Wir haben doch nichts getan ...
Der Völkermord an den Sinti und Roma
Mano Höllenreiner kahm mit zehn Jahren ins Lager Auschwitz-Birkenau.  © Alle Bilder: SWR/Früh
"Ich möchte eigentlich noch der Mund sein, der sprechen kann für alle Toten, die dort geblieben sind. Dass die Welt auch noch begreift und weiß, was mit uns passiert ist." Die das sagt, ist Lily van Angeren, eine Dame, klug, belesen und charmant. Wenn sie deutsch spricht, dann mit einem niederländischen Akzent. Sie lebt seit Kriegsende in Holland, wollte nicht mehr im Land der Täter leben. Es war nicht mehr ihre Heimat, denn die Nationalsozialisten hatten fast alle ihre Angehörigen ermordet, weil sie der Minderheit der Sinti und Roma angehörten.
"Zigeunerlager" in Auschwitz-Birkenau
[vergrößern] Auschwitz, Stammlager
Im Frühjahr 1943 wurde Lily van Angeren mit ihrer Familie in das "Zigeunerlager", einen abgetrennten Bereich des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau, deportiert. Und mit ihnen etwa 20.000 andere deutsche Sinti und Roma. Die meisten hatten zuvor ein normales Leben geführt, wie andere Deutsche auch. 1933 konnte niemand von ihnen ahnen, was kommen würde. Manche Angehörigen dieser ethnischen Minderheit waren in der Hitlerjugend oder dem Bund Deutscher Mädel. Von 1939 an kämpften viele Roma und Sinti in der Wehrmacht. Und doch begann mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten der Prozess der rassischen Ausgrenzung, Verfolgung und schließlich Vernichtung der Sinti und Roma.
Sechs Schicksale, stellvertretend für alle Opfer
[vergrößern] Mano und Hugo Höllenreiner in Auschwitz, Birkenau.
Der Film, den Sie am Freitag, 27. April 2007, 20.15 Uhr sehen können, zeichnet die wichtigsten Stationen einiger Leidenswege nach. Sechs Überlebende berichten über ihr Schicksal: Hildegard Franz, deren Mann und drei Kinder in Auschwitz ermordet wurden. Mano und Hugo Höllenreiner waren gerade mal zehn Jahre alt, als sie deportiert wurden und die in Auschwitz erfahren mussten, welche Folgen die Experimente des Lagerarztes Josef Mengele hatten. Helene Winterstein wurde mit ihrer Familie bereits 1940 nach Polen deportiert und musste dort Zwangsarbeit leisten. Auch Lily van Angeren war in Auschwitz. Sie sollte als Lagerschreiberin die Namen aller Toten notierte.

Josef "Muscha" Müller wuchs bei einer Pflegefamilie auf und ahnte nicht, dass seine leiblichen Eltern Sinti waren. Er überlebte, weil seine Pflegeeltern ihn monatelang in einer Gartenlaube versteckt hielten und so dem Zugriff der "Behörden" entzogen. Es sind sechs Schicksale, stellvertretend für alle Opfer. Deren genaue Zahl kennt man bis heute nicht.

In einer Nacht wurden 2897 Menschen ermordet
[vergrößern] Auschwitz, Stammlager
Manche Historiker nehmen an, dass bis zu 500.000 Sinti und Roma aus ganz Europa der NS-Vernichtungspolitik zum Opfer gefallen sind. Menschen, die in den Lagern ermordet, an Seuchen und Auszehrung gestorben, von den SS-Einsatzgruppen erschossen oder erschlagen wurden. Im Sommer 1944 wurde das "Zigeunerlager" aufgelöst, die noch arbeitsfähigen Sinti und Roma in andere Lager weiterverschleppt. Alle verbliebenen Sinti und Roma wurden danach, in der Nacht vom 2. August 1944, ermordet. Es waren 2897 Männer, Frauen und Kinder. Noch heute gedenken Sinti und Roma aus ganz Europa an diesem Tag ihrer ermordeten Angehörigen. Jedes Jahr kommen sie nach Auschwitz-Birkenau zu einer Totenfeier. Für viele der Überlebenden ist es bis heute schwer, an den Ort ihres Leidens zurückzukehren.

Freitag, 27. April 2007, 20.15 Uhr

Kulturzeit: Mahnmal mit Leerstelle Streit um die Inschrift am geplanten Berliner Mahnmal für Sinti und Roma
Die Frauen von Ravensbrück (Sendung 1/2007)
Kulturzeit: Schwieriges Gedenken - Sinti und Roma kämpfen nach wie vor um Anerkennung
Kulturzeit: Mengeles Malerin Dinah Gottliebowa malte im KZ Porträts für den Lagerarzt - und rettete sich selbst


Die Rollbahn - über ein lange vergessenes Arbeitslager am Frankfurter Flughafen - Sedung am 29. April 2007, 21.15 Uhr

Eine Schürze voll Lebensmittel - Ceija Stojka überlebte Auschwitz-Birkenau [ARD]
Auschwitz: "Ordnung des Terrors"
1939-45 DHM: Der Völkermord an Sinti und Roma
Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau

23.04.2007 / SWRSRR
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