Günter Grass - Die Blechtrommel - Story
Günter Grass mit Schnauzbart im Halbprofil: Berlin 1958.  © NDR/Steidl-Verlag
"Dickens habe in ihm den Wunsch erweckt, Schriftsteller zu werden, aber Grass habe ihm gezeigt, wie er es werden könne", schrieb kein Geringerer als John Irving. Im Jahr 1963 verbrachte Irving während seines Studiums zwei Semester in Wien, wo er "Die Blechtrommel" von Günter Grass mehrmals las. Davon inspiriert schrieb er sein erstes Buch "Lasst die Bären los!". So ist es auch verständlich, dass Irving Grass mit Händen und Füßen verteidigt - auch bei der Debatte über die SS-Mitgliedschaft. "Grass bleibt für mich ein Held, als Schriftsteller und moralischer Kompass" versicherte Irving öffentlich.
"Wichtigste deutsche Schriftsteller seit Thomas Mann"
Grass sei ganz sicher immer noch der "wichtigste deutsche Schriftsteller seit Thomas Mann", stellte auch der aus Wien stammende jüdische Publizist Amos Elon vor einigen Wochen fest. Doch der 80. Geburtstag von Günter Grass steht unter den Nachwehen seiner autobiografischen Enthüllungen. Im August 2006 hatte Grass noch vor der Veröffentlichung seines neusten Werkes "Beim Häuten der Zwiebel" eingestanden, dass er gegen Kriegsende Mitglied der Waffen-SS war. Diese Offenbahrung löste, vor allem von konservativer Seite, einen Sturm der Entrüstung aus. Kritiker warfen dem Literaturnobelpreisträger vor, zu lange darüber geschwiegen zu haben.

Vielleicht ist diese Kritik deswegen so harsch ausgefallen, weil sich Grass über Jahrzehnte zu der moralischen Instanz in Deutschland und sogar darüber hinaus entwickelt hat. Seit der "Blechtrommel“ (erschienen im Jahr 1959), kennt ihn die ganze Welt. Als Günter Grass 1999 den Nobelpreis für Literatur verliehen bekam, wurde Deutschlands wichtigster lebender Schriftsteller gradezu überhöht dargestellt. Um so schmerzlicher war dementsprechend auch für Grass der Verlust der moralischen Meinungsführerschaft.

Schon mit der Novelle "Im Krebsgang" begab er sich im Jahr 2002 bei der "Vergangenheitsbewältigung" auf ein schwieriges Terrain. Grass beschrieb in dem Buch wie im Januar 1945 ein sowjetisches U-Boot das Passagierschiff "Wilhelm Gustloff" torpedierte und die etwa 9.000 ostpreußischen Flüchtlinge in der kalten Ostsee starben - ein seit vielen Jahrzehnten weitgehend totgeschwiegenes Thema. Mit Grass Buch setzte auch in Deutschland ein Paradigmenwechsel in der deutschen Erinnerungskultur ein.

Erinnerung war für Grass schon immer ein wichtiges, als Motiv immer wiederkehrendes Thema: seine Kindheit in Danzig, das Kriegsende bei der Waffen-SS, die Künstlerbohème der 50er Jahre in Düsseldorf und Paris bis hin zum Durchbruch bei der „Gruppe 47“.


Samstag, 13. Oktober 2007, 22.05 Uhr



Schwerpunkt am 16. und 17. Oktober 2007

Dossier: Der NDR feiert Günter Grass - Schriftsteller, Kritiker, Maler

Kulturzeit: Günter Grass und die Waffen-SS - Berichte über ein Bekenntnis und seine Folgen
Kulturzeit: "Es tut mir leid" - Grass in New York
Kulturzeit: Erinnerungskultur im Krebsgang - Günter Grass, die "Wilhelm Gustloff" und linke Tabus

Schriftstellerische Flucht vor dem Mitläufer des NS-Regimes?
[vergrößern] Grass in Paris  © NDR/W. Hauke
Zum 80. Geburtstag von Günter Grass schildert der Film, den Sie am Samstag, 13. Oktober 2007, 22.05 Uhr sehen können, die frühen Jahre des Autors: Der Filmemacher Wilfried Hauke begleitet Günter Grass an die Schauplätze dieser Jahre. So besuchen sie zusammen die Dachkammer in Paris, in der der junge, ehrgeizige Debütant Grass 1956 den ersten Satz der „Blechtrommel“ schrieb.

In Interviews kommentieren Zeitzeugen und Wegbegleiter wie der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger, die Kritiker Joachim Kaiser und Marcel Reich-Ranicki sowie der Verleger Klaus Wagenbach den Weg des Autors Grass. In diesen Gesprächen geht Wilfried Hauke der Frage nach, woher der von Grass selbst so beschriebene „Größenwahn“ des jungen Mannes kam, „etwas Unübersehbares hinstellen zu wollen“. Klaus Wagenbach verfügt noch über eigene Notizen, denen zufolge Grass schon in den 60er Jahren von seiner Zeit bei der Waffen-SS gesprochen hat. Aber er brauchte Jahrzehnte, um dies auch niederzuschreiben. Steckte hinter dem unbedingten Willen, Künstler zu werden, auch eine Flucht vor den Jahren als Mitläufer des NS-Regimes? Grass lässt sich vielleicht nur verstehen, wenn man die Zeit vor der „Blechtrommel“ unter die Lupe nimmt – danach war er eine öffentliche Person. Die frühen Jahre sind der Schüssel zu Leben und Werken des Nobelpreisträgers.

Kulturzeit: Sozialpsychologe Harald Welzer im Gespräch über das späte Bekenntnis des Günter Grass (14.08.2006)

Neue Günter-Grass Ausstellung in Lübeck [NDR]
"Mein Jahrhundert" Günther Grass befragt von Jörg-Dieter Kogel und Harro Zimmermann [RB]
Geburtstagsgrüße aus Europa - Arte hat sich bei europäischen Autoren, Verlegern und Übersetzern umgehört und ihnen Fragen zu Grass gestellt

Ausstellungen in Lübeck
Günter Grass: Der frühe Grass. Die fünfziger Jahre.
20.09.2007 - 27.04.2008

Die Bildwelt des Günter Grass.
Dauerausstellung

Günter Grass-Haus
Glockengießerstraße 21
23552 Lübeck

Geöffnet: Mo - So 10.00 - 17.00 Uhr
Eintritt: 5,00 Euro, ermäßigt 2,50 Euro

Literatur
Günter Grass: "Beim Häuten der Zwiebel"
Steidl-Verlag, 2006, ISBN-13: 978-3865213303, 24,00 Euro.

02.10.2007 / NDR/ SRR
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