheitliche Standards fehlen
[vergrößern] Chefarzt Jürgen Harms, Karlsbad
Trotz des hohen Anspruchs an den Operateur gibt es keine geregelte Ausbildung in der Wirbelsäulenchirurgie. "Das andere Problem ist, dass wir in der Wirbelsäulenchirurgie keine Qualitätskontrolle besitzen. Wenn wir in der Wirbelsäulenchirurgie 35 Prozent schlechte Ergebnisse produzieren, dann wird das voll akzeptiert. Wenn wir das in der Knie- und Hüftchirurgie hätten, würde ein Aufschrei durchs Land gehen."

Mitverantwortlich für die desolate Situation: In Deutschland sind es Orthopäden, Unfallchirurgen und Neurochirurgen, die an der Wirbelsäule herumdoktern. Einheitliche Standards? Fehlanzeige! Kein Wunder, dass sich in Jürgen Harms Archiv ein wahres Gruselkabinett mit Fällen für verpfuschte Rücken-OPs befindet.

Am Rücken krank operiert
[vergrößern] Kontrolle des Operationsergebnisses
Ein Beispiel ist die falsche Anwendung von Knochenzement in der sogenannten Kyphoplastie. Jürgen Harms sieht leider häufig die Folgen einer solchen Knochenzementauffüllung. Der Knochenzement soll eigentlich den Wirbel stabilisieren, doch er kann ihn auch zerstören. Wenn ein Wirbel eines Patienten durch Osteoporose geschädigt ist kann es manchmal sein, dass die Auffüllung mit Knochenzement für die Nachbarwirbel schädliche Folgen hat. Denn diese sind auch durch den "Knochenschwund" vorgeschädigt und stoßen nun gegen den extrem unelastischen Knochenzement. Auch ein Austreten des Zements aus dem Wirbel hat fatale Folgen.

Doch nicht nur beim Knochenzement wird laut Prof. Jürgen Harms gepfuscht: Er berichtet von einer Patientin, die sieben Mal operiert wurde. "Das Ergebnis ist, dass sich die metallischen Implantate vollkommen gelockert haben. Die Schrauben hier im unteren Bereich hängen vollkommen in der Luft. Aber viel dramatischer ist diese massive Knickbildung in der Wirbelsäule, was zu einer massiven Fehlhaltung des Rumpfes führt. Das bedeutet, dass hier die Nervenbahnen massiv druckgeschädigt werden. Was auch bei der Patientin der Fall war. Sie hatte Lähmungserscheinungen im linken Bein und – was noch dramatischer ist – Mastdarmbeschwerden und an der Blase beginnende Lähmung.“

Die Wirbelsäule ist so individuell wie das Gesicht
[vergrößern] Die Funktion der Wirbelsäule ist äußerst komplex.
Hans Joachim Wilke vom Labor für Biomechanik der Uni Ulm erforscht seit 15 Jahren die Wirbelsäule – mit Präparaten, Modellen, Computersimulationen. Schon das komplexe Zusammenspiel der 28 Wirbel mit Bandscheiben und Bändern ist kaum zu verstehen. "Wenn die Muskulatur noch ins Spiel kommt, oder die Wirbelsäule als Gesamtkomplex, dann verstehen wir eigentlich nur noch sehr sehr wenig." Allein die Unterschiede der Muskulatur bewirken, dass sich Kräfte und Druckverhältnisse von Mensch zu Mensch stark unterscheiden: Jede Wirbelsäule ist so individuell wie ein Gesicht.

"Ein Junger Patient, der sportlich sein will, braucht eine ganz andere Behandlung, als ein älterer, der vielleicht schon an Osteoporose leidet. Das heißt, hier muss man ganz gezielt individuelle Maßnahmen anbieten und auch richtig auswählen." Dass andere Kollegen mit fragwürdigen OP-Methoden Geld machen, ärgert ihn. Zum Beispiel wird neuerdings immer häufiger bei Rückenpatienten ein sogenannter Spreitzer implantiert. Der Hersteller verspricht eine Aufweitung des Wirbelkanals. Rückenschmerzen sollen verschwinden der unbeschwerte Gang wieder möglich werden. Jürgen Harms: "Genau das Gegenteil von dem, was hier gezeigt wird ist tatsächlich der Fall. Für die Gesamtwirbelsäule ist das eine absolut schädliche Operation".

Rückenschmerzen sind eine Volkskrankheit, Rückenchirurgie ein wahrer Wachstumsmarkt, auf dem viel Geld zu verdienen ist. Höchste Zeit also, dass bei Ausbildung und Qualitätskontrolle deutlich strengere Maßstäbe angesetzt werden.



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22.07.2008 / SWR / SRR
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